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MARKUS-PASSION
(Nikolaus Matthes)
Besuch am
8. März 2026
(Einmalige Aufführung)
Anders als bei der bekannten Matthäus-Passion und Johannes-Passion ist von Johann Sebastian Bachs Markus-Passion nur das Libretto erhalten. Geschrieben hat es Bachs bevorzugter Textdichter Christian Friederich Henrici, genannt Picander. Die Musik der als BWV 247 geführten oratorischen Passion über das vom Evangelisten Markus im wohl ältesten Evangelium geschilderten Leiden und Sterben Jesu Christi gilt als verschollen.
Uraufgeführt hat Bach das Werk am Karfreitag des Jahres 1731 in Leipzig. Später kam es in überarbeiteter und erweiterter Form 1744 noch einmal zur Aufführung. Durch Picanders vollständig erhaltenes Libretto beider Versionen lässt sich auch die Musik beschränkt rekonstruieren. Wahrscheinlich nutzte der Thomas-Kantor dafür ein geistiges Pasticcio, für das er – wie damals allgemein üblich – Sätze zuvor erschienener Werke verwendete, beispielsweise aus der Trauerode BWV 198 und der Kantate Widerstehe doch der Sünde BWV 54. Vielleicht floss auch neu für die Markus-Passion komponierte Musik später in sein Weihnachtsoratorium ein. Nicht für alle Arien im Libretto und die Rezitative fand man passende Musik Bachs.
Vor einigen Jahren hat sich der heute 45-jährige Deutsch-Schweizer Nikolaus Matthes der Markus-Passion gestellt und zu den barocken Texten Picanders eine eigene, neue Markuspassion im Stil Bachs geschrieben. Während frühere Rekonstruktionsversuche meist ein Pasticcio aus anderen Stücken Bachs waren, verzichtete Matthes auf Bachs Musik und komponierte das komplette Werk neu, bediente sich aber bei vielen Chorälen älterer kirchenmusikalischer Vorgaben. Er selbst verglich es in einem Interview mit dem NDR als eine Art musikalischen Dialekt, mit dem er versucht hat, Bach, den er für nicht kopierbar hält, musikalisch zu imitieren und dabei „seinen eigenen Akzent einzustreuen“.
Ein ehrgeiziger Ansatz des in Berlin geborenen und in Lüneburg und Basel aufgewachsen Matthes, der heute als freischaffender Musiker und Dirigent tätig ist. Michael Maul, der Intendant des Bachfests Leipzig, der die Markus-Passion von Matthes für 2027, wenn die Passion Thema des Bachfests ist, in die Heimatstadt des Thomas-Kantors eingeladen hat, geht sogar noch weiter: „Im ersten Augenblick dachte ich: Dieser Matthes hat Größenwahn! Sich hinzustellen und das Werk, das wir von Bach am meisten vermissen, einfach neu zu komponieren, Takt für Takt, Wort für Wort jenen Text von Picander, den Bach 1731 in Musik setzte und dessen Partitur leider verloren ging – dazu gehört schon eine kräftige Portion Übermut.“ Und doch scheint ihn der junge Komponist überzeugt zu haben, denn sonst hätte er ihn und sein Werk nicht eingeladen, beim Hochfest für Johann Sebastian Bach teilzunehmen.

Foto © Michael Ritter
Erstmals erklang seine Markuspassion bei der von den Medien unbeachteten Uraufführung 2023 in Zürich. Das änderte sich ein Jahr später mit der CD-Veröffentlichung, die bei Bach-Fans und Kritikern (auch in O-Ton) sehr positiv aufgenommen wurde. Die deutsche Erstaufführung feiert das Werk Anfang März dieses Jahres in der Göttinger St. Jacobi-Kirche mit der Jacobikantorei, dem Kammerchor St. Jacobi und dem Göttinger Barockorchester unter Leitung von St. Jacobi-Kantor Stefan Kordes.
Der Bachkenner Kordes war am Karfreitag 2024 auf der Heimfahrt vom Gottesdienst erstmals auf das Werk aufmerksam geworden, als es der NDR in verkürzter Fassung im Radio präsentierte. „Das ist ja großartig, klingt zum Teil wie Bach, aber hat aufregend romantische Wendungen, die eher nach Reger, Brahms oder Mahler klingen“ mag er gedacht haben und nahm umgehend Kontakt mit Matthes auf, der ihm umgehend die Partitur zur Verfügung stellte. Schon kurze Zeit später hatten sie einen Termin für die deutsche Erstaufführung vereinbart und konnten – durch die längere Vorlaufzeit – auch die gewünschten Solisten und Musiker gewinnen.
