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Buch

Wagner und die Moderne

Die Anzahl der Werke über Richard Wagner ist nicht mehr überschaubar, über keinen anderen Komponisten gibt es so viele Biografien, Analysen seiner Werke, Erklärungs- und Verklärungsversuche. Allein zu seinem 200. Geburtstag im Jahre 2013 gab es eine Flut an Neuerscheinungen. Man sollte also meinen, es ist alles gesagt über Wagner, nur noch nicht von jedem. Und doch gibt es immer wieder Bücher, die das Leben und das Werk Richard Wagners aus einer neuen Perspektive betrachten. Dazu zählt das Buch von Alex Ross: Die Welt nach Wagner. Auf über 900 Seiten erzählt der angesehene amerikanische Autor, der seit 1996 Musikkritiker des New Yorker ist, eine deutsche Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, die durchzogen ist vom Erbe Richard Wagners. Der Komponist und sein Wirken ist für Alex Ross ein deutsches Drama, das sich sowohl aus der Realität als auch aus dem Wahn speist und Hitler und Bayreuth in den historischen und kulturellen Kontext einbettet. „Dies ist ein Buch über den Einfluss eines Musikers auf Nicht-Musiker – Resonanz und Nachklang einer Kunstform in anderen Bereichen. Wagners Wirkung auf die Musik war gewaltig, doch sie war nicht größer als die von Monteverdi, Bach oder Beethoven. Aber seine Wirkung auf andere Kunstformen war beispiellos und ist seither nicht wieder erreicht worden, auch nicht im Bereich der populären Kunst. Die größte Faszination übte er auf Vertreter der ‚stummen Künste‘ aus – auf Romanschriftsteller, Dichter und Maler, die ihn um die kollektiven Gefühlsausbrüche beneideten, die er im Klang entfesseln konnte.“ So beschreibt Alex Ross selbst sein Mammutwerk, dass einerseits die Zeit nach Wagner darstellt, andererseits aber auch immer wieder retrospektiv auf das Leben Richard Wagners und die Rezeptionsgeschichte seiner Werke verweist. So ist das Vorwort zum Buch gleichermaßen das Vorspiel zu einer Grand Opéra in 15 Aufzügen, in dem jedem Kapitel ein Motiv aus Wagners Opern vorangestellt und gleichzeitig der Bezug oder Querverweis zu politischen und kulturellen Ereignissen des 19. und 20. Jahrhundert gezogen wird. Das ist, obwohl durchaus spannend geschrieben, manchmal schon etwas langatmig und zäh, da Ross sehr detailverliebt ist und man das Werk sehr konzentriert und aufmerksam lesen muss, um sich gedanklich nicht zu verheddern.

Das als Vorspiel bezeichnete Vorwort trägt den Untertitel Der Tod in Venedig. Es bezieht sich zum einen auf Wagners Tod in Venedig am 13. Februar 1883, aber dieser Untertitel ist natürlich auch der Name einer bedeutenden Novelle von Thomas Mann, einem glühenden Bewunderer und gleichzeitig starkem Kritiker Richard Wagners. Es sind die Schriftsteller und Philosophen wie Friedrich Nietzsche, Ludwig Feuerbach oder Alain Badiou, die in den direkten Kontext zu Wagner gestellt werden. Speziell an Nietzsche und dessen teilweise konträren Auffassungen zum Ring des Nibelungen arbeitet sich Ross im ersten Kapitel seines Buches ab, das er Rheingold übertitelt hat. Unter der Überschrift Der Tristan-Akkord schreibt Ross über den französischen Schriftsteller Charles Baudelaire und Wagners verzweifelten Kampf, in Frankreich Fuß zu fassen. Im Mittelpunkt steht der Skandal um die Uraufführung des Tannhäuser in Paris. Von Frankreich wechselt Ross nach England und in die USA und beschreibt unter der Überschrift Der Schwanenritter: „Das viktorianische England und das Gilded Age in Amerika.“ Schon zu seinen Lebzeiten ist Richard Wagner in Amerika berühmt, und 1876 wird ihm die Ehre zuteil, zum 100. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit den American Centennial March zu komponieren, den Ross interessanterweise als ein „mittelmäßiges Musikstück“ bezeichnet. Das ist im Übrigen typisch für Ross und zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, das er immer wieder teils abwertende Bemerkungen oder Kommentare zu Wagner und seinen Werken abgibt, deren universelle Gültigkeit stark angezweifelt werden darf.

