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Hintergründe
Vom 6. bis 15. November wird im Kunstquartier Bethanien und der Thomas-Kirche Kreuzberg in Berlin die Klangwerkstatt stattfinden, ein Festival für neue Musik. 18 Konzerte unter dem Titel Resonanz wollen die Entwicklung neuer künstlerischer Formen aufzeigen und Raum für die Diskussion musikästhetischer Positionen bieten.

Kollektiv Unruhe – Foto © André Fischer
1990 gründete der Komponist Peter Ablinger gemeinsam mit Kollegen und Schülern das Festival Klangwerkstatt – neue Musik in Kreuzberg an der Musikschule Kreuzberg. Heute ist es das älteste durchgängig existierende Festival für neue Musik in Berlin. Bis 2018 wurden bei der Klangwerkstatt Berlin, wie sie inzwischen heißt, rund 1.500 Stücke aufgeführt, davon waren etwa 600 Werke Uraufführungen.
„Wenn die Beschleunigung das Problem ist, ist die Resonanz vielleicht die Lösung“, schreibt der Soziologe Hartmut Rosa im Vorwort von Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Dem entfremdeten, dem unersättlich nach Optimierung strebenden und zum kollektiven Burnout führenden modernen Leben stellt er die Idee der Resonanz entgegen. Er meint damit ein berührendes Weltverhältnis, das auf Wechselseitigkeit beruht. Ausgehend von Rosas Idee der Resonanz als lebendiger, wechselseitiger Weltbeziehung fragt die Klangwerkstatt Berlin in diesem Jahr danach, wie Hören Verbindung stiften kann: zwischen Menschen, zwischen Kunst und Wissenschaft, Natur und Technik, Wahrnehmung und Erkenntnis. Musik soll dabei nicht als bloßes Objekt des Hörens, sondern als Raum gemeinsamer Erfahrung und Transformation erscheinen. Kinder- und Jugendensembles, Familienkonzerte und Mittagskonzerte mit Imbiss wollen zum generationsübergreifenden Austausch einladen. Die Klangwerkstatt Berlin schafft also Resonanzräume – für neue Klänge, neue Begegnungen und neue Möglichkeiten, Welt gemeinsam zu erfahren.
Den Auftakt des Festivals bildet der Auftritt des Ensembles Lux:NM unter dem Titel Von der Vermessung des Schlafes. Das interdisziplinäre Konzertprojekt beleuchtet Schlaf als kulturelles, gesellschaftliches und politisches Phänomen. Musik und Wissenschaft verbinden sich zu einem Abend zwischen Erschöpfung, Kontrolle, Imagination und Körperrhythmen. Werke von Kaija Saariaho, Helmut Lachenmann, Milica Djordjević, Jessie Marino und Charlie Haden treten dabei in Dialog mit einer neuen, von wissenschaftlicher Forschung inspirierten Komposition von Peter Gahn. Mit For Philip Guston schuf Morton Feldman ein monumentales Klangdenkmal der Freundschaft. In über vier Stunden entfaltet sich eine faszinierende Musik von radikaler Ruhe, Präzision und zeitloser Konzentration. Flötist Erik Drescher, Richard Putz am Schlagzeug und Mikhail Mordvinov an Klavier und Celesta führen das Werk am darauffolgenden Abend im Studio 1 des Kunstquartiers Bethanien auf.
Nachdem am Sonntagvormittag die Kammermusikklasse Gerhard Scherer und das Orchester Feelharmonie Rheinsberg unter dem Titel Experimentierfalten unter anderem Uraufführungen von Irini Amargianaki und Rainer Rubbert sowie Stücke von Katia Tchemberdji, Helmut Barbe, Gerhard Scherer und Uroš Rojko zu Gehör gebracht haben werden, gibt es mit Low Frequencies einen langen Abend der Bassstimme und -instrumente. Beatrix Wagner an der Kontrabassflöte, Bassist Andrew Munn führen Werke von Gerald Eckert, Alessio Rossato, Horațiu Rădulescu, Ellen Arkbro und Matthias Muche auf.
Mit dem Langzeitprojekt Das Periodensystem erforscht das Ensemble Mosaik am Donnerstag die 118 bekannten Elemente musikalisch. Es entsteht ein vielschichtiges Klangarchiv zwischen Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und künstlerischer Imagination. Zum Auftakt präsentiert das Ensemble drei Uraufführungen von Maja Bosnić, Jessie Marino und Manuel Rodríguez Valenzuela. Mit der Uraufführung der Gesamtfassung von Joe/Hab et swa is ait en für Vokalensemble und Videoanimation von Uwe Rasch führt das Ensemble Auditivvokal Dresden am folgenden Abend ein visionäres musiktheatrales Konzert auf. Die zwischen 1998 und 2008 entstandene Komposition nimmt Entwicklungen vorweg, die heute unseren Alltag prägen: die Verlagerung von Erfahrungen in digitale Räume, die Distanz zwischen Handlung und Konsequenz sowie die schleichende Entkörperlichung sozialer Beziehungen.
Mit Colours of Ghosts widmet das Ensemble L’art pour l‘art dem Komponisten und Klangkünstler Matthias Kaul, der von 1949 bis 2020 lebte, einen Samstagabend voller überraschender Perspektivwechsel. Kauls Werke führen in jene „Nebenräume“ des Hörens, in denen verborgene Klänge und alltägliche Gegenstände ein Eigenleben entwickeln. Seine Kompositionen treten in Dialog mit Kafka’s Ghost von Macarena Rosmanich und eröffnen Klangwelten zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Imagination. Anschließend präsentiert das Ensemblekollektiv Berlin unter der Leitung von Max Murray Chiyoko Szlavnics’ Werk Oracles I–V (listening spaces). Für die Akustik der Thomas-Kirche in Kreuzberg neu gestaltet, soll sich ein vielschichtiges Spiel aus Resonanz, Klangfarbe und räumlichem Hören entfalten. Zum Abschluss des Abends gibt es im Studio 2 des Kunstquartiers Bethanien Political Bodies von Shasha Chen. Musik, Elektronik, Ritual und Multimedia verschmelzen zu einer vielschichtigen Musikaufführung. Im Zentrum steht Identität als beweglicher Raum zwischen Verlust, Widerstand, Heilung und neuer Verbindung.
Das Trio Abstrakt beschließt mit Modes of Fragility am Sonntagabend das Festival: drei Werke zwischen klanglicher Transformation und Grenzüberschreitung von Wei-Chieh Lins Synthese aus Free Jazz und taiwanesischen Ritualen bis zu neuen Klangräumen von Milica Djordjević und Stefan Streich. Abgerundet wird das Ereignis mit Workshops für Jugendliche und unter der Woche mit Tafelmusik – Musik und Imbiss zur Mittagszeit. Das Ensemble Junge Musik Berlin unter der Leitung von Helmut Zapf lädt zu „Klangvollem und Schmackhaftem“ ein. Fünf Mittagskonzerte bieten Raum, um Musik neu zu begegnen. Flötist Erik Drescher kocht. Mit einem täglichen musikalischen Gruß zu Helmut Zapfs 70. Geburtstag.
Michael S. Zerban