Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
GEFÄNGNIS OHNE MAUERN, SCHIFF OHNE MEER …
(Philipp C. Mayer)
SOMBRE
(Kaija Saariaho, Jean-Baptiste Barriére, Cécile Marti)
Besuch am
24. und 26. April 2026
(Premieren)
Vom 23.bis zum 26. April findet an verschiedenen Spielorten in Köln zum dritten Mal das Festival für aktuelles Musiktheater Orbit statt. Die beiden künstlerischen Leiterinnen des Festivals, Christina C. Messner und Sandra Reitmayer, wollen nach eigenen Worten das Publikum anregen, das Festival als einen Ort des kreativen Austauschs und der Begegnung zu nutzen, der Zuversicht und Hoffnung in schwierigen, ja, manchmal beängstigenden Zeiten geben könne. In vier Tagen waren sieben Produktionen und zwei kollektive Klangaktionen des Kölner Chaos-Orchesters zu erleben, von denen einige zu verschiedenen Zeiten mehrfach aufgeführt wurden. Zusätzlich gibt es ein Symposium mit dem Titel Politik und Prozesse – Eine Auseinandersetzung aus der Sicht der freien Szene. Mit Speaker‘s Corner wird ein Raum geschaffen für Diskussionen, Vernetzung und Meinungsaustausch. Mit Gefängnis ohne Mauern, Schiff ohne Meer … und Sombre sollen stellvertretend zwei Aufführungen beleuchtet werden.
Der bekannte und umstrittene, französische Schriftsteller Jean Genet, der von 1910 bis 1986 lebte, war Zeit seines Lebens ein Außenseiter. Als Homosexueller, Landstreicher, Dieb und Gefängnisinsasse stand er sein ganzes Leben am Rande der Gesellschaft. Mit acht tableaux morts erkundet das Werk Gefängnis ohne Mauern, Schiffe ohne Meer… anhand von Genets autobiografisch gefärbten Texten Stationen seines Lebens.
Die ebenerdige Bühne im Comedia-Theater ist ganz in Schwarz gehalten. Sieben Musiker und ein Schauspieler stehen oder sitzen auf der Bühne verteilt in der Nähe ihrer Instrumente und sind damit beschäftigt, an ihren Kleidern zu reiben, als müssten sie Flecken entfernen. Im Hintergrund sind Geräusche von Wasserbewegungen zu hören. Die Musiker begeben sich dann zu ihren Instrumenten, beginnen zu spielen und der Schauspieler, Max Kurth, beginnt einen Text von Genet über seinen Aufenthalt in der Strafkolonie Mettray, dem Gefängnis ohne Mauern, vorzulesen. Die Musik von Philipp C. Mayer unterstreicht die gelesenen Texte, mal dramatisch, mal elegisch oder auch wild und chaotisch.

Foto © Sophia Hegewald
Gleichzeitig führt die Musik auch ein Eigenleben und wird ohne Text eingesetzt. Es ist eine bemerkenswerte Leistung der Musiker des Ensemble Garage, die schwierigen und vertrackten Partituren zu spielen, zumal es in der Musik immer wieder teils längere Pausen mit langen Zählzeiten gibt. Die eindrücklichen Beschreibungen Genets, die von Kurth großartig gelesen und durch Bewegung auf der Bühne in Szene gesetzt werden, stehen im Mittelpunkt, aber es ist die Musik, die das Stück trägt. Durch Projektionen auf der Bühnenwand werden die einzelnen Stationen benannt. Auf der Bühne ist ein Kasten aus Milchglas, in den der Schauspieler, wie auf einen Hochsitz, mit einer Leiter hinein steigt und dort agiert. Eine Zelle, aber auch ein Abort, der trotz seines Gestanks für Genet ein Rückzugsort ist, den er stundenlang aufsucht, und dort den Duft der Rosen vor der Tür wahrnimmt.
