O-Ton

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Apostelnaula - Foto © St. Aposteln

Hintergründe

Europäische Verbundenheit

Bereits zum dritten Mal kann sich Violina Petrychenko einen Traum erfüllen: Auch in diesem Jahr findet ihr Festival Sounds of Ukraine in Köln statt. Vom 5. März bis zum 23. August veranstaltet die Pianistin fünf kammermusikalische Aufführungen mit dem Ziel, der ukrainischen Musik einen festen Platz im europäischen Konzertleben zu geben. Unterstützt wird sie dabei von ukrainischen Musikern, die sich schon jetzt auf die Solidarität des deutschen Publikums freuen.

Violina Petrychenko – Foto © Michael Zerban

Zehntausende von Berliner Haushalten waren plötzlich ohne Strom, weil ein paar Idioten eine Kabelbrücke sabotierten. Der Vorfall zeigte, dass Deutschland vollkommen ungeschützt vor Überfällen ist. In Kiew sieht die Situation weitaus dramatischer aus. Im fünften Kriegsjahr ist der Winter extrem hart – und der russische Aggressor greift unaufhörlich die Infrastruktur an. Seit Wochen müssen die Menschen dort ohne Strom und Wasser auskommen. Und Europa fällt dazu nicht viel mehr ein, als irgendwelche Fantasie-Friedenspläne zu erstellen, für die der russische Autokrat nicht viel mehr als Hohn übrighat. Schlimmer noch. Die deutsche Regierung wird ukrainischen Flüchtlingen in diesem Jahr weiter Gelder streichen. Stellt Menschen, die aus der berechtigten Furcht vor Bombenangriffen ihre Heimat verlassen, als Schmarotzer dar. Da möchte die Wut hochkochen.

Violina Petrychenko spricht nicht über Wut und Verzweiflung, obwohl sie sich als Solistin der Lemberger Philharmonie viel in der Ukraine aufhält und dort die Kriegsgräuel nahezu hautnah erlebt. Sie setzt auf Solidarität, und daran wird sie arbeiten, wenn sie zum dritten Mal das Publikum nach Köln zu ihrem Festival Sounds of Ukraine einlädt. Um Brücken zwischen der Ukraine und Europa zu schlagen, kombiniert das diesjährige Festival die Musik europäischer und ukrainischer Komponisten. Petrychenko hat viel Energie darauf verwendet, Musiker aus der Ukraine nach Köln einladen zu können. Und es ist ihr gelungen.

Gleich am 5. März, wenn das Eröffnungskonzert im C.-Bechstein-Centrum Köln stattfindet, wird die künstlerische Leiterin gemeinsam mit Oleksandr Oliinyk ein Programm mit Musik von Theodore Akimenko und Claude Debussy gestalten. Pianist Oliinyk stammt aus Poltawa, studierte am Mykola-Lysenko-Kunstkolleg und ist derzeit Student der Ukrainischen Nationalen Tschaikowsky-Musikakademie in Kiew. Trotz seiner jungen Jahre blickt er bereits auf eine rege Konzerttätigkeit zurück. An diesem ersten Abend erwartet die Besucher eine farbenfrohe Mischung aus ukrainischer Musik, deutschem Romantizismus und französischem Impressionismus. Denn das ist der Stil von Akimenko, der vor 150 Jahren geboren wurde und in diesem Jahr in der Ukraine zum Musiker des Jahres erklärt wurde.

Meister der Stille

Man bezeichnet sie als Meister der Stille: Valentyn Silvestrov und Gia Kancheli, miteinander befreundete Komponisten der Ukraine, die auf eine immer schneller und lauter werdende Welt mit leiser Musik antworteten. „Es ist eine Musik der inneren Balance, der Aufmerksamkeit und der Würde“, wie Petrychenko beschreibt, was am 25. April im Kölner O-Ton-Studio zu hören sein wird. Unterstützung erfährt sie bei der Aufführung von Nazarii Pylatiuk, einem der bekanntesten Geiger der Ukraine, der an der Mykola-Lysenko-Musikakademie in Lemberg lehrt, international konzertiert und für dramaturgisch durchdachte Programme bekannt ist.

Kateryna Kostiuk ist in Kiew geboren. Mit fünf Jahren begann sie das Geigenspiel. Nach Bachelor- und zwei Masterstudiengängen in Dortmund und Köln arbeitet sie seit 2022 festangestellt bei den Niederrheinischen Sinfonikern. Am 5. Juni wird sie Petrychenko in der Aposteln-Aula an St. Aposteln begleiten, wenn sie die Musik zweier in Köln vermutlich ziemlich unbekannter Komponisten vorstellt. Serhii Bortkiewicz und Karel Szymanowski waren „nahezu gleichaltrig, stammen aus wohlhabenden polnischen Familien und wuchsen in einem Umfeld auf, in dem polnische Tradition, ukrainische Landschaft und europäische Musikausbildung selbstverständlich miteinander verbunden waren“. Es gehört zum guten Ton in Petrychenkos Konzerten, dass sie mehr über die Hintergründe der Komponisten erzählt und die Musik auch historisch einordnet. Darauf wird man sich dann auch in der Aula zwischen Violinsonaten und Mazurken freuen dürfen.

Am gleichen Ort beschäftigt sich Rostyslav Fedyna mit einem weiteren polnischen Komponisten. Der Ukrainer gilt als einer der profiliertesten jungen Pianisten seines Landes. Am 22. August wird er Musik von Frédéric Chopin der seines Bewunderers Viktor Kosenko gegenüberstellen. Für beide war das Klavier das zentrale Ausdrucksmittel. „Beide Künstler einte zudem eine starke emotionale Verbundenheit mit ihren Heimatländern sowie ein sensibles Erleben der historischen Umbrüche ihrer Zeit“, erzählt Petrychenko. Fedyna wird von beiden ihre dritte Klaviersonate zu Gehör bringen.

Das große Finale findet einen Tag später ebenfalls in der Aula statt. In der Begegnung von Vasyl Barvinsky und Antonín Dvořák, also dem ukrainischen und dem tschechischen Komponisten, findet einmal mehr der Grundgedanke des Festivals seinen Ausdruck, europäische mit ukrainischer Musik in Dialog treten zu lassen. Dazu reist das Lemberger Trio an, bestehend aus der Pianistin Mariia Fedyna, der Violinistin Kateryna Shalayska und dem Cellisten Modest Metsinskyi. Mit dem Trio in a-Moll von Barvinsky und dem Klaviertrio Nr. 3 in f-Moll von Dvořák gestaltet es den Abschluss des Festivals.

Man kann sicher darüber diskutieren, ob es in Zeiten, in denen die Aufmerksamkeitsspannen für ein Thema immer kürzer werden, Sinn macht, ein Festival über das Frühjahr und den Sommer zu strecken, anstatt es auf ein Wochenende zu konzentrieren. Andererseits geht es Petrychenko nicht um den schnellen Achtungserfolg, sondern eher darum, ein Grundrauschen zu erzeugen, um die Gedanken an die Ukraine in Deutschland wachzuhalten. Und da erscheint es sinnvoll, einmal im Monat zum Konzert zu rufen. Zu wünschen ist ihr, dass ihre Strategie aufgeht und nicht nur die Kölner an einem mehr als interessanten Programm teilnehmen.

Empfohlen wird unbedingt der Besuch der Netzseite von Sounds of Ukraine. Großartig und arbeitsaufwändig gestaltet, stärkt sie die Vorfreude auf die bevorstehenden Konzerte.

Michael S. Zerban