O-Ton

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Foto © Jonathan Berger

Aktuelle Aufführungen

Im Bann der „schwarzen“ Romantik

LES CONTES D’HOFFMANN
(Jacques Offenbach)

Besuch am
21. November 2023
(Premiere)

 

Opéra Royal de Wallonie, Liège

Mit einer eindrucksvollen und prominent besetzten Neuinszenierung von Jacques Offenbachs letzter Oper Les Contes d’Hoffmann – Hoffmanns Erzählungen – stemmt die Lütticher Oper derzeit ein Gipfelwerk des französischen Repertoires.

An Ambitionen und Aufwand mangelt es der Produktion nicht. Wohl aber an einer ausgeglichenen Besetzung des extrem anspruchsvollen Werks. Regisseur Stefano Poda und Musikchef Giampaolo Bisanti einigten sich auf eine praktikable und dramaturgisch sinnvolle Version des von Offenbach fragmentarisch hinterlassenen Werks. In Anlehnung an Erzählungen E.T.A Hoffmanns wird der Dichter in der Oper zur Titelfigur und scheitert an vier Liebesbeziehungen zur Primadonna Stella, der Puppe Olympia, der todkranken Antonia und der Kurtisane Giulietta, bevor er letztlich Rettung durch die Muse erfährt und seiner Bestimmung als Dichter folgt.

Foto © Jonathan Berger

Es ist immer riskant, die vier Frauenrollen mit einer einzigen Sängerin zu besetzen, auch wenn eine äußerst versierte und angesehene Sopranistin wie Jessica Pratt zur Verfügung steht. Aber auch ihr gelingt es nur partiell, die federleichten Koloraturen der Olympia, die lyrische Wärme der Antonia und die Sinnlichkeit Giuliettas ausgewogen zu vermitteln. Und Arturo Chacón-Cruz verfügt für die Titelrolle zwar über einen Tenor mit beträchtlicher Strahlkraft, singt jedoch ständig unter Hochdruck, so dass das französisch seidige Kolorit nicht zum Tragen kommt. Nicht ganz unschuldig an dem Gewaltritt ist auch das robust zupackende Dirigat von Bisanti, der das Orchester und den in der Premiere noch nicht sattelfest wirkenden Chor eher mit einem Säbel als mit einem Florett anzufeuern scheint.

Die gesanglich besten Leistungen sind dem Bariton Erwin Schrott und der Mezzosopranistin Julie Boulianne in den Rollen der Muse und des Nicklausse zu verdanken. Schrott verkörpert die vier bösen Gegenspieler Hoffmanns mit großer, substanzreicher Stimme und mephistophelischem Charisma. Und die in der gewählten Version aufgewertete Figur der Muse findet in Boulianne eine Interpretin von erlesenster Stimmkultur. Die kleineren Rollen sind durchweg vorzüglich besetzt, wie man es von Lüttich gewohnt ist.

Regisseur Poda lässt die Figuren überwiegend in dunklen Kostümen auftreten und verbreitet nicht zuletzt mit Hilfe der raffinierten Lichttechnik eine angemessene Aura „schwarzer“ Romantik, ohne in plakative Grusel-Szenarien zu verfallen. Poda bindet die Illusionen und Alpträume Hoffmanns in ein bildungsbürgerliches Ambiente ein, für das er die Wände mit riesigen Setzkästen einfasst, die in liebevoller Detailarbeit mit geschätzt mindestens 200 kulturellen Symbolen aus Malerei, Musik und Dichtkunst bestückt sind. Ein preiswürdiges Bühnenbild. Verbunden mit einer sorgfältigen Personenführung kann sich Offenbachs Lieblings- und Schmerzenskind in diesem Umfeld sehen lassen.

Langanhaltender, überwiegend begeisterter Beifall, besonders für Erwin Schrott und Julie Boulianne.

Pedro Obiera