O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Michael Zerban

Aktuelle Aufführungen

Vorläufiger Abschied

ORIGINALS
(Pascal Touzeau)

Besuch am
13. Oktober 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Freibad, Düsseldorf

Spielstätten für die so genannte Freie Szene gehören in Düsseldorf zu den Seltenheiten. Umso erfreulicher, dass Marco Fuligni sich seit geraumer Zeit darum kümmert, Leerstände für die Kultur zu akquirieren. Egal, ob auf der Hansaallee eine leerstehende Fabrik, in der nun eine alternative Kunstmesse stattfinden kann, auf der Erkrather Straße das ehemalige Autohaus, in dem zahlreiche Ateliers für erschwingliche Mieten untergekommen sind und die Ballettcompagnie Pascal Touzeau & Co. eine Heimat gefunden hat – und ab Januar ein zusätzliches Studio beziehen kann – oder in exponierter Lage am Hauptbahnhof das Freibad, ursprünglich mal als Bankfiliale eingerichtet.

Alice Hunter – Foto © Michael Zerban

Die Auslastung und Vielfalt der Nutzung des Freibades am Worringer Platz ist eindrucksvoll. Neben Theater- und Tanzaufführungen gibt es hier auch Platz für Musik jenseits des Mainstreams und Ausstellungen der bildenden Kunst. Kaum ein Tag, an dem das Freibad dunkel bleibt. Auch jetzt lädt Fuligni auf einen Samstagabend gleich zu drei Veranstaltungen. Und das Publikumsinteresse ist groß. An diesem Abend bleibt kein Stuhl unbesetzt – zumindest im weiteren Verlauf, denn der Abend eröffnet mit der Ausstellung Malen. Dichtgedrängt sind die Bilder der Künstler Sehyun Kang und Seungro Lee im Erdgeschoss gehängt. Die Werke der beiden Künstler waren bereits auf besagter Kunstmesse Art Artist dieses Jahres zu sehen und eröffnen eine neue Ausstellungsreihe im Freibad, die sich in der kommenden Zeit mit Malerei beschäftigen wird. Ganz spontan hat sich zu dem Duo noch die Künstlerin Shinyoung Rhyu gesellt und im Kellerraum eine Videoinstallation untergebracht. Das Interesse an den Kunstwerken ist eindrucksvoll.

Da ist es schön, dass sich gleich an die offizielle Vernissage eine Ballettaufführung anschließt. Wer das Geschehen um Pascal Touzeau & Co. verfolgt, weiß dass sie auch schon bei der Art Artist zugegen waren, um im Rahmenprogramm mit Synergies mitzuwirken. Heute Abend allerdings tritt die Compagnie aus einem völlig anderen Grund auf, der den Zuschauern verborgen bleibt.

Mit zu den Gründungsmitgliedern von Pascal Touzeau & Co. gehört die herausragende Ballerina Alice Hunter, die bislang bei jeder Aufführung zu erleben war. Auch heute Abend ist sie wieder mit dabei. Geboren in Dublin, hat sie in München Tanz studiert. In Düsseldorf wird es heute – vorläufig – ihre Abschiedsvorstellung. Im Januar geht sie an das Landestheater Coburg. Und so erklärt sich auch der Titel der Choreografie. Originals – hier tanzen noch einmal die Originalmitglieder der Compagnie. Weil Touzeau aus persönlichen Gründen verhindert ist, hat Peter C. Larsen die Einstudierung des Abends übernommen. Was eher Fleißarbeit war. Denn die Idee des Stücks ist nicht, etwas Neues zu erfinden, sondern Reminiszenzen der bei Touzeau getanzten Stücke zusammenzustellen. Die Anhänger der einzigen Balletttruppe der Düsseldorfer Freien Szene bekommen also Erinnerungen zu sehen.

Luisa Stehmann – Foto © Michael Zerban

Der Tanzboden ist an der Vorderfront des Raums ausgelegt und ungewöhnlich hell ausgeleuchtet. Mit Hunter schreitet Luisa Stehmann mit auf die Fläche. Mal tanzen die beiden sich gegenseitig etwas vor, mal befolgt die eine die Anweisungen der anderen. Eine ganz normale Übungsstunde eben, die aufgeführt wird – wenngleich Fehler ausgeschlossen sind und größtmögliche Eleganz angestrebt ist. Hunter will in guter Erinnerung bleiben, und Stehmann unterstützt sie nach Kräften dabei.

Allein die Musik verrät bereits, dass es sich nicht um einen Freudentanz handelt. Spiegel im Spiegel wurde 1978 von Arvo Pärt komponiert. Heute Abend ist es in der ursprünglichen Fassung für Klavier und Geige zu hören. Langgezogene Töne sorgen für getragene Klänge und Faszination, aber auch viel Handlungsfreiraum für die Tänzer. Zwei Jahre zuvor entstand sein Klavier-Solostück Für Alina, das 1999 eine Reprise erfuhr, die nun hier von der Festplatte erklingt. Dem Stück wohnt eine mächtige Melancholie inne, gegen die die Ballerinen antanzen müssen. Fast zwölf Minuten dauert Peace von Michael Wall, entstanden im letzten Jahr und von ihm selbst eingespielt. Der dumpfe Klang der Aufnahme vermag einen gewissen Schmerz nicht zu unterdrücken. Beim Publikum sorgt die Musik für ein Höchstmaß an Konzentration, die sich in tosendem Applaus entlädt. Larsen freut sich, den beiden äußerst glücklich wirkenden Tänzerinnen ihre Blumen überreichen zu können.

Touzeau steht nun vor der Aufgabe, Ersatz für Alice Hunter zu finden, was mit Sicherheit keine einfache Aufgabe werden wird. Für Hunter ist es ein Glücksfall, eine Festanstellung an einem großen Theater zu bekommen; trotzdem weiß man an diesem Abend nicht so recht, ob man ihr wünschen möchte, dass der Vertrag, der zunächst bis zum Ende der Spielzeit läuft, auch die Option zur Verlängerung einlösen wird. Aber das wird die Zeit zeigen. Nun bricht im Freibad der letzte Teil des Abends an. Eine Weihnachtsfeier ist vorgesehen, was eine gelungene Wahl ist, weil die Gäste nun noch ein wenig verweilen und nicht wie sonst rasch auseinanderlaufen. So haben auch etliche Freunde Hunters, die an diesem Abend erschienen sind, noch Gelegenheit, sich von ihr zu verabschieden.

Michael S. Zerban