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COSÍ FAN TUTTE …
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
6. Februar 2025
(Premiere)
Frisch, spritzig, äußerst lebendig und mit viel Witz präsentiert die Opernschule der Würzburger Musikhochschule im Theater in der Bibrastraße Mozarts Oper von 1790. Diese Scuola degli amanti nach dem Libretto von Lorenzo da Ponte galt im 19. Jahrhundert als ein Verstoß gegen die bürgerliche Moral. Doch Mozart schuf hier mit seinem genialen Werk ein dramma giocoso, also eine Komödie zwischen Tragik und Komik, keine lustige opera buffa, die nach vielen Verirrungen gut ausgeht. In der äußerst gelungenen Inszenierung von Michiel Dijkema, einem vielfach ausgezeichneten, renommierten Regisseur und Bühnenbildner aus den Niederlanden, wird am geänderten Schluss deutlich: Gerade die so felsenfest auf ihrer Treue zum mit ihr verlobten Guglielmo beharrende Fiordiligi schnappt sich nach inneren Kämpfen den Verlobten ihrer Schwester Dorabella, Ferrando, und verschwindet mit ihm, da sie sich eingestehen muss, dass sie sich in ihn verliebt hat. Also am Ende keine Versöhnung und keine Doppelhochzeit, trotz eines freundlichen Final-Ensembles. Vielmehr erweist sich das Ganze als ein Lehrstück über die Wandelbarkeit von Gefühlen, über zutiefst menschliche Verhaltensweisen und über eingebildete Vorstellungen, die am wirklichen Leben vorbeigehen.

Foto © Andreas Herold
Die einzigen, die alles realistisch beurteilen, sind Don Alfonso, ein Skeptiker und Spieler, der das Wett-Experiment um beständige Liebe in Gang setzt, sowie Despina, das Dienstmädchen, das auch an der Wette beteiligt ist. Immerhin gewinnen die zwei wenigstens Geld. Ob das Stück aber auch eine Aburteilung weiblichen Wankelmuts beinhaltet, wie der Titel suggeriert, mag bezweifelt werden. Eigentlich entpuppen sich die jungen Männer im Verlauf des Spiels als allzu selbstverliebt und wenig selbstkritisch; eigentlich müsste die wunderbare musikalische Komödie heißen: So sind sie eben, die Menschen! Dass der Regisseur mit jungen Sängern arbeiten konnte, stellt sich hier als großer Vorteil heraus. Unbelastet, was Vorbilder in Aufführungen anlangt, und ungeniert in der Herangehensweise befassen sie sich mit der Glaubwürdigkeit von Gefühlen in unserer Gesellschaft; so wird die Widersprüchlichkeit der menschlichen Natur offenbar. Die wunderbare Musik Mozarts lässt an vielen Stellen der Oper diese Ambivalenz durchscheinen.
Schon in der Ouvertüre, die sich nach kräftigen Akzenten schwungvoll, geschwind und quirlig entfaltet, ist das zu spüren. Das Hochschulsinfonieorchester, oft fein durchsichtig spielend unter der aufmerksamen Leitung von Andreas Hotz, lässt nur ein paar Schwächen von ziemlich indisponierten Hörnern hören. Solches vergessen aber lässt das muntere Spiel auf der Bühne mit vielen witzigen Einsprengseln; vor allem aber beeindrucken die Gesangs-Leistungen. Auf der mit Tapetenmuster dekorierten Guckkasten-Bühne genügen dem Regisseur für seine Ausstattung durchsichtige Vorhänge und ein paar wenige Requisiten, um Orte anzudeuten. Zuerst sieht man drei Männer von hinten im Pissoir. Zwei davon preisen die Treue und Liebe ihrer Verlobten; der Freund in der Mitte aber stellt solche Lobeshymnen in Zweifel und fordert die beiden zu einer Wette heraus: Wenn sich ihre Behauptungen nicht bewahrheiten bei einer Prüfung, die er selbst inszeniert, erhält er Geld von den Verlierern. Ihm dabei helfen soll gegen Bezahlung das Dienstmädchen der Damen, Despina. Sie erweist sich gleich beim Holzhacken als extrem tatkräftig. Die beiden Damen aber hängen schwärmerisch großformatige Bilder von sich und ihren Verlobten auf und besingen dabei die Vorzüge ihrer Geliebten; das dabei das Bild von Ferrando mit Dorabella gleich schief hängt, ist wohl ein Vorzeichen, als alles noch im Lot scheint. Als aber Don Alfonso die angebliche Nachricht verbreitet, dass die geliebten Männer an die Front müssten – nach Grönland! – angekündigt mit lauter Militärmusik aus dem Hintergrund, ist die Trauer der Damen groß. Übrigens enthalten die deutschen Übertitel zum gesungenen italienischen Text witzigerweise viele modische und aktuelle Wendungen.