Über den Lohengrin schreibt er beispielsweise: „Vor seiner Abreise löst er noch den bösen Zauber, mit dem die heidnische Hexe Ortrud Elsas kleinen Bruder in einen Schwan verwandelt hatte.“ Ob es nun ein Übersetzungsproblem aus dem amerikanischen oder eine falsche Interpretation von Ross ist, die Figur der Ortrud als „heidnische Hexe“ zu bezeichnen, ist mehr als grenzwertig. Zwar glaubt Ortrud an die für das Christentum heidnischen altgermanischen Götter, sie ruft ja „Wodan“ zur Hilfe, und sie verfügt über Künste der schwarzen Magie, im Gegensatz zur weißen Magie des Lohengrin. Telramund selbst bezeichnet sie als „wilde Seherin“. Nur hat das in unserem Verständnis nichts mit dem Wort „Hexe“ zu tun, und auch das englische Wort „witch“ lässt da verschiedene Übersetzungen zu. Zumindest sind es solche Passagen, die bei Wagner-Kennern doch eher zu einem Stirnrunzeln führen. Auch das vierte Kapitel Der Gralstempel mit dem Untertitel Der esoterische, dekadente und satanische Wagner weckt Fragezeichen. In seiner Analyse des Parsifal kommt Ross schon zu abenteuerlichen Formulierungen. Zur Wandlungsszene im ersten Aufzug schreibt Ross: „Der Kelch leuchtet rot, das Blut des Amfortas fließt. Titurel ruft: Oh! Heilige Wonne! Bei diesem schrecklichen Sakrament drängt sich die Frage auf, zu welcher Art von Sekte die Gralsritter gehören. Titurel könnte fälschlicherweise mit einem Vampir verwechselt werden.“ Es gab sicher schon abenteuerliche, postapokalyptische Inszenierungen des Werkes, aber die Gralsritter als satanisch und Titurel als Vampir zu bezeichnen, zeugt entweder von einer eklatanten Unkenntnis des Werkes und seinen christlich-mythologischen Wurzeln oder von einer Überheblichkeit, die fast schon an Arroganz anmutet. Er rechtfertigt die These zwar mit einem vorgeblichen Wagner-Zitat mit einem angedeuteten Diabolismus am Vorabend der Uraufführung, was den amerikanischen Kritiker James Huneker dann zu der Frage trieb: „Was ist Parsifal anders als eine Art Schwarze Messe?“ Ross versucht zwar im Nachgang, diese Thesen wieder zu relativieren und ergeht sich in einem Exkurs über die Weltregionen und die neutestamentarischen Wurzeln des Parsifal.

Aber immer wieder kommt er auf den Okkultismus zurück und zitiert den deutschen Anthroposophen Rudolf Steiner mit den Worten: „Daß Richard Wagner und sein Kunstwerk überhaupt eine ungeheure Summe von okkulter Kraft verkörpern, das ist etwas, was nachgerade zum Bewußtsein der Menschheit kommt.“ Im Verlaufe dieses Kapitels vertieft Ross die angeblichen Verbindungen der Werke Wagners zu Satanismus und Okkultismus. Wie zur Erholung von diesem anstrengenden Kapitel und seinen nicht immer nachvollziehenden Thesen benennt Ross das nächste Kapitel Die Heilige Deutsche Kunst: „Das Kaiserreich und Wien im Fin de Siècle“. Wagners einzige heitere Oper Die Meistersinger von Nürnberg steht hier im zeitlichen Kontext von seiner Konzeption und seiner Rezeption über ein ganzes Jahrhundert. Ausgehend von der exzentrischen Beziehung Wagners zu König Ludwig II. von Bayern über das deutsche Kaiserreich und der „Münchner Moderne“ bis hin zur „Wiener Secession.“ Interessant ist dabei auch wieder der Verweis auf große Schriftsteller dieser Zeit. Zu einem ist da Theodor Fontanes spätes Meisterwerk Effi Briest, das Ross als „anti-wagnerianisch in Gehalt und Stil“ bezeichnet.