Es ist ein gelungener, mit standing ovations endender, dreistündiger Abend. Matthes ist mit der Musik Bachs aufgewachsen, dessen Arbeit er mit seiner Neuschöpfung nicht ignorieren konnte und wollte und stattdessen dessen Dialekt gefolgt ist. Unter Kenntnis der danach entstandenen Werke hat er seine eigene Komposition an dem Thomaskantor ausgerichtet und sich bei den Chorälen an alten Kirchenliedern der Zeit vor Bach orientiert und diese verwendet. Seine Komposition ist schlanker als die anderen Passionen aus der Feder des Thomas-Kantors, denn er verzichtet auf Ariosi und lässt instrumentale Einschübe weitgehend aus, abgesehen von der traumhaft schönen Sinfonia kurz vor Ende der Passion. Die Passion ist auf die Schilderung „Vor der Predigt“ und „Nach der Predigt“ aufgeteilt, und beide Hälften lassen der 120 Personen starken ausgezeichneten Jacobikantorei in den jeweils acht Chorälen und einer Choralfantasie beste Möglichkeiten stimmgewaltig ihre Expertise für Kirchenmusik zu beweisen. Für die Solisten hat Matthes je zwei Arien komponiert, die sie abhängig von der ihnen zugedachten Rolle von meditativ bis temperamentvoll erklingen lassen. Schön auch das Zusammenspiel des gut besetzten, farbenreichen Göttinger Barockorchesters mit dem großen Chor, der mit knapp 20 Choristen deutlich stärker besetzt war als bei der Uraufführung, und den Solisten bei den sich zuspitzenden Szenen rund um die Festnahme und Kreuzigung Christi. Matthes schafft es auch mit den teils solistisch aus dem Orchester begleiteten Arien, einen eindrucksvollen orchestralen Klang zu erzeugen. Der gut gefüllte Kirchenraum begrenzt den gefürchteten Nachhall.
Die Solisten für die deutsche Erstaufführung sind gut gewählt und setzen stimmlich spannende Akzente. Einige davon hatte Matthes schon bei seinen Aufführungen in der Schweiz eingesetzt, wie die aus Erfurt stammende Annekathrin Laabs, für deren warm timbrierte Stimme er die sehr intensiven Arien der Altpartie schrieb, die auch in Göttingen zu den Höhepunkten der Aufführung zählen. Der Österreicher Daniel Johannsen, ein Meisterschüler von Fischer-Dieskau und Gedda, zählt zu den gefragten Sängern der Bachszene und konnte schon bei den Bachfesten in St. Jacobi begeistern. Er verkörpert den Evangelisten mit eindrucksvoller Präsenz und führte die Zuhörer mit viel Gespür durch die Passion. Der aus der Schweiz stammende Bariton Daniel Pérez gestaltet als Debütant in Göttingen die Partie des Christus mit der nötigen Ruhe und klangvollen Autorität. Mit Anna Nesbya als Sopranistin hat Kordes eine Spezialistin für Alte Musik gewonnen, die man aus den Oratorien in St. Jacobi schon seit Jahren kennt und deren klare Stimmführung man auch in der Markus-Passion schätzt. Auch Bariton Thomas Laske ist in St. Jacobi durch zahlreiche Bachkantaten kein Unbekannter, und man merkt dem Sänger mit seiner kraftvollen Stimme die häufige gefragte Präsenz auf Opernbühnen deutlich an. Man spürt die Erfahrung von Kordes, der seit einem Vierteljahrhundert der Kantorei vorsteht, mit viel Gespür Spannendes entdeckt und seinem Publikum präsentiert. Gerade bei neuen Kompositionen steckt er viel Zeit und Aufwand in die Vorbereitung. So schafft er es auch, die Passion im Geiste Bachs und aus der Feder von Matthes zu einem Erlebnis werden zu lassen, bei der man sich über die Bachschen Impulse freut und fasziniert ist von dem, was Matthes daraus gestaltet hat – gerade da, wo er es schafft, sich von dem übermächtigen Vorbild zu lösen.
Michael Ritter