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Foto © Michael Zerban

Kunststücke

Dem Leben so nah

Nach ersten beruflichen Schritten als Balletttänzerin und Schauspielerin wandte sich Eva Rubinstein mit 34 Jahren der Fotografie zu. Mit heute 93 Jahren blickt sie auf eine erfolgreiche Karriere zurück, die von Porträts, Aktaufnahmen und Interieurbildern geprägt ist. In Düsseldorf kann man jetzt mehr über das Wirken der amerikanischen Fotografin erfahren.

Foto © Michael Zerban

Das Künstlerische liegt ihr, wie es so schön heißt, im Blut. Eva Rubinstein wurde am 18. August 1933 als erstes von vier Kindern des Pianisten Arthur Rubinstein und der Tänzerin Aniela Młynarska in Buenos Aires geboren. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie in Paris. Im Oktober 1939 bestieg die Familie das amerikanische Passagierschiff USS George Washington, um vor Krieg und Nationalsozialismus in die Vereinigten Staaten zu fliehen. Bereits als Fünfjährige erhielt Eva eine Ausbildung im klassischen Tanz. Nach ihrer schulischen Ausbildung in Los Angeles studierte sie Schauspiel an der Universität von Kalifornien. Anschließend arbeitete sie als Schauspielerin und Tänzerin in verschiedenen Produktionen.

Nach einem kurzen Fotografie-Studium begab sich Rubinstein nach 1960 hinter die Kamera. Anfänglich arbeitete sie als Foto-Journalistin für die Zeitschrift Vogue. Ab 1968 betrieb sie die Fotografie professionell, ab 1972 nahm sie verschiedene Lehraufträge wahr. Als ihr Vater 1958 wieder in seinem Heimatland auftrat, reiste auch Eva zum ersten Mal nach Polen. Sie erklärte Łódź, den Geburtsort ihres Vaters, zu ihrem Lieblingsort. Besonders in den 1980-er Jahren verbrachte die Fotografin mehrere längere Aufenthalte in Łódź und hielt die Stadt in zahlreichen Bildern fest.

Ihre Bedeutung für die Fotografie beschrieb Irene Stylianou 2020 in Female Photographers and Feminism so: „Eva Rubinstein war Teil jener Generation weiblicher Fotografen, die in einem lange Zeit männlich dominierten Berufsfeld Anerkennung erlangten. Sie trug dazu bei, die Sichtbarkeit und Wertschätzung von Frauen in der Fotografie zu erhöhen. Ihre Arbeiten unterscheiden sich in Technik, Themenwahl und Konzepten häufig von denen ihrer männlicher Kollegen und spiegeln zugleich persönliche, intime Perspektiven wider, die für ihr Werk charakteristisch sind.“ Gerade den persönlichen Bezug fasste Rubinstein selbst mit den Worten „Jede Fotografie, die wir machen, ist Teil eines Selbstporträts“ zusammen.

Foto © Michael Zerban

Was das in der praktischen Umsetzung ihrer Arbeit bedeutet, kann man noch bis zum 29. November im Museum für Gartenkunde betrachten, das im Ostflügel des Schlosses Benrath in Düsseldorf untergebracht ist. Das pittoreske Museum selbst ist mit seinen vielen kleinen Räumen schon einen Besuch wert. Und tatsächlich muss man es ganz bis zum Ende durchqueren, um zu der Ausstellung Eva Rubinstein – Proof of Life zu gelangen, die Stefan Schwerzer und Silke Tofahm zusammengestellt haben. Die kleinen, hintereinander liegenden Zimmer, die für Wechselausstellungen vorgesehen sind, verbieten das Hängen großflächiger Drucke, vermitteln aber eine Intimität, die die Wirkung der gezeigten Bilder unterstreicht.

Die Kuratoren haben die Schwarzweißfotografien mit den Porträts, Akten und Interieurs thematisch geordnet. Wenige Banner geben einen schriftlichen Einblick in Leben und Schaffen der Künstlerin. Eine hübsche Idee ist eine Vitrine, in der postkartengroße Fotos scheinbar willkürlich zusammengeworfen sind. Bei näherer Betrachtung zeigen sie die Bildkünstlerin in verschiedenen Situationen unterschiedlicher Lebensabschnitte, die mehr als geschriebene Wörter über Rubinstein verraten. Und wer mag, lässt sich vor dem Schaukasten nieder, um ein etwa viertelstündiges Video anzuschauen, in dem Rubinstein selbst zu sehen ist.

„Einfachheit ist das Schwierigste überhaupt. Um sie zu erreichen, muss man kämpfen, leiden und auf etwas verzichten“, hat Rubinstein über ihre Arbeit gesagt. Mit ihren Werken war sie ihrer Zeit sicher weit voraus. Viele der Bildkompositionen wirken ausgesprochen modern, entsprechen in ihrer Ästhetik mehr einem heutigen Verständnis der Fotografie als früheren Zeiten. Schlichte Rahmen und handgeschriebene Bildunterschriften auf den Passepartouts unterstreichen den gelungenen Gesamteindruck wirkungsvoll.

Derzeit sorgt die ebenfalls im Schloss Benrath untergebrachte Ausstellung The Art of Johnny Depp für deutlich mehr Aufmerksamkeit. Aber nicht nur der, der sich für das spektakuläre Ereignis auf den Weg an Düsseldorfs Stadtrand macht, sollte sich die Rubinstein-Ausstellung auf keinen Fall entgehen lassen.

Michael S. Zerban