Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
INTO THE WILD
(Diverse Komponisten)
Besuch am
18. September 2026
(Einmalige Aufführung)
Das Niederrhein-Musikfestival ist in vollem Gange und, wie man hört, bislang überaus erfolgreich. Neben den Spielorten auf dem Land freut sich Anette Maiburg, künstlerische Leiterin des Festivals, auch einen Auftritt in Düsseldorf realisieren zu können. Außerdem gehört es für sie zu einem guten Festival, mit mindestens einer Eigenproduktion aufwarten zu können. Und so gerät die Aufführung im Maxhaus zu einem der Höhepunkte des diesjährigen Festivals.

Florian Gerhards – Foto © Michael Zerban
Am 13. Januar 1996 erschien der Roman Into the Wild von Jon Krakauer in den USA. Anhand von Tagebucheintragungen, Postkarten und Interviews rekonstruierte der Autor die abenteuerliche Wanderung von Chris McCandless. Im April 1992 trampte Candless nach Alaska, um allein in die Wildnis nördlich des Mount McKinley zu wandern. Seine gesamten Ersparnisse von 25.000 Dollar hatte er gespendet, das letzte Bargeld verbrannt – er wollte ein neues, ganz anderes Leben beginnen. Vier Monate später wurde seine Leiche von einem Elchjäger gefunden. „Mich hat an diesem Buch fasziniert, dass es keine einfachen Antworten gibt. Die Geschichte von Chris McCandless polarisiert. Manche bewundern seinen Mut, andere halten seine Entscheidungen für naiv. Das macht den Roman für mich so spannend. Die Fragen nach Freiheit, Selbstbestimmung und den Werten, die unserem Leben Orientierung geben, stellen sich junge Menschen genauso wie ältere“, erzählt Maiburg. Und beschließt, Auszüge des Romans im Rahmen eines Konzerts zu lesen.
Damit trifft sie offenbar den Nerv des Publikums. Im Saal bleibt zumindest kein Stuhl unbesetzt. Für den Vortrag der klug gewählten Passagen hat Maiburg den Schauspieler Thomas Kitsche gewinnen können. Musikalisch werden die Besucher vom Maiburg-Ensemble unterhalten. Flötistin Maiburg wird unterstützt von Pascal Schweren am Klavier, Caspar van Meel am Kontrabass und Fehti Ak an den Rhythmusinstrumenten. Florian Gerhards, von Hause aus Trompeter und Logopäde, trägt zu ausgewählten Stücken seinen Gesang bei. Und das gelingt ihm fabelhaft. Es versteht sich von selbst, dass Maiburg die Musikauswahl dem Stoff des Romans angepasst hat. Nach Tokyo Encore von Keith Jarrett gibt es Mother Nature’s Son von den Beatles, ein Song, der von der Sehnsucht nach einem einfachen Leben in der Natur erzählt. Das Scherzo aus dem Sommernachtstraum von Felix Mendelssohn Bartholdy hat Christoph König für das Ensemble arrangiert. König hat auch das Arrangement von Béla Bartóks Pe loc, dem dritten der rumänischen Volkstänze, geschrieben. Mit dem armenischen Volkslied Hov Arek im Arrangement von Schweren geht es in die Pause.

Thomas Kitsche – Foto © Michael Zerban
Mit Johann Sebastian Bachs Kantate Wachet auf, ruft uns die Stimme, ebenfalls von Schweren arrangiert, will Maiburg daran erinnern, das Wesentliche im Leben nicht aus den Augen zu verlieren. Auch Nature Boy, das Stück Nat King Coles, das von einem jungen Außenseiter erzählt, der durch seine Weisheit beeindruckt und erkennt, dass das Wichtigste im Leben die Fähigkeit zu lieben und selbst geliebt zu werden ist, könnte nicht besser zum Abend passen. Für den Mut zu einem Neuanfang plädiert Feeling Good von Anthony Newley und Leslie Bricusse, der Song, dem Nena Simone zur Berühmtheit verhalf. Gustav Mahlers Adagietto aus der Symphonie Nr. 5 im Arrangement von König schließlich bewegt sich zwischen Sehnsucht und innerer Einkehr.
Sanft gleitet die Musik wie ein ruhiger Strom zwischen Jazz und Klassik dahin, unterbrochen allenfalls durch dezente Soli, und schmiegt sich an die Erzählung an. Eine Geschichte, die vom Wunsch erzählt, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten und doch die Entbehrung nicht als Lösung findet. Das Glück, so ist zu hören, kann man nicht im Alleinsein finden, sondern letztlich nur im Glück mit anderen. Welch ein versöhnlicher Schluss, dem die Besucher mit stehendem Applaus beipflichten. Abgerundet wird ein fabelhafter Abend mit Louis Armstrongs What A Wonderful World, dem das Publikum schon fast andächtig lauscht.
Weiter geht es mit dem Festival am 25. September im Tuppenhof in Kaarst. Dann laden Pianist Florian Noack und Tänzer Nikolai Kemeny zum Scheunenzauber – Stepptanz, Tasten und der Geist des Jazz.
Michael S. Zerban