O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Nachruf

Abschied ist ein Teil des Klangs

Im Alter von 91 Jahren ist der Dirigent, Musikwissenschaftler und Musikschriftsteller Peter Gülke verstorben. Ein persönlicher Nachruf von Andreas H. Hölscher

Peter Gülke – Foto © Rüdiger Böhme

Es ist der Abend des 26. April 2026. Ich lese in Peter Gülkes gerade erschienem Buch Menschen – Zeiten – Musik, das ich für O-Ton besprechen möchte. In diesem Buch fasst Gülke die Fülle seines Lebens als Schriftsteller, Musiker, Musikwissenschaftler und als politisch denkender Zeitgenosse in pointierten Betrachtungen zusammen. Als kritischer Zeuge eines ganzen Jahrhunderts nimmt er uns mit ins Gewimmel kultureller und gesellschaftlicher Entwicklungen, lässt sie aber in gewohnt dichter und sprachlich virtuoser Form auch an seinen Erfahrungen und Erkenntnissen im Umgang mit Musik, Literatur und Kunst teilhaben. Sein schonungsloser Bericht über das eigene Altern und den Tod wichtiger Menschen zeugt von großer Aufrichtigkeit, die sein gesamtes Schaffen und Wirken durchzieht. Es ist ein wunderbares Buch, das einen fesselt. Dann erreicht mich ganz unverhofft die traurige Nachricht, dass Gülke an diesem Morgen, drei Tage vor seinem 92. Geburtstag, in seiner Heimatstadt Weimar verstorben ist. Mit großer Dankbarkeit erinnere ich mich an einen ganz besonderen Menschen, den ich persönlich kennenlernen durfte und die Begegnungen mit ihm mich auf ganz unterschiedliche Weise inspiriert und bereichert haben.

Unsere erste Begegnung liegt bald 40 Jahre zurück. Im Mai 1988, da war Gülke bereits seit zwei Jahren GMD an den Wuppertaler Bühnen, leitet er eine Aufführung von Richard Wagners Ring des Nibelungen in der Inszenierung des schon vor fünf Jahren verstorbenen Regisseurs Friedrich Meyer-Oertel und in der klassischen Ausstattung von Hanna Jordan. Es war meine allererste Begegnung mit der Tetralogie, mit dem damals schon 66-jährigen Jean Cox als immer noch strahlendem Siegmund und Siegfried, mit dem großen Jef Vermeersch als Wotan und Wanderer und der wunderbaren Gudrun Volkert als Brünnhilde. Alles Sängerpersönlichkeiten, die nicht mehr unter uns weilen. Und am Pult stand Gülke, und dessen feinfühlige, filigrane Interpretation des Werkes hatte mich damals gebannt und gefangen genommen, der schwelende Wagner-Virus in mir war nach diesem Erlebnis endgültig ausgebrochen. Der erste Ring-Zyklus unter Gülke in Wuppertal war wie die erste Liebe, unerreichbar und unvergessen.

