O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Susanne Diesner

Aktuelle Aufführungen

Voller Einsatz

LE NOZZE DI FIGARO
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
16. April 2026
(Premiere)

 

Robert-Schumann-Hochschule, Partika-Saal, Düsseldorf

Der Anspruch ist hoch, der Aufwand riesig. Mindestens einmal während ihrer Ausbildung sollen die Gesangsstudenten der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf an einer professionellen Opernproduktion teilnehmen. Also findet einmal im Jahr im April eine Aufführung im Konzertsaal der Hochschule statt. Nach Festlegung der Oper werden die teilnehmenden Sänger in Doppelbesetzung und das Regie-Team auserkoren, die Besetzung des Sinfonieorchesters der Hochschule bestimmt. Die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg übernimmt Bühnenbau, Kostüme und Beleuchtung. Zuständig für den reibungslosen Ablauf ist Thomas Gabrisch, Leiter der Opernklasse und musikalischer Leiter der Aufführung.

Dass der Professor bei der Wahl der Oper immer die falsche Wahl trifft, liegt auf der Hand. Entscheidet er sich für ein selten gespieltes Werk, müssen die angehenden Sängerdarsteller eine Rolle lernen, die sie schlimmstenfalls höchstens einmal im Leben verkörpern, und die Hochschule gibt sich elitär. Greift er zur Partitur einer bekannten Oper, können die Studenten nicht ihre individuellen Stimmen ausbilden, sondern müssen sich an den „Mainstream“ anpassen. Heftig diskutiert wird die Auswahl jedes Jahr aufs Neue, was immerhin für ein reges Interesse an den Aktivitäten der Institution spricht. Wenn Gabrisch in diesem Jahr die Hochzeit des Figaro festgelegt hat, stellt sich die Frage, was dem Werk Neues abzugewinnen ist – oder geht es nur um eine Lehrveranstaltung? Dann wäre es für die Stadtgesellschaft, die ja hier ausdrücklich als Publikum gewonnen werden soll, eher uninteressant.

Julia Wirth und Johannes Jost – Foto © Susanne Diesner

Mit dieser Frage hat sich heuer Regisseur Esteban Muñoz Herrera auseinanderzusetzen. Der entscheidet sich, nicht nach irgendwelchen Aktualisierungen oder verwegenen Interpretationen zu suchen, sondern die Komik der Oper in den Vordergrund zu stellen. Die wird vordergründig bleiben und nicht zwingend die dem Libretto innewohnenden Feinheiten herausarbeiten, aber für einigen Spaß beim Publikum sorgen. Eine erfolgreiche Komödie braucht ein hohes Tempo. Herrera erhöht kurzerhand die Vortragsgeschwindigkeit der Rezitative, wenn er sie nicht gleich verkürzt. Das ist nichts für Puristen, zumal er die „gewonnene Zeit“ für zusätzliche Gags nutzt, über deren Notwendigkeit sich diskutieren lässt. Die überdurchschnittliche Einsatzfreude der Studenten nutzt der Regisseur, um sie akribisch auf das Timing zu trainieren. Das Ergebnis ist sehenswert.

Das gilt nicht durchgängig für die Kostüme, die Katrin Lehmacher entwickelt hat. Kein Mensch erwartet in diesem Rahmen etwa historische Bezüge, und in einer Komödie darf es ja immer bunt werden. Aber muss man die Darsteller, sofern es nicht ihre Rolle erfordert, in unvorteilhafte Klamotten stecken? Im Publikum sind da zu Recht Unmutsbekundungen zu hören. Wenig zu hören gibt es von der Bühne. Die hat auch in diesem Jahr wieder Dirk Busse gebaut. Der Hintergrund ist mit schwarzem Stoff verhängt. Davor sind sage und schreibe acht Türen aufgestellt, die auf ein Podium hinausführen und wahrhaft genug Gelegenheit für Auf- und Abgänge sowie den einen oder anderen lustigen Regie-Einfall bieten. Das Podium gibt ausreichend Platz für die benötigten Requisiten, um die jeweiligen Handlungsräume abzubilden. Volker Weinhart ist der Beleuchtungschef der Rheinoper, und es ist ihm seit vielen Jahren ein persönliches Anliegen, den Nachwuchs ins rechte Licht zu setzen. Das gelingt ihm auch in diesem Jahr wieder fabelhaft. So spielfreudig die Bühne ist: Den Stimmen ist sie keine große Hilfe.

Kim Holtappels und Jinju Han – Foto © Susanne Diesner

Von den Studenten ist also voller Einsatz verlangt. Zuvörderst ist hier Julia Wirth zu nennen. Die Masterstudentin bei Konrad Jarnot zeigt als Susanna nicht nur stimmlich, dass sie ihrem Studium schon weit voraus ist, sondern besitzt auch die Souveränität, ihre Kommilitonen zu unterstützen. Eine im besten Sinn herausragende Erscheinung. Mit einer blonden Perücke ausstaffiert, gibt Jinju Han aus der Klasse von Ludwig Grabmeier die Gräfin Almaviva mit reifer Stimme. Der Graf ist ein Schwerenöter vor dem Herrn. Heute Abend steht Johannes Jost mit der Ausstrahlung eines sympathischen Oberprimaners auf der Bühne und muss erkennen, dass sein Stimmvolumen nicht ausreicht. Hier hat Ursula Hesse von den Steinen ihrem früheren Studenten mit der Besetzung keinen Gefallen getan. Eine besondere darstellerische Präsenz darf man auch von der Titelfigur erwarten. Und Leo Bögeholz Gründer aus der Klasse von Anja Paulus liefert ab.

Eine Ausnahmeerscheinung ist sicher auch Kim Holtappels, die sich bei Jarnot im vierten Semester des Masterstudiengangs mit außergewöhnlicher Spielfreude und hervorragendem Gesang profiliert. Sie gibt einen wunderbaren Cherubino. Ebenfalls aus der Klasse von Jarnot stammt der 22-jährige Falk Fink, der ein wenig selbstverliebt den Basilio spielt. Ihm kommen allerdings auch Phrasen aus dem Vogelhändler, der Zauberflöte und ein Lied zu, die als Gimmick eingestreut werden, ihm aber auch die Gelegenheit geben, eine exzellente tenorale Höhe zu zeigen, bei der man sich spontaner Begeisterung nicht erwehren kann. Von ihm wird man noch hören. Wenn die Hochschule schon mal einen Countertenor in ihren Reihen hat, muss sie ihn bei einem solchen Anlass auch einsetzen. Jarnots Master-Student Solomon Hayes wird also die Rolle der Marcellina anvertraut. Er löst seine Aufgabe brillant. Nach fast drei Stunden gelingt es Fiona Schwengenbecher, gerade mal im vierten Semester bei Hesse von den Steinen, als Barbarina, dem Abend mit überzeugender Italianità noch einen frischen Impuls zu verleihen.

Wieder mit dabei sind auch Mitglieder des Konzertchors Ratingen, den Gabrisch sehr erfolgreich künstlerisch leitet. Sie fügen sich wunderbar in das Gesamtgeschehen ein und haben sichtlich Spaß an ihrer Aufgabe. Die Freude an seiner Arbeit kann man auch Gabrisch am Pult ansehen. Mit dem Sinfonieorchester der Hochschule verfügt er über einen tadellosen Klangkörper, der überzeugenden Mozart-Klang sehr ausbalanciert vorträgt.

Nach satten dreieinviertel Stunden dürfen sich alle Beteiligten ausgiebig feiern lassen.

Michael S. Zerban