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Nachruf
Im Alter von 69 Jahren ist der Opernsänger Wolfgang Schmidt verstorben. Ein persönlicher Nachruf von Andreas H. Hölscher

Wolfgang Schmidt – Foto © Deutsche Oper am Rhein
Als ich heute Vormittag die erste Meldung über den Tod von Wolfgang Schmidt las, war ich zutiefst berührt und traurig. Nicht nur, weil eine strahlkräftige Heldentenorstimme nun endgültig verstummt ist, sondern weil Schmidts ausdrucksvolle Stimme, seine Wagner-Partien und sein unprätentiöses Auftreten mich fast drei Jahrzehnte begleitet haben und mich vor allem als jungen Menschen zu einem großen Wagnerianer gemacht haben. Ich erinnere mich noch, wie ich als Student Anfang der 1990-er Jahre anfing, mich mit den Opern Richard Wagners zu beschäftigen und in Düsseldorf und Duisburg den Ring des Nibelungen in der Inszenierung des damaligen Generalintendanten Kurt Horres, den „Ring am Rhein“, entdeckte. Schmidt sang hier den Siegmund und beide Siegfried-Partien, gemeinsam mit der schon 2023 verstorbenen Gabriele Schnaut als Brünnhilde. An der Deutschen Oper am Rhein waren die beiden das Traumpaar im Wagnerfach, neben dem Ring sangen sie auch im Lohengrin, Schmidt die Titelpartie, Schnaut die Ortrud. Und er war mein erster Tristan. Unvergessen!
Am 5. Juni 1993 war in Düsseldorf die Premiere Turandot, hier mit Schnaut in der Titelrolle und Schmidt als Calaf, dessen Nessun dorma sich nicht vor den Großen des italienischen Faches verstecken musste.
Ich war ein großer Fan von Wolfgang Schmidt, und seine persönliche Autogrammkarte, die er mir am 8. Januar 1993 nach einer Siegfried-Vorstellung an der Deutschen Oper am Rhein mit humorvollen Worten, „wollen wir noch einen trinken gehen?“ überreichte, habe ich in einem Album verwahrt und heute wieder hervorgeholt. Wolfgang Schmidt hatte keine riesige Stimme, aber einen markanten Stahl, strahlende Höhen und ein unvergleichbares Piano. Neben der „Gralserzählung“ im Lohengrin ist es sein Abschiedsgruß als Siegfried in der Götterdämmerung, nachdem er von Hagen den Todesstoß erhalten hat: „Brünnhilde, heilige Braut!“, die mir in Erinnerung geblieben sind. Auf seiner Netzseite gibt es das als Hörprobe, ein bewegender letzter Gruß, im wahrsten Sinne des Wortes.
Wolfgang Schmidt wurde am 19. August 1956 in Melsungen bei Kassel geboren. Er absolvierte nach dem Abitur von 1976 bis 1982 an der Frankfurter Musikhochschule bei Martin Gründler sein Gesangsstudium, in dem er für besondere Leistungen von der Hindemith-Stiftung ausgezeichnet wurde. Schon während des Studiums sang er bei der Pocket Opera Company Nürnberg und entwickelte eine rege Konzerttätigkeit, die ihn ins gesamte westeuropäische Ausland, sowie nach Polen, Rumänien, Tschechien, Mexico, Venezuela und Japan führte. Er wirkte bei Schallplattenaufnahmen und zahlreichen Rundfunkaufnahmen mit, sowie 1986 bei der Fernsehsendung Anneliese Rothenberger stellt vor. Feste Engagements führten ihn über Hof und Kiel nach Dortmund, wo er mit erst 30 Jahren einen vielbeachteten Otello sang.

Autogrammkarte von Wolfgang Schmidt
Seine internationale Karriere begann er 1988 als festes Ensemblemitglied an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, wo er bis in die 2010-er Jahre wirkte und 1996 zum Kammersänger, 2023 zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Seine internationale Karriere führte ihn an zahlreiche führende Opernhäuser und Festivals: Einer der Höhepunkte war sein gefeiertes USA-Debüt als Siegfried im April 1993 an der Metropolitan Opera in New York, wo er in den folgenden Jahren auch als Bacchus und Tannhäuser auftrat. Von 1992 bis 2002 war er jährlich bei den Bayreuther Festspielen zu Gast. Dort sang er unter anderem den Tannhäuser in der Inszenierung von Wolfgang Wagner sowie beide Siegfriede in den Neuproduktionen des Ring des Nibelungen von 1994 bis 1998 in der Inszenierung von Alfred Kirchner unter James Levine und von 2000 bis 2004 im Flimm-Ring unter Giuseppe Sinopoli und Adam Fischer. Unter Riccardo Muti gab Schmidt 1997 sein erfolgreiches Debüt an der Mailänder Scala als Siegfried und wirkte dort 1999 bei der Eröffnungspremiere der Götterdämmerung mit. Zu seinen weltweiten Gastspielen zählten die Wiener Staatsoper das Royal Opera House Covent Garden in London, die Opéra Bastille in Paris sowie Opernhäuser in San Francisco, Chicago und Barcelona.
Die Bayreuther Festspiele haben, wie viele Häuser, heute seiner gedacht und schließen ihren Nachruf mit den Worten: „Mit Wolfgang Schmidt verlieren wir nicht nur einen herausragenden Wagner-Tenor, sondern einen Künstler, der Bayreuth auf einzigartige Weise geprägt hat. Seine Stimme, seine Bühnenpräsenz und seine Leidenschaft werden noch lange in jedem Ton, in jeder Erinnerung und in den Sommern auf dem Grünen Hügel nachklingen.“
Einen sehr emotionalen Nachruf hat die Deutsche Oper am Rhein verfasst, wo Schmidt von 1988 bis 2021 Ensemblemitglied war. 1996 wurde ihm der Titel des Kammersängers verliehen. Am 5. Februar 2023 wurde Schmidt, schon von seiner schweren Krankheit gezeichnet, zum Ehrenmitglied der Deutschen Oper am Rhein ernannt – eine Auszeichnung, die nicht nur die außerordentliche Lebensleistung des Tenors würdigte, sondern Schmidt auch nach seiner aktiven Zeit als Sänger die besondere Wertschätzung des Hauses und des Ensembles zuteilwerden ließ.
In der Nacht zum 18. Februar starb Wolfgang Schmidt nach langer schwerer Krankheit im Alter von 69 Jahren.
„Wir verlieren einen großen Künstler, ein bedeutendes Ensemblemitglied und einen wunderbaren Kollegen, an den wir uns immer mit großer Dankbarkeit erinnern werden“, sagt Marwin Wendt, Künstlerischer Leiter der Deutschen Oper am Rhein. Die Rheinoper gedenkt Schmidt mit einer ganz besonderen Geste: Dem Andenken des großen Wagner-Sängers wird das Haus die Wiederaufnahmen von Die Walküre am kommenden Sonntag, dem 22. Februar in Duisburg und Parsifal am Samstag, dem 28. Februar in Düsseldorf widmen.
Und so verabschiede auch ich mich von einer Sängerpersönlichkeit, der ich unter anderem meine Liebe zu den Werken Richard Wagners verdanke. In Abwandlung von Wolframs Gruß an Tannhäuser im ersten Aufzug rufe ich mit Wehmut: „Leb wohl, Du kühner Sänger“.
Andreas H. Hölscher