Es sollten viele Jahre ins Land gehen, bis ich Gülke wiedersah, nämlich beim großen Beethoven-Symposium 2020 des Richard-Wagner-Verbandes Nürnberg anlässlich des 250. Geburtstages von Ludwig van Beethoven. Hier lernte ich den Musikwissenschaftler und Freigeist Peter Gülke kennen. Ich habe über dieses Symposium für O-Ton berichtet und möchte hier gerne einige Zeilen zitieren: „Besonders anregend wird Gülkes frei gehaltener Vortrag, wenn er auf die Novelle Pilgerfahrt zu Beethoven von Richard Wagner zu sprechen kommt. Diese Novelle erzählt die fiktive Geschichte des in voller Beethoven-Begeisterung entflammten jungen Musikers Richard Wagner, der eine ‚Pilgerfahrt‘ nach Wien zu dem ‚Genius‘ unternimmt, um sich von Beethoven unterrichten zu lassen. In großer Ehrfurcht vor dem lange verstorbenen Meister gerät die Reise zu einer regelrechten Wallfahrt. Es ist eine humoristische Erzählung, die am Ende nach einer neuen Operndramaturgie verlangt. So legt Wagner Beethoven Worte in den Mund, die den ‚Unsinn‘ und die ‚Langeweile‘ zeitgenössischer Opern anprangern, eigentlich aber seine eigene Position dazu darstellen sollen. Nach diesem Ausflug in das etwas heitere Genre wird es wieder ernst, wenn der Dirigent und Pragmatiker Peter Gülke über den bekannten ‚Tristan-Akkord‘ referiert und erläutert, dass dieser Akkord eigentlich eine Akkord-Verbindung ist. Ein weiteres Thema seines Vortrages ist die Problematik der Reprise in der Sonatenform, die für Wagner stets ein Widerspruch war. Mit diesen musiktheoretischen Überlegungen, garniert mit den Ansichten eines Dirigenten, leitet Peter Gülke über zu einem ersten großen Höhepunkt dieses Symposiums, einem kulturellen Dialog zwischen dem Kulturtheoretiker Dieter Borchmeyer und dem Kulturpraktiker Peter Gülke, die in einem offenen Frage-Antwort-Spiel einen Gedankenaustausch zu Beethoven und Wagner praktizieren. Es ist bisweilen ein Streitgespräch auf höchstem Niveau zweier Grandseigneurs der Musikgeschichte, dabei bleibt ein Satz von Peter Gülke besonders im Gedächtnis ‚Ein Genie ist nicht verpflichtet, ein anderes Genie zu verstehen‘.“

Dieses Symposium, aber insbesondere der Auftritt Gülkes hatte einen so nachdrücklichen Eindruck hinterlassen, dass alle Versuche unternommen wurden, ihn noch einmal nach Nürnberg zu holen. Drei Jahre später war es dann so weit. Gülke, mittlerweile 89 Jahre alt, reiste mit dem Zug aus Weimar nach Nürnberg, und hielt einen bemerkenswerten Vortrag über Richard Wagners prägende Zeit in Dresden und dessen Rolle als Revolutionär. Auch diesen Vortrag habe ich für O-Ton besprochen und möchte in meiner Erinnerung an Gülke den folgenden Abschnitt daraus zitieren:

„Ein weiterer Schwerpunkt in Gülkes Vortrag ist das Nebeneinander von Musik und Text bei Wagner. In Bezug auf seine Frühwerke attestiert Gülke, dass er in der literarischen Disziplin besser als im kompositorischen gewesen sei. Sein Schaffen sei aber ein lebenslanger Lernprozess bin hin zum Parsifal gewesen. Die ‚Dialektik zwischen szenischer Vorstellung und musikalischer Imagination ist eine ständig Wechselseitige,‘ so Gülke. Darunter falle auch die Überlegung, die ‚Senta-Ballade‘ im Fliegenden Holländer noch einmal neu zu schreiben. Zu dieser Zeit war es unüblich, dass ein Komponist auch sein eigener Librettist war, dementsprechend wurden die Texte Wagners oft kritisch beäugt, und das bis in die heutige Zeit. Gülke führt da als Beispiel den Beginn des Rheingold an, wenn Woglinde singt: ‚Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagala weia! Wallala, weiala weia!‘ Diese von Gülke als ‚kindtümlich‘ bezeichnete Stelle ist aber die prosaische Umsetzung der Musik. Dazu passt ein Ausspruch Wagners, den Gülke zitiert: ‚Ehe ich daran gehe, einen Vers zu machen, ja eine Szene zu entwerfen, bin ich bereits vom musikalischen Dufte meiner Schöpfung berauscht. Ich habe alle Töne, alle charakteristischen Motive im Kopfe, so dass, wenn da die Verse fertig und die Szenen geordnet sind, für mich die eigentliche Oper ebenfalls schon fertig ist, und die musikalische Behandlung mehr eine ruhige und besonnene Nacharbeit ist, der der Moment des eigentlichen Produzierens schon vorangegangen ist.‘ Für Gülke ist diese Formulierung eine allerdings etwas übertriebene Darstellung. Bevor Gülke auf Wagners Rolle als Revolutionär während des Dresdner Maiaufstandes zu sprechen kommt, gibt es eine musikalische Darbietung von einem Überraschungsgast.“