Mit wenigen Mitteln gelingt es der Regisseurin Miriam Götz und dem Dramaturgen Julian Kämper, die gelesenen Passagen aus Genets Werk zum Leben zu erwecken und dem Publikum die Widersprüchlichkeit seiner Persönlichkeit vor Augen zu führen. Auf der einen Seite zarte lyrische Texte über die Blumen im Anstaltsgarten und auf der anderen Seite Tötungsfantasien, die wild heraus geschrien werden, begleitet von lauter chaotischer Musik und Lichtgeflacker. Man kann die tiefe Hoffnungslosigkeit des Insassen der Strafkolonie förmlich spüren, wenn er Sätze wie diesen spricht: „Für uns ist das Wetter grau, auch wenn die Sonne scheint.“
Mit wenigen dramaturgischen Mitteln, mit verstörenden Texten und einer Musik, die unvorhersehbar ist und immer wieder überrascht, wird die Aufmerksamkeit des Publikums gefesselt. So erscheint das Ende von Gefängnis ohne Mauern, Schiff ohne Meer … wie ein Erwachen aus einem schlechten Traum. Das Stück ist so eindrücklich, dass auch nach dem Verlassen des Theaters Sätze, Szenen und Musikpassagen wieder auftauchen und den Theaterbesucher nicht loslassen.
Die renommierte finnische Komponistin und Pionierin der elektro-akustischen Musik Kaija Saariaho, die in Paris lebte und 2023 mit 71 Jahren verstorben ist, hat sich in vielen ihrer Werke mit den destruktiven Tendenzen bei Persönlichkeiten der Kultur auseinandergesetzt. Sie beschäftigte sich mit der Frage: Kann die Liebe zur Schönheit in Grausamkeit umschlagen? Dabei setzte sie sich mit zwei historischen Personen auseinander: dem Maler Gauguin, der sein Leben in Tahiti idealisierte, und dem Poeten Ezra Pound, einem Schöngeist, der zum Anhänger des Faschismus wurde. Saariaho wollte dazu anregen, unsere kollektiven Schattenseiten in Frage zu stellen, in dem wir unsere selbst geschaffenen Idealisierungen genauer betrachten. Ihr Sohn, der Regisseur Aleksi Barriére, der die letzten Jahre eng mit seiner Mutter zusammenarbeitete, hat das Thema aufgegriffen und mit dem Werk Sombre. In The Shadows Of Our Time einen Bilderbogen aus sechs Teilen geschaffen. Das sind vier Werke seiner Mutter, ergänzt durch Kompositionen der Schweizer Komponistin Cécile Marti und des Komponisten und Sounddesigners Jean-Baptiste Barriére, der sein Vater ist und der Ehemann von Saariaho war. Zwischen den einzelnen Teilen werden Improvisationen von Fritz Hauser als Übergänge gespielt. Das Werk ist eine Hommage an die Komponistin Saariaho von ihrem engsten Familienkreis.
Auf der schwarzen Bühne in der Alten Feuerwache Köln sind vier Musikstationen aufgebaut. Links zwei Musikerinnen, Camilla Hoitenga, Flöten, und Eija Kankaanranta, Kantele, ein finnisches Volksinstrument, das zur Familie der baltischen Kastenzittern gehört und deren bis zu 40 Saiten gezupft werden. Auf der rechten Seite ist Fritz Hauser mit einer umfangreichen Perkussion-Station mit einer Vielzahl an verschiedenen Gongs und Rasseln und Alexander Gabrys am Kontrabass und in der Mitte sitzt der Bassbariton Robert Koller auf dem Boden, der sich dann im vorderen Bühnenraum bewegt und die verschiedenen Texte als Rezitative singt, Arien gibt es keine in diesem Musiktheaterstück. Koller singt die Texte in Englisch, Französisch und Italienisch, die Übersetzungen werden an die Bühnenwand projiziert. In der Mitte der Bühne steht ein mannshoher Kasten, auf den Fotos und Filme projiziert werden.
Der erste Teil ist Kaija Saariahos Werk Caliban`s Dream mit einem Text aus William Shakespeares The Tempest. Hoitenga spielt hier einen beeindruckenden langen Soloteil auf ihrer Flöte und Koller singt dazu den Shakespeare-Text. Die Musik wird elektronisch bearbeitet. Die Flötenmusik erhält viel Hall und wirkt dadurch ungemein räumlich. Für das Sound Design ist Barriére verantwortlich, ebenso wie für die Video-Projektionen. Barriére war lange Jahre am IRCAM, Institut de recherche et coordination acoustique/musique, in Paris beschäftigt, einige Jahre auch als Direktor für Recherche. Das IRCAM ist das französische Gegenstück zum Kölner SEM – Studio für elektronische Musik, das von 1951 bis 1999 im WDR existierte.
