O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Biografie mit Vorgeschichte

Als Sohn eines berühmten Vaters hat man es nicht immer leicht. Davon kann auch Willi Kollo, der Spross des Berliner Operettenkönigs Walter Kollo, ein Lied singen. In der Autobiografie Als ich jung war in Berlin, die Tochter Marguerite 2008 aus seinen Notizen zusammenstellte, erzählt er von einer schwierigen Kindheit, die durch Streitigkeiten mit der Mutter, die häufige Abwesenheit des Seniors und die Ehezwistigkeiten der beiden belastet ist. Doch die väterlichen Beziehungen erleichtern ihm auch den Eintritt ins Showgeschäft und den Aufbau einer eigenen Karriere.

Willi Kollos mit vielen persönlichen Anekdoten gespickte Erinnerungen reichen bis 1946, die Episoden aus der zweiten Lebenshälfte hat Marguerite ergänzt. Sie sind teils unterhaltsame Plauderei über die Unterhaltungsbranche, teils Abrechnung mit den Umständen, immer aber vermitteln sie das Bild eines aufrechten Künstlers auch in schwierigen Zeiten.

Im Vergleich dazu ist der Blickwinkel der ersten offiziellen Biografie, die der Theaterwissenschaftler Wolfgang Jansen unter dem schnörkellosen Titel Willi Kollo innerhalb der Reihe Populäre Kultur und Musik herausgegeben hat, nicht ganz so ungetrübt. Obwohl die Initiative zu dem Buch von Kollos Witwe stammt, die Jansen 1990 bat, die Lebensgeschichte ihres Mannes zu verfassen, passte ihr und der Familie das fertige Manuskript nicht. Die Veröffentlichung wurde unterbunden und mit rechtlichen Konsequenzen gedroht. Erst 2020 waren alle juristischen Hindernisse ausgeräumt und die Publikation konnte gegen den Willen der Familie erscheinen.

Einer der Punkte, woran sie sich stößt, ist die Darstellung von Kollos Rolle zur Zeit des Nationalsozialismus. Während der Künstler sich selbst als regimekritisch charakterisiert, porträtiert ihn Jansen als Mitläufer. Das jedoch stets völlig sachlich, differenziert und unterfüttert durch zahlreiche Quellen.

Dieser Stil zeichnet das gesamte, rund 390 Seiten starke Buch aus. Mit einer Fülle an Details, basierend auf genauen Recherchen und neuesten Forschungsergebnissen, beschreibt Jansen den Werdegang des 1904 Geborenen. Schon als Jugendlicher tritt er künstlerisch hervor, zunächst literarisch mit Gedichten und Novellen, die während seiner Internatszeit in Blankenburg bei Vortragsabenden Erfolg haben. Zurück in Berlin verfasst der noch Minderjährige Texte fürs Kabarett und für Operetten seines Vaters. Doch Willi Kollo hat auch musikalisch etwas zu sagen. 1925 entstehen erste Nummern für eine Revue, zunächst unter dem Pseudonym Edgar Allan. Schlager wie Grüß‘ mir mein Hawaii oder Nachts ging das Telefon, Berlinreminiszenzen wie das Zillelied für Claire Waldoff oder Lieber Leierkastenmann machen ihn populär und auch als Sänger tritt er auf.

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1929 kommt der Film hinzu, bis 1945 ebenso Produktionen für den Rundfunk und das frühe Fernsehen. Bei Kriegsende zieht Kollo nach Hamburg und versucht dort einen Neuanfang im Kabarett und als Regisseur. Dort sind seine Inszenierungen mehr oder weniger erfolgreich, auch seine Rückkehr 1954 nach Berlin bringt nicht den gewünschten künstlerischen Neuanfang.

So verlagert er seine Aktivitäten und geht seinem Interesse an Geschichte nach. Das Ergebnis sind historische Schauspiele und konservative politische Schriften, die er 1970 im eigens gegründeten Zeitbuch-Verlag herausgibt.

In seinem eigentlichen Metier wird er noch einmal 1987 geehrt. Das Ostberliner Metropoltheater spielt eine Kollo-Revue, zu der er noch ein neues Berlin-Chanson beisteuert. Kurze Zeit danach, 1988, stirbt er, und seine Tochter Marguerite übernimmt die Vermarktung der Werke. Sohn René hingegen steht stärker in der Öffentlichkeit. Er mausert sich vom Schlagersänger zum weltweit gefeierten Wagner-Tenor.

Wolfgang Jansens Biografie liest sich ausgesprochen kurzweilig. Das liegt auch an der aufgelockerten Form: In jedes Kapitel sind Kurzbiografien von Wegbegleitern und Zeitgenossen Kollos integriert, dazu gibt es jeweils am Ende einen Dokumenten-Anhang, unter anderem aus Zeitungskritiken, privaten Briefen und Programmheftbeiträgen. Im Nachtrag sind alle Bühnenwerke und Filme, an denen Kollo beteiligt war, aufgelistet, weiter eine penibel aufgeführte Diskografie. Da kann man verschmerzen, dass Fotos, vermutlich aus urheberrechtlichen Gründen, vollständig fehlen.

Karin Coper