O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Das Vorbild ist die Stimme

Alexandre Tharaud wurde Ende 1968 in Paris geboren und begann mit fünf Jahren, das Klavierspiel zu erlernen. Nachdem er das Pariser Konservatorium absolviert hatte, vervollkommnete er seine Ausbildung bei zahlreichen weiteren Lehrern. Er heimste Preise bei Wettbewerben ein, arbeitete mit Begeisterung kammermusikalisch, spielte mit weltbekannten Orchestern und Dirigenten zusammen und seine Einspielungen sind so zahlreich, dass einem schwindlig werden möchte. Ein Leben im Erfolg, um das man ihn nur beneiden kann. Tatsächlich?

Nun, nach der Lektüre seines Buchs tauchen Zweifel auf. 2017 erschien es in der französischen Fassung unter dem Titel Montrez-moi vos mains, jetzt hat es Carsten Dürer ins Deutsche übersetzen lassen und in seinem Staccato-Verlag veröffentlicht. Der Titel ist der gleiche geblieben: Zeigen Sie mir Ihre Hände. Tharaud nimmt den Leser mit zu einem „ganz normalen“ Arbeitstag, der in einem Rezital endet. Zwischen Proben und Konzentrations- und Ruhephasen bleibt ihm genug Zeit, in kurzen Essays die verschiedensten Ereignisse und Entwicklungen seines Lebens zu beleuchten. Es gibt hier nicht den so oft erlebten Versuch einer Selbstbeweihräucherung – das hat ein Alexandre Tharaud wahrhaftig nicht mehr nötig – als vielmehr eine Selbstentblößung. Da ist von Tabletten, Alpträumen und Ängsten die Rede, häufig und schön in poetische Bilder gekleidet. Der Pianist nimmt den Leser mit auf die Bühne, stellt ihm den Klavierstimmer, seine Aufgaben, seine Kunst und die Zusammenarbeit mit dem Solisten vor. Endlich erfahren wir auch, wie die Person heißt, die links hinter dem Solisten sitzt und mit mehr oder minder kundiger Hand die Partitur durchblättert. Und unversehens befinden wir uns in einem weiteren Kapitel in der Geschichte des Klaviers. Nicht nur an diesem Instrument ist Tharaud ein glänzender Erzähler. Er bringt uns auch fast nebenbei die Entwicklung des Klaviers als Stimmersatz näher. Wie die Opernstimme allmählich in den eigens geschaffenen Konzertsälen vom Klavier „ersetzt“ wurde, um sich schließlich als Solo-Instrument durchzusetzen. Pausen-, fast atemlos geht es weiter durch die schönsten Konzertsäle der Welt und was ihre Faszination ausmacht. Tharaud enthält uns seinen reichen Erfahrungsschatz nicht vor. Dass er offenbar viel Glück mit seinen Agenten hatte, verführt ihn zu einer so sicher nicht verallgemeinerbaren Idealisierung, aber er will ja auch keine letzten Wahrheiten verkünden, sondern seine subjektive Sicht der Dinge darstellen. Und das gelingt ihm durchaus fesselnd.

Allzu gern möchte man sich in den Sog der Erzählungen hineinziehen lassen, wenn die deutsche Übersetzung von Christiane Filius-Jehne dem nicht einen ordentlichen Strich durch die Rechnung machte. „Ab und an laufe ich Pianistinnen und Pianisten über den Weg“, wird da gegendert, dass es einem den Lesefluss auf das Übelste zerschlägt. Solche Versuche gibt es immer wieder, und je häufiger sie vorkommen, desto ärgerlicher wird es. Ob Tharaud wirklich, wenn er gedankenverloren durch die Gegend läuft, „Musikerinnen und Musikern“ zwischen die Beine schaut, weil ihm in dem Moment das Geschlecht seines Gegenübers so wahnsinnig wichtig ist, dass er es auch noch auf die beiden biologischen Geschlechter beschränkt und damit der Diversität schadet? Der Eindruck entsteht im übrigen Text nicht. Dass Übersetzungen Freiheiten haben müssen, um den Sinn des Gemeinten in der anderen Sprache besser zu erfassen, ist bekannt und notwendig. Das macht eine gute Übersetzung überhaupt erst aus. Hier schadet die Übersetzung dem Werk des Autors.

Dass die deutsche Fassung es bei einigen „subtilen“ Dümmlichkeiten belässt, sorgt dafür, dass man das Werk trotzdem uneingeschränkt empfehlen kann. Zu stark sind die Innenansichten des Solisten, an denen er den Leser teilhaben lässt. Ja, es ist sicher nicht zu viel behauptet, wenn man nach dem Genuss des Buches den Besuch des nächsten Rezitals – von wem auch immer – mit völlig neuen Augen sehen wird. Vielleicht ist dann alles nicht mehr ganz so würdevoll, aber mit Sicherheit inniger und verständiger. Und das kann auch der Musik nur zu mehr Glanz verhelfen.

Michael S. Zerban