Noa Noa ist das zweite Werk, das sich auf Paul Gaugins Text Noa Noa bezieht, in dem er seine Erfahrungen in Tahiti idealisiert, insbesondere seine Frau, ein Kind, das er heiratete, als es dreizehn Jahre alt war, wird als Idol beschrieben. Als seine Frau vierzehn Jahre alt war, ließ er sie mit einem gemeinsamen Sohn zurück und kehrte nach Frankreich zurück.

Foto © Sophia Hegewald
Während Koller Gauguins Textstellen über das Mädchen singt, bewegt er zärtlich einen großen Regenmacher, ein Schüttelrohr, hin und her. Auch das nächste Stück schließt an Gauguin an. Cécile Martis Werk Oviri, mit einem Libretto von Aleksi Barriére. Oviri ist eine Skulptur von Gauguin aus der Mythologie Tahitis. Oviri ist der Gott der Trauer, der auf einer toten Wölfin steht und deren Junges erdrückt. Die Komponistin Marti ist selbst auch Bildhauerin und verfertigt Skulpturen, die auf die Leinwand projiziert werden, und eine ihrer Skulpturen ist auch auf der Bühne platziert. Das nächste Werk, wieder von Saariaho, Ciel étoilé, Sternenhimmel, wird von expressiver Musik begleitet und von Projektionen mit Sternen und Sonnenwinden.
Bevor Saariahos Werk Sombre über den Ästheten Ezra Pound und seine Verherrlichung des Faschismus den Abschluss macht, kommt noch das Stück Un Tempo di Lampi Senza Tuono, Eine Zeit des Blitzes ohne Donner, von Jean-Baptiste Barriére mit Texten des italienischen jüdischen Schriftstellers Primo Levi, den die Faschisten verhafteten und in das KZ Ausschwitz deportierten, das er überlebte. In seinen Texten beschreibt er die Entmenschlichung unter den Nazis, sowohl der Opfer wie auch der Täter. Dieser Teil zeigt noch einmal, welche Ungeheuerlichkeit die Hinwendung des schöngeistigen Schriftstellers Ezra Pound zum Faschismus war.
Begleitet werden die beiden letzten Teile mit Videos und Bildern aus Konzentrationslagern, faschistische Massenaufmärsche und von Mussolini. Alles etwas unscharf gehalten, was ihre Wirkung noch steigert. Zu den Levi-Texten, die Koller in Italienisch singt wird, die Musik nur von den beiden Musikerinnen auf Flöte und Kantele gespielt, allerdings mit elektronischer Bearbeitung.
Die Videos zu Sombre zeigen neben dem Faschismus Szenen, Filme über Ritualtänze des Nakhi oder auch Naxi genannten Volkes, das im Gebirge in Nordwest-China lebt und die Dongba-Religion praktiziert, die tibetisch-schamanistischen Praktiken verwandt ist. Ezra Pound hatte während seines Aufenthaltes in der Nervenheilanstalt, in die er verbannt wurde, von dem Volk erfahren und großes Interesse an einem Naxi-Ritual zur Befriedung von Selbstmördern. In seinen Cantos taucht mehrmals die Frage auf: Was habe ich nur getan? Reue oder Opportunismus?
Sombre. In The Shadow Of Our Times ist kein stringentes Musiktheaterstück, sondern ein loser audio-visueller Bilderbogen aus verschiedenen Werken, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind und es dem Publikum nicht immer leicht machen, einen Zusammenhang herzustellen. Das Stück lebt von den hervorragenden Kompositionen, Improvisationen und einem Sänger, der die Rezitative eindrücklich herüberbringt. Auch wenn sich nicht immer alle Zusammenhänge und Motive erschließen lassen, so sind die Libretto-Texte anregend und geben viel Stoff zum Nachdenken. Die beiden Werke von Cécile Marti und von Jean-Baptiste Barriére sind Uraufführungen.
Uwe Bräutigam