O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Michael Zerban

Kunststücke

Bis zu den Anfängen des Prêt-à-porter

F.C. Gundlach gilt als Visionär der Nachkriegsfotografie. Seine Aufnahmen verbanden Eleganz, grafische Klarheit und den Zeitgeist der Moderne in den 1950-er bis 70-er Jahre. Im Juli wäre der Fotograf 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass zeigt die Galerie noir blanche bis Ende August die Ausstellung 100 Jahre F. C. Gundlach – Ikonische Arbeiten.

Volker Marschall weiß eine Menge über F. C. Gundlach zu erzählen. – Foto © Michael Zerban

Mit zehn Jahren bekam Franz Christian seine erste Kamera, eine Agfa-Box, und sein jüngerer Brüder erhielt sein erstes Foto. Zu der Zeit betrieben seine Eltern eine Gastwirtschaft im hessischen Heinebach. Mit zwölf Jahren hatte der junge Gundlach seine eigene Dunkelkammer im eigenen Elternhaus. Nach dem Schulabschluss am Jacob-Grimm-Gymnasium in Rotenburg/Fulda im Jahr 1943 – als einer des vorletzten Aufgebots musste er ab 1944 noch die Endphase des Kriegs als Soldat und anschließende Kriegsgefangenschaft miterleben – lernte er sein Handwerk nach Kriegsende 1947 bis 1949 auf der privaten Fotografieschule Private Lehranstalt für Moderne Lichtbildkunst bei Rolf W. Nehrdich in Kassel. Bis 1952 arbeitete er als Assistent verschiedener Fotostudios, unter anderem bei Ingeborg Hoppe in Stuttgart und Harry Meerson in Paris.

In Paris wäre Gundlach gern geblieben, aber sein Leben sah es anders vor. 1953 bekam er eine Anstellung bei der in Hamburg erscheinenden Zeitschrift Film und Frau, und damit begann seine Spezialisierung auf Modefotografie im journalistischen Stil. Von nun an fotografierte er vor allem die Mode deutscher Modeschöpfer, die Pariser Haute Couture und immer wieder Pelzkampagnen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeiten lag auf Modereportagen mit Filmstars in Mode und Künstlerporträts unter anderem von Romy Schneider, Hildegard Knef, Dieter Borsche und Jean-Luc Godard. Fotoreisen für die Lufthansa sowie für etliche Modezeitschriften führten ihn quer durch die Welt. Insgesamt sind von ihm 160 Titelcover und 5.000 Seiten redaktioneller Modeteil verzeichnet. „Seine Fotografien zeigen nicht nur Mode, sondern spiegeln gesellschaftliche Veränderungen, Aufbruchsstimmung und die Ästhetik einer ganzen Epoche wider. Besonders die Pariser Arbeiten der 1960-er Jahre – geprägt von Op Art, Avantgarde und dem Beginn des Prêt-à-porter – zählen heute zu den bedeutendsten Werken seines Œuvres“, fasst Volker Marschall die Bedeutung des Fotografen zusammen.

Marschall, selbst Fotograf und Inhaber der Galerie noir blanche in Düsseldorf, zeigt in der Galerie noch bis Ende August die Ausstellung 100 Jahre F. C. Gundlach – Ikonische Arbeiten. Mit der Ausstellung will die Galerie nach eigenen Angaben einen Künstler würdigen, „der Fotograf, Sammler, Galerist, Kurator und Gründungsdirektor des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg zugleich war“.

Mit Bildern, die bis heute weltweit bekannt sind, selten gezeigten Vintage-Prints und ausgewählten Arbeiten aus dem Archiv der Stiftung F. C. Gundlach schafft noir blanche sicher keinen repräsentativen Querschnitt, aber durchaus einen kleinen, aber feinen Überblick über die Werke des Bildgestalters, die bis heute die fotografische Arbeit beeinflussen. Genau deshalb lohnt ein Besuch der Galerieräume in der Hermannstraße auch für Menschen, die in der Welt der Fotografie nicht zuhause sind. Marschall freut sich darauf, nicht nur auf die Besonderheiten der fotografischen Arbeiten hinzuweisen, sondern hält auch die eine oder andere Anekdote aus dem Leben Gundlachs bereit.

Und wer einmal dort ist, sollte unbedingt auch einen Blick in das „Kabinett“ werfen. Das ist das kleine Hinterzimmer, in dem Bilder auch von zeitgenössischen Künstlern zum Stöbern einladen. Hier hängen zum Beispiel Bilder aus der Serie The Round House des kubanischen Fotografen Alfredo Sarabia Junior, der von seinem Vater einen VW Käfer erbte und festhielt, wie sich das Leben mit seinen vier Kindern und dem Auto gestaltet. Bemerkenswert auch die Bilder von Martin Waldbauer. Der heute 50-jährige Künstler arbeitet ausschließlich analog. Von einem der beiden wird dann im September auch mehr zu sehen sein. Von wem, soll Marschall selbst erzählen.

Michael S. Zerban