Amüsante Beobachtungen bietet der überproportional übertriebene Abschiedsschmerz, bis die nun vereinsamten Damen überrumpelt werden von der Ankunft zweier exotisch schräger fremder Herren, mit Tattoos überall, in Badehosen, natürlich ihre verkleideten Geliebten, von denen sie leidenschaftlich umworben, ja, fast belästigt werden. Während Dorabella bald ihr Paar-Bild umdreht, wehrt sich Fiordiligi tapfer gegen die Avancen der Verehrer. Dabei aber erweist sich der vorher eher konservativ auftretende Guglielmo als recht zudringlich, ja, als Womenizer, als er sich sogar ans weibliche Publikum ranmacht. Dorabella jedenfalls ist beeindruckt von ihm. Momente zum Schmunzeln gibt es auch, wenn Despina mit Haushaltsgeräten wie Wischmopp, Bügelbrett und Bügeleisen oder Nudelholz die Szene ohne Hemmungen quert. Langsam erlahmt der Widerstand der Damen gegen die scheinbar Fremden, wird aber erst gebrochen, als die beiden Verehrer wegen der weiblichen Abwehrhaltung Gift nehmen und sich Leichensäcke überstreifen.

Foto © Andreas Herold
Die Halbtoten werden erst durch das Eingreifen eines grotesken „Doktors“ – natürlich Despina, und Don Alfonso mit einem wohl selbst gebastelten Elektroschocker wieder ins Leben zurückgerufen. Schließlich aber lassen sich die Damen erweichen. Dorabella tauscht Liebespfänder mit dem eigentlich falschen Partner, und Fiordiligi kapituliert nach heftigen inneren Kämpfen vor dem Liebeswerben des „Fremden“, zerstört in Wut das Paar-Bild. Eine Doppelhochzeit wird angesetzt, ein Tisch von Dienern gedeckt; die blumengeschmückten Damen erwarten das festliche Ereignis, das von einem seltsamen Notar, natürlich wieder Despina, besiegelt werden soll, doch da ertönt schon wieder Militärmusik: Die geliebten Männer kehren aus dem Feld zurück – an der Front war nix los! – die Verkleidungen fallen: Don Alfonso hat also die Wette gewonnen, denn die ehemaligen Treueschwüre erweisen sich als obsolet, und in der beschämenden Erkenntnis, dass sich alle in ihren Gefühlen getäuscht haben, endet die Oper in einem wenigstens musikalisch versöhnlichen Sextett, Ferrando verschwindet mit Fioriligi. Doch wie lange mag ihre Verbindung halten?
Eines aber bleibt: Der hervorragende Eindruck einer rundum überzeugenden, sehr lebendigen Darstellung und die Faszination durch wunderbar leuchtende Gesangsdarbietungen, allen voran durch die Sopranistin Qiuyaxu Jin; sie gestaltet den inneren Kampf mit ihren Emotionen stimmlich differenziert und im Auftreten glaubhaft, überrascht in ihren Arien selbst Kenner, etwa bei ihrem berühmten Treueschwur Come scoglio mit sicheren, schwierigen Registersprüngen und feinst eingebundenen Verzierungen oder auch beim anrührenden Per pietà, ben mio; stets bleibt ihr großer Sopran klar in den packenden Höhen und gut vernehmlichen Tiefen, strahlt oft feine Wärme aus. Auch Catarina Taíra als Dorabella, bewusst etwas leichtsinnig gezeichnet, verfügt über einen schön klingenden, fülligen Mezzosopran. Die Duette der beiden sind ein Genuss. Musikalisch stehen die Männerstimmen kaum nach: Julius Steinbach ist ein etwas zurückhaltender Ferrando, der aber bei der berühmten Arie Un’ aura amorosa ganz aus sich herausgeht und seinen fülligen, runden Tenor mit viel Schmelz glänzen lässt, während Lorenz Schober als Guglielmo mit seinem flexibel geführten, angenehm hellen Bariton sein Urteil über die Mädchen in Donne mie recht leichtfertig fällt. Mit ihrem hell-silbrigen Sopran etwa in Una donna a quindici anni und ihrem resoluten Eingreifen ist Sydney Penny ein absolutes komödiantisches Plus, vor allem in den schneidend karikierten Rollen des Doktors oder Notars. Arrangeur des Liebes-Experiments, das zu seinen Gunsten ausgeht, aber seltsam unbefriedigend bleibt, ist Milos Koch als Don Alfonso; er gibt ihn mit hellem Bass als skeptischer Zweifler.
Nach dem überraschend ungewöhnlichen Schluss ist das Premierenpublikum im ausverkauften Haus völlig begeistert und feiert alle Mitwirkenden, auch den von Lena Herber einstudierten Chor, lange mit vielen Ovationen.
Renate Freyeisen