O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Saalbau Essen - Foto © Thomas Robbin

Aktuelle Aufführungen

Jiddisch mit allen Sinnen

EVGENY KISSIN – MUSIK UND POESIE SEINER HEIMAT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
23. September 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Philharmonie Essen, Alfried-Krupp-Saal

Als Reaktion auf den 7. Oktober 2023 wurde in Essen die Idee für Tikwah – Festival Jüdischer Musik geboren, das die Philharmonie gemeinsam mit der Alten Synagoge Essen ausrichtet und in Form und Umfang einmalig ist. Tikwah bedeutet im Hebräischen „Hoffnung“ – und es könnte gegenwärtig wohl kaum ein wichtigeres Wort im Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion geben. Das Festival hat sich zum Ziel gesetzt, die Vielfalt jüdischer Musiken und Kulturen abzubilden, wie sie international, aber auch regional verankert sind. Dabei gilt es, den vordergründig so klaren Begriff der „Jüdischen Musik“ zu hinterfragen und lebensnah aufzufächern. Antworten auf die Fragen „Gibt es jüdische Musik?“ oder „Was ist jüdische Musik?“ wird es im Laufe der nächsten zehn Monate angesichts eines reichen Festivalprogramms wohl geben, die Vielfalt als Chance begreift.

Das Spektrum der hochkarätig besetzten Veranstaltungen reicht von Konzerten über Diskussionen und Vorträge bis hin zu Theaterprojekten und Filmen. Viele der bedeutenden Essener Kulturorte sind beteiligt, neben der Philharmonie und der Alten Synagoge auch das Schauspiel im Grillo-Theater, die Folkwang-Musikschule, die Lichtburg und das Aalto-Musiktheater.

Zum Auftakt des Festivals widmet Pianist Evgeny Kissin einen ganz besonderen Abend der Musik und Poesie seiner Heimat.

Foto © Johann Sebastian Hänel

Im Bewusstsein seiner jüdischen Wurzeln hat er sich so weit in jiddische Dichtung eingelesen, dass er die Sprache nahezu perfekt beherrscht. Aus ihrer Poesie hat er bereits 2002 beim Verbier-Festival erstmals öffentlich rezitiert. Danach wurde ein ähnliches Format mehrfach wieder aufgegriffen, so auch 2014 im Kennedy Center in Washington und 2015 in der Carnegie Hall in New York City. Aus diesem Kontext stammen wohl auch die Projektionen im Bühnenraum der Philharmonie, die über die gesamte 90-minütige Veranstaltung hinweg alte Fotos und Filmmaterial aus dem jiddischen Kosmos der ehemaligen Sowjetunion zeigen. Sequenzen des Lebens aus dem Stetl wechseln mit Porträts bedeutender jüdischer Künstler und deren Wirkungsstätten. Die dem Publikum gewährten Foto- und Filmdokumente aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts vermitteln ein Stück Wehmut angesichts der für immer verlorenen Kultur des Ostjudentums. Es scheint Kissin eine Herzensangelegenheit zu sein, von den reichhaltigen und prägenden Einflüssen zu erzählen. Gemeinsam mit dem russischen Schauspieler Veniamin Smekhov entfaltet sich vor den Besuchern im zur Hälfte gefüllten Alfried-Krupp-Saal ein sehr persönlicher Exkurs mit jiddischer Musik und vor allem jiddischer und russischer Rezitationen. Kissin hat auch selbst einige Gedichte in jiddischer Sprache geschrieben. In einem seiner Gedichte schwärmt er von den ungeheuren Schätzen der jiddischen Sprache: Er habe von ihnen nur einen kleinen Teil gelernt, doch sei jedes Wort für ihn ein Schatz, und er wolle die Wörter „mit allen Sinnen fühlen“.  Und genau das gelingt ihm auch an diesem Abend. Kissin liest und rezitiert abwechselnd mit Smekhov. Die dazu gehörenden Gedichte und Texte sind auf der Leinwand in Englisch übertitelt zu sehen. Wann auch immer Kissin seine eigene und die Poesie anderer jüdischer Künstler in Jiddisch zu Gehör bringt, spricht er frei und sehr ambitioniert. Das ganz besondere emotionale Engagement setzt sich mit dem Singen eines jiddischen Wiegenlieds fort und prägt auch die Auswahl der Klavierstücke, die Kissin meisterhaft interpretiert. Die sechs Sätze von Alexander Kreins Suite Dansée, opus 44, die 1936 entstanden sind, liefern einen Querschnitt der Gefühlswelten des jüdischen Komponisten, mit Anklängen an den frühen Jazz und Ravel, Eric Satie im dritten Satz und Strawinsky im fünften.Zum Abschluss spielt Kissin den 3. Satz aus Mieczyslaws Weinbergs Kammersinfonie Nr.1. Weinberg, einem weiteren bedeutenden und beinahe in Vergessenheit geratenen jüdisch-russischen Komponisten, dessen spät wiederentdeckte Oper Die Passagierin erst vor kurzem mit großem Erfolg am Theater Krefeld Mönchengladbach inszeniert wurde.Mit großem persönlichem Einsatz macht sich Kissin in den Konzertsälen der Welt zum Anwalt für viele der verschmähten und vergessenen jüdischen Komponisten. Die in der Philharmonie zitierten Gedichte und Texte erinnern auch an die von Stalin befohlene Hinrichtung von dreizehn Mitgliedern des Jüdisch-antifaschistischen Komitees am 12. August 1952, die als Nacht der ermordeten Dichter in die Geschichte eingegangen ist. Dichter wie Yitzhak Leybush Peretz, Hayim Nahman Bialik oder Osip Mandelstam haben Gedichte in Jiddisch oder mit Bezug zur jiddischen Kultur geschaffen, die allesamt Identität, Erinnerung, Sehnsucht und die Geschichten der Osteuropäischen Juden thematisieren. Die im Halbkreis der Bühne aufgestellten Kerzen und leeren, teils umgeworfenen Stühle symbolisieren eindringlich den großen kulturellen Verlust, der mit der Vernichtung und Verbannung jüdischen Lebens in Europa einhergeht.