Foto © Andreas H. Hölscher

Nach diesem Vortrag sitzen wir noch angeregt in einem benachbarten Restaurant und diskutieren über Wagner, und Gülke erzählt mit subtilem und feinsinnigem Humor viele Schnurren aus seinem langen Leben. Ich hatte vor meiner Anreise nach Nürnberg daheim in meiner Schatztruhe gekramt, wo ich alle Programmhefte der letzten 40 Jahre aufbewahre. Und nach einigem Suchen entdeckte ich auch die Programmhefte des Ring des Nibelungen aus Wuppertal. Als ich Gülke erzähle, dass die von ihm geleitete Aufführung meine erste Begegnung mit diesem Werk war und ich ihn um Signierung der Hefte bat, war er tief gerührt und sprang in seinen Erinnerungen sofort in diese Zeit zurück, und für einen Moment tauchten Gülke und ich in diesen Ring hinab. Ich brachte ihn dann noch zum Bahnsteig und verabschiedete mich ganz herzlich von ihm, nicht ahnend, dass es meine letzte Begegnung mit ihm sein sollte.

Gülkes Vita in diesem Nachruf komplett aufzuführen, würde den Rahmen sprengen. Er war nach Tätigkeiten an den Opernhäusern in Stendal, Potsdam, Stralsund, Dresden und Weimar von 1985 bis 1996 Generalmusikdirektor in Wuppertal. Zuletzt war er von 2015 bis 2020 Chefdirigent der Brandenburger Symphoniker. Von 1996 bis 2000 war Gülke Professor für Dirigieren an der Staatlichen Hochschule für Musik Freiburg und von 1999 bis 2002 Professor für Musikwissenschaft an der Universität Basel. Von Juni 2011 bis Juni 2014 war er Präsident der Sächsischen Akademie der Künste. Von Gülke gibt es zahlreiche Veröffentlichungen zur Musik der deutschen Klassik und Romantik. Für sein Lebenswerk wurde Gülke im Jahr 2014 mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis, dem „Nobelpreis der Musik“ ausgezeichnet, und  2022 wurde er Mitglied im Orden Pour le mérite, der zu den höchsten Auszeichnungen für besondere Leistungen in Kunst und Wissenschaft in Deutschland gehört.

Zahlreiche Bücher hat er geschrieben, und sein gerade erschienenes Buch ist so etwas wie sein Vermächtnis. Vielleicht hat er auch schon geahnt, dass die Reise zu Ende gehen würde. Ich habe an diesem Abend für den Nürnberger Richard-Wagner-Verband ein Kondolenzschreiben verfasst: „Mit tiefer Betroffenheit habe ich heute vom Tod Peter Gülkes erfahren. Er war für mich nicht nur ein großer Dirigent und Gelehrter, sondern ein leuchtendes Beispiel dafür, wie tief Musik und Menschlichkeit miteinander verwoben sind. Seine Fähigkeit, das Unsagbare in der Musik durch sein Wort und seinen Taktstock greifbar zu machen, wird mir unvergessen bleiben. In seinen Büchern wie Musik und Abschied hat er uns gelehrt, dass der Abschied ein Teil des Klangs ist. Nun ist sein letzter Akkord verklungen, doch sein geistiges Erbe wird in uns allen weiterhallen.“

Ich bin sehr dankbar, dass ich diese große Persönlichkeit habe kennenlernen dürfen, die Begegnungen mit ihm haben einen festen Platz in meinen Erinnerungen, und mein erster Ring mit ihm war meine erste große Liebe zur Musik Richard Wagners.

Andreas H. Hölscher