O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

DVD

Die Kunst im Zentrum

In der Bühnenmitte „schwebt“ die Behausung des Titelhelden. Sie ist das Zentrum der Szenerie: Ausgestattet mit Bett, Schreibtisch, Klavier, zahlreichen Fotos auf einer Wäscheleine aufgehängt und einem stets griffbereiten Vorrat an Alkoholika. Eben alles, was so ein Künstler braucht. Für seine Freunde stehen Tür und Tor immer offen, zum Saufen, zum Singen, aber auch zum Koksen. Und wenn der elegante Mäzen, kein Geringerer als der Bösewicht selbst, erscheint, bekommt er auch zu trinken. Sicherheitshalber säubert er jedoch das Glas, bevor er sich einschenken lässt: So einiges ist Tobias Kratzer bei Les Contes d‘ Hoffmann von Jacques Offenbach, eine Inszenierung aus der Oper in Amsterdam eingefallen. Es ist eine Produktion aus dem Jahr 2018, die jetzt auf DVD und Blu-ray Disc bei C Major herausgekommen ist.

Rundherum hat Ausstatter Rainer Sellmaier eine eher schäbige Setzkastenbühne gebaut. Und so öffnen sich um die zentrale Hoffmannsche Bude herum immer wieder Räume, in denen sich die Geschichten seiner drei Frauen abspielen. Olympia wird der glotzenden Menge in einem Keller auf einer kleinen Bühne vorgeführt. Und gleich nebenan treibt sie es dann später in Reiterstellung. Im etwas besser ausgestatteten Haus entpuppt sich für Antonia die Stimme ihrer toten Mutter nur als altmodisches Trichter-Grammophon. Antonia zerbricht die Schellackplatte und macht ein scharfes Bruchstück zu ihrem Selbstmordwerkzeug. In Hoffmanns Bude verfolgt die „Muse“, die hier immer eine Frau bleibt, die Verarbeitungen von Hoffmanns Traumata und leidet auch intensiv mit. Sie erkennt sich auch als Opfer der Beziehungsunfähigkeit eines Künstlers. Zur populären Barcarole im letzten Akt gibt es keine schaukelnden Gondeln, sondern unterirdische Kanäle, quasi ein Ort des Unterbewusstseins. Sie erinnert an ihren Ursprung, nämlich an die fast vergessene Oper Die Rheinnixen. Schlemihl setzt sich hier einen goldenen Schuss. Schließlich hat Hoffmann im Epilog schon so ein Drogenproblem, dass sich auch seine Saufbrüder von ihm zurückziehen und letztlich auch die Muse ihre Bemühungen aufgibt. Die Inszenierung mag für einige zu wenig poesievoll und dafür zu realistisch wirken, sie unterläuft zwar auch diverse Klischees, bietet aber – klug durchdacht und technisch praktikabel – große Bilder für eine intelligente Annäherung an den Kern dieser Künstleroper.  Immer am Puls des Geschehens ist die intelligente Video-Regie von Misjel Vermeiren.

Nicht eine Schwachstelle findet sich im Ensemble: John Osborn ist ein an Stimmkraft und Höhensicherheit prägnanter Hoffmann. Nina Minasyan ist eine koloratur- und höhensichere Olympia. Ermonela Jaho gibt eine sehr berührende Antonia. Christian Rice singt die Giulietta ideal. Exzellent und dunkel gefärbt ist Irene Roberts als Muse. Ganz Teufel, sängerisch wie auch darstellerisch mit der notwendigen Dämonie erlebt man Erwin Schrott in den Rollen der Bösewichter, wie Lindorf, Coppélius, Doktor Miracle und Dapertutto. In den Dienerrollen Andrès, Cochenille, Frantz und Pitichinaccio stellt auch Sunnyboy Dladla – er hat doch tatsächlich diesen Vornamen – seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Alle Nebenrollen stimmen, und im weiten, dicht gefüllten Graben legt sich Carlo Rizzi am Pult des Rotterdamer Philharmonischen Orchesters mit Temperament und Leidenschaft als Anwalt Offenbachs ins Zeug.

Einhelliger Beifall für alle.

Helmut Christian Mayer