Durch Aufführungen, Rezitationen und Engagement erregt Kissin Aufmerksamkeit für eine Sprache und Literatur, die lange Zeit marginalisiert oder als Ausdruck des Exils behandelt wurde. Damit leistet er einen Beitrag zur Bewahrung und Wiederbelebung von Jiddisch als kultureller Ressource.

Der Einstieg zum Tikwah-Festival in Essen ist programmatisch ambitioniert gewählt und teilweise in der Lage, trotz der fremden Sprachen, Emotionen aufleben zu lassen. Schade ist, dass ein Teil des Publikums, dass der russischen Sprache nicht mächtig ist, nicht erreicht wird. Die den Besuchern ausgehändigten acht DIN-A4-Seiten Übersetzungen in Deutsch und Hebräisch lassen sich während der Vorstellung nicht mitlesen. Die Jiddischen Passagen, vor allem die von Kissin vorgetragenen, besitzen emotionale Tiefe und vermögen zu berühren. Die russischen Rezitationen hingegen erreichen in ihrer Kraft und Sinnlichkeit nur die Besucher, die auch den Nuancen der russischen Sprache mächtig sind. Zudem ist der Anteil der Musik, die naturgemäß Brücken zu bauen in der Lage ist, sehr überschaubar. Trotzdem entsteht eine Art geteilte Erinnerung oder Identitätserfahrung, ein Bewusstsein für Geschichte und kulturelle Wurzeln.

Das Publikum bedankt sich zur Hälfte mit Respekt und zur anderen Hälfte mit emotionaler Teilhabe für diesen so besonderen Abend zu Beginn des jüdischen Neujahrsfestes Rosch ha-Schana. Es ist eher ungewöhnlich für einen klassischen Pianisten, Literaturrezitation mit Konzerten zu verbinden, besonders in einer Sprache, die viele Zuhörer nicht verstehen. Doch geht Kissin das Risiko ein und offenbart dabei einen wesentlichen Teil seiner künstlerischen Identität.

Bernd Lausberg