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/Leistung
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Ausführlich widmet sich Ross den Brüdern Heinrich und Thomas Mann und deren Bezügen zu Wagner und seinen Werken. Die Buddenbrooks vergleicht Ross mit Wagners Ring des Nibelungen. Auch andere Werke Thomas Manns, die Anklänge an Wagner haben, wie die Novelle Tristan oder der Roman Der Zauberberg finden hier Erwähnung, und in einem fast schon feindseligen Kontrast von Bruder Heinrich dessen zeitloses Werk Der Untertan. Interessanterweise verzichtet Ross in diesem Kontext auf die Einbeziehung von Thomas Manns Novelle Wälsungenblut, die hier eigentlich auch hätte Eingang finden müssen. Im sechsten Kapitel Nibelheim: „Wagner und Rasse“ kommt Ross auf sein Hauptthema zu sprechen, Wagner und die Juden und deren Karikatur und Erniedrigung in seinen Werken, vor allem im Ring. Es ist eine epische Abhandlung mit vielen Quellzitaten, die aber zum aktuellen Stand der Wagnerforschung nichts essenziell Neues beitragen. Es ist vielmehr die Aufzählung längst bekannter Thesen und Zitate, die belegen sollen, dass Wagner Antisemit war und seine Werke rassistisch seien. So zitiert Ross das bekannte Zitat des Philosophen und Wagner-Kritikers Theodor W. Adorno: „Der Gold raffende, unsichtbar-anonyme, ausbeutende Alberich, der achselzuckende, geschwätzige, von Selbstlob und Tücke überfließende Mime, der impotente intellektuelle Kritiker Hanslick-Beckmesser – all die Zurückgewiesenen in Wagners Werk sind Judenkarikaturen.“ Ross schreibt aber auch über jüdische Verteidiger Wagners, wie den Münchner Mathematiker Alfred Pringsheim. Dessen Tochter Katia heiratete 1905 den Schriftsteller Thomas Mann. Und hier findet nun die Novelle Wälsungenblut Eingang, in der Mann ausgerechnet die Familie seiner Frau zum Vorbild der großbürgerlichen jüdischen Familie Aarenhold nimmt, was in der Familie Pringsheim verständlicherweise zu Irritationen führt.

Ein weiteres kontroverses Kapitel heißt Venusberg und beschäftigt sich mit „Wagner, Gender und Sexualität“. Auch diese Thematik ist nicht grundlegend neu, insbesondere der Tannhäuser und die Szene im Venusberg gilt als sexuell motiviert, was in der prüden und strenggläubigen Zeit der Entstehung und Uraufführung des Werkes so manchen Skandal verursachte, was bis heute genüsslich Regisseure in mehr oder weniger gelungenen Inszenierungen thematisieren. Alex Ross macht in diesem Kapitel wieder einen Schnelllauf durch Geschichte und Thematik, von „Die Frauen und Wagner“ über „Schwule Wagnerianer“ bis hin zu „Wagner und die Psychoanalyse“ reicht die Themenfülle auf über fünfzig Seiten. Diverse Schriftsteller und deren Werke werden zitiert, um diese Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Auch Thomas Mann und seine vordergründig unterdrückte Homosexualität wird erneut thematisiert. So schreibt Ross: „Als Thomas Mann Katia Pringsheim heiratete, ließ seine Wagnermanie vorübergehend nach. Hans Rudolf Vaget vermutet, dass er sich vom Wagnerkult distanzierte, um Abstand zur homosexuellen Atmosphäre zu gewinnen, die diesen Kult umgab. Und natürlich kommt wieder Thomas Manns Roman Der Tod in Venedig zur Sprache, den Ross wie folgt charakterisiert: „Die Homoerotik, die er mit seiner Liebe für Wagners Musik assoziierte, verlagert er in eine Art Doppelgänger – älter, biederer einsamer, gefangen in seinem Intellekt und seinem Ruhm.“ Auch zum umfangreichen Themenkomplex der Psychoanalyse weiß Ross einiges beizutragen. Zitate von Otto Rank, Sigmund Freuds rechte Hand, und Carl Gustav Jung stehen exemplarisch für diese Thematik.

Über Zwischenkapitel gelangt Ross dann mit Nothung: „Der Erste Weltkrieg und der junge Hitler“ zu seinem Hauptthema in diesem Buch, das schon zuvor in unzähligen Büchern und Kommentaren bearbeitet wurde. Der Einfluss der Werke Richard Wagners auf Adolf Hitler und den Nationalsozialismus. Zunächst ist es die Kriegsliteratur, die Ross beleuchtet, die sowohl von Wagner beeinflusst als auch gegen Wagner und das Deutschtum gerichtet ist. Dann erscheint das erste Mal Hitler auf dem Plan, dessen erste einschneidende Begegnung mit Wagners Musik 1905 bei einer Aufführung des Rienzi im österreichischen Linz erfolgt sein soll. Hitler soll zunächst sprachlos gewesen sein, dann aber, laut den Memoiren des Dirigenten August Kubizek Adolf Hitler, Freund meiner Jugend, sei es aus Hitler nur so herausgesprudelt. Kubizek schreibt über das Gespräch mit Hitler: „In großartigen, mitreißenden Bildern entwickelt er mir seine Zukunft und die seines Volkes.“ Ross führt weiter aus, wenn diese Rienzi-Anekdote wahr sei, dann sei sie „der stichhaltigste Beweis für Wagners Einfluss auf Hitlers Politik.“ Diese These ist nun nicht wirklich neu, aber muss natürlich in einem derart umfangreichen Werk wiederholt werden. Interessant ist vor allem, wie Ross sich auf Thesen nicht einfach ausruht, sondern zeitlich und thematisch wieder springt, um Wagner und sein Werk aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. Das Kapitel Der Ring der Macht: „Die Revolution und Russland“ ist ein starkes Beispiel dafür.

So beschreibt er Ferdinand Lassalle, den Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins und Zeitgenosse von Karl Marx, als überzeugten Wagnerianer, der den Text des Lohengrin auswendig gelernt und „wie ein nordischer Barde“ deklamiert haben soll. Neben dem Wagnerismus in der Sowjetunion beschreibt Ross denselben in der Weimarer Republik. Bertolt Brecht und Frank Wedekind und deren antiwagnerische Schriften sollen hier als Beispiel angeführt werden. Ein weiteres interessantes Kapitel widmet sich dem Einfluss Wagners und seines Fliegenden Holländer auf den irischen Schriftsteller James Joyce und dessen Mammutwerk Ulysses und auf T.S. Eliots The Waste Land.

Das dreizehnte Kapitel des Buches beschäftigt sich noch einmal zentral mit dem so genannten Dritten Reich. Siegfrieds Tod ist der bezeichnende Name, mit dem Untertitel: „Thomas Mann und die Nationalsozialisten“. Am 50. Todestag von Richard Wagner, am 13. Februar 1933, zwei Wochen nach der Machtergreifung Hitlers, hielt Thomas Mann in Amsterdam einen Vortrag mit der Überschrift Leiden und Größe Richard Wagners, und es war eine Abrechnung mit dem „größten Talent aller Kunstgeschichte“. Er befasste sich eingehend mit Wagners widersprüchlichen Identitäten als „Mythenschöpfer und Psychologe, als Deutscher und Europäer, als Anarchist und Bürger, als Populist und Intellektueller“ und geht in seinem Vortrag so weit, Wagner als „Kulturbolschewisten“ zu bezeichnen. Für die Nazis ist das eine Art Kriegserklärung, und Mann wird so stark angefeindet und bedroht, dass er nicht mehr mit seiner jüdischen Frau Katia nach Deutschland zurückkehren kann. Ross widmet sich in diesem Kontext noch einmal ausführlich Manns Roman Der Zauberberg und zieht Analogien zu Wagners Tannhäuser und dem Venusberg. In den nachfolgenden Abschnitten geht Ross dann mehr ins Detail, beschreibt Hitlers erste Aufenthalte in Bayreuth und vergleicht Aussagen von Hitler mit denen Wagners, insbesondere zum Judentum. So zitiert Ross aus Richard Wagners antisemitischer Schrift Das Judenthum in der Musik: „Der Jude hat nie eine eigene Kunst gehabt“ und stellt Hitlers Zitat: „der Jude (…) nie eine Kultur sein eigen nannte“ aus dessen Buch Mein Kampf gegenüber. Derartige Vergleiche finden sich häufig in den Kapiteln, in denen Ross sich mit der Thematik Wagner und die Nationalsozialisten beschäftigt. Es sind viele kleine Details, die er erwähnt, sie führen aber letztendlich nicht zu einer historischen Neubetrachtung und der Aussage, wieviel Einfluss Wagner und seine Musik wirklich auf Hitler und dessen Vernichtungspolitik hatte. Interessant wiederum sind seine Thesen zu der „Hitlerisierung Wagners“ mit Beginn der vierziger Jahre, indem man Wagner nicht mehr als Opfer, sondern als Wegbereiter des Nationalsozialismus betrachtete. In diesem Kontext stehen deutsche Künstler im Exil im Vordergrund. Aber auch dem Holocaust widmet Ross einen großen Abschnitt und trägt zusammen, wie Wagners Musik und Schriften die Nationalsozialisten in ihrem grausamen Wahn bestätigt habe.

Alles in allem ist das ein historisch gesehen interessanter Abriss der dunkelsten Zeit der jüngeren deutschen Geschichte, kann aber die entscheidende Frage, wieviel Einfluss Wagners Musik und Schriften auf die Ideologie des Nationalsozialismus wirklich gehabt hat, auch nicht vollumfänglich beantworten. Nach diesem in jeder Hinsicht schweren Kapitel widmet Ross sich im vorletzten Kapitel Walkürenritt der Thematik Wagner im Film: „Von The Birth of a Nation bis Apocalypse Now“. Einer der ersten großen Stummfilme über Richard Wagner war der gleichnamige Film von Carl Froelich mit Giuseppe Becce in der Titelrolle, der zum 100. Geburtstag Wagners 1913 erschien. Es ist tatsächlich auch für den Wagnerkenner überraschend zu lesen, wie viele Filme über Wagner, seine Werke und mit seiner Musik als Soundtrack so in den letzten knapp hundert Jahren entstanden sind. Auch da stellt Wagner ein Alleinstellungsmerkmal auf. Zwei Filmen widmet sich Ross in seinem Buch sehr ausführlich. Charlie Chaplins Film The Great Dictator ist eine drastische Satire auf Hitlers theatralisches Auftreten, in der auch Wagners Musik natürlich eine wichtige Rolle spielt. Ross beurteilt die Verwendung der Musik in diesem Film als „Befreiung des Komponisten aus den Fängen des Nazismus“. So hört man das Vorspiel zum Lohengrin zweimal im Film, erst um die „NS-Ikonographie“ ins Lächerliche zu ziehen, dann um eine Friedensbotschaft zu untermalen. Einer der bekanntesten Hollywood-Filme, in dem Wagners Musik auf schon bizarre Art missbraucht wird, ist Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm Apocalypse Now aus dem Jahr 1979. Als Teil der psychologischen Kriegsführung der Amerikaner wird bei Luftangriffen mit Hubschraubern Musik über große Lautsprecher eingesetzt. In diesem Film verwendet Coppola die ersten 143 Takte des Walkürenritts, mit geringfügigen Modifikationen und Kürzungen sind das in etwa fünf Minuten Filmmusik. Die Version stammt aus der legendären Ring-Einspielung unter Georg Solti, mit der bekannten schwungvollen und basslastigen Klangfülle. Ross beschreibt diese wohl bekannteste Filmsequenz sehr eindrucksvoll, so dass Leser, die den Film nicht gesehen haben, in etwa eine Vorstellung bekommen von dem gigantischen Spektakel auf der Leinwand. Und es ist nicht bei dieser Filmsequenz geblieben. So schreibt Ross, dass von amerikanischen Black-Hawk-Hubschraubern der Walkürenritt erklang, als die Invasion1983 in Grenada begann. Auch bei Einsