O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Nana Franck

Asphalt-Festival 2021

Der mit dem Eisbären tanzt

CHINCHILLA ARSCHLOCH, WASWAS
(Rimini Protokoll)

Besuch am
9. Juli 2021
(Premiere am 8. Juli 2021)

 

Asphalt-Festival, Düsseldorf, Central

Wer Rimini Protokoll einlädt, muss vorher sicherstellen, dass er über genügend Sitzplätze verfügt. Das Theaterkollektiv hat sich vor allem mit hochpolitischen Themen in immer wieder wechselnden Konstellationen einen herausragenden Ruf in der Theaterlandschaft erarbeitet. Bei dem Thema, dem sich Regisseurin Helgard Haug mit dem 2019 in Frankfurt uraufgeführten Stück Chinchilla Arschloch, waswas widmet, liegen zwei Jahre Vorarbeit zugrunde. Denn das Tourette-Syndrom ist eine ausgesprochene Seltenheit. Benannt nach dem Neurologen Georges de la Tourette, der es 1894 in einer Studie beschrieb, nachdem der Arzt Jean Marc Gaspard Itard bereits 1825 über entsprechende Symptome bei einer seiner Patientinnen berichtet hatte. In Deutschland sind etwa 0,3 bis 0,9 Prozent von Kindern betroffen, wobei es Jungs drei Mal häufiger als Mädchen trifft. Im Erwachsenenalter tritt es noch erheblich seltener auf. Das Verwirrende: Es wirkt für den Außenstehenden eher wie eine „lustige“ oder zumindest irritierende Erkrankung. Denn sie äußert sich durch motorische oder verbale Tics. Der Tic ist aus dem Französischen übernommen und bedeutet so viel wie nervöse Zuckung. Es kommt also häufig zu überschießenden Bewegungen oder unmotivierten Äußerungen in Form einer Echolalie, das heißt, Wörter werden scheinbar sinnlos wiederholt, oder einer Koprolalie, bei der der „Touretter“ obszöne oder aggressive Ausdrücke herausschleudert. Im deutschsprachigen Raum setzte sich Ralf Huettner 2010 cineastisch in dem Sozial- und Familiendrama Vincent will Meer mit Florian David Fitz, Karoline Herfurth und Johannes Allmayer mit dem Thema in berührender Weise auseinander.

Benjamin Jürgens – Foto © Nana Franck

Im echten Leben ist für die Betroffenen überhaupt nichts lustig. Das lernte Haug, als sie Christian Hempel traf, der mit seinem Slogan „Ich ticke, also bin ich“ unterwegs war. Damit begann für die Regisseurin eine, ja, nervenaufreibende Reise, an deren Ende ein Stück Musiktheater stand, in dem drei „Touretter“ gemeinsam mit einer Musikerin für ein Syndrom sensibilisieren, das den meisten Menschen unbekannt sein dürfte. Wie es sich für Rimini Protokoll gehört, gibt es weder platten Slapstick noch einen erhobenen Zeigefinger – na gut, meistens nicht und wenn doch, dann in einer höchst charmanten Weise.

Das Stück braucht Raum, also findet es im großen Saal des Central, der früheren Ausweichspielstätte des Schauspielhauses Düsseldorf am Hauptbahnhof statt. Die Bühne von Mascha Mazur besteht aus auseinanderdriftenden Eisschollen, auf denen orangefarbene Möbel, eine komplette Musikstation mit Klavier und elektronischen Elementen und ein Eisbärfell untergebracht sind. Wer darin die Klüfte zersprengter Synapsen sieht, wird sich freuen, dass sie im Laufe des Abends wieder zu einer kompakten Mittelhirnlandschaft zusammenfinden, auch wenn die eiskalt bleibt. Ob eine solch üppige Ausstattung überhaupt notwendig ist, kann man diskutieren. Denn das, was an diesem Abend passiert, hätte auch gut Platz in einer Kammeraufführung gehabt.

Christian Hempel – Foto © Nana Franck

Was an dem Abend beeindruckt, sind nicht die große Bühne oder die Videoprojektionen von Marc Jungreithmeier. Es sind die Geschichten von Christian Hempel, dem Altenpfleger Benjamin Jürgens und dem Landtagsabgeordneten Bijan Kaffenberger, die sich darauf geeinigt haben, die komischen Momente ihres Lebens in den Vordergrund zu stellen. Hier darf jeder herzhaft lachen, ohne im Betroffenheitsszenario zu versinken, das Minderheiten derzeit so gern für sich beanspruchen. Und so entsteht ein unglaublich schöner Abend, der den Tourettern mit jeder Minute mehr Respekt zollt. Denn selbstverständlich ist es nicht komisch, wenn ein Nachbar kein Verständnis zeigt und mit einer Anzeige beim Jugendamt droht. Aber spätestens zu diesem Zeitpunkt weiß jeder Zuschauer, dass Hempel ausreichend Selbstbewusstsein entfaltet hat, um seinen Nachbarn auch weiterhin mit „NamenArschloch“ anzusprechen, ohne befürchten zu müssen, seine Tochter an ein Kinderheim zu verlieren.

Nein, nichts in diesem Leben ist einfach, aber wie in jedem anderen auch manches komisch, zweiflerisch, optimistisch und hier und da auch mal ein Tal der Tränen. Gerade die hier gezeigte „Normalität“ macht es dem Publikum einfach, sich normal zu fühlen und mit den Tourettern zu lachen und beim hinreißenden Tanz Hempels mit dem Eisbärfell auch mal eine Träne zu verdrücken.

Für die Musik sorgt Barbara Morgenstern, die die Männer auch auf der Bühne begleitet. Ihre eigenen Kompositionen schwanken zwischen kraftvoller, elektronisch-analoger Begleitmusik und teilweise anrührenden Liedern. Schade, dass es Thorsten Löchl in der Tontechnik nicht gelingt, die ordentliche Balance zwischen gesungenem Wort und Musik herzustellen. Da wäre noch einiges möglich gewesen.

Ein großartiger Abend geht damit zu Ende, dass kein einzelner auf der ausverkauften Tribüne jemals wieder ein Problem mit einem Touretter haben wird. Wenn Theater Gemeinschaft ohne Ideologie schaffen kann, dann hat Haug mit ihrem Team hier einen ganz großen Abend gesetzt. Gratulation allen Beteiligten, denen ein Meilenstein gelungen ist.

Michael S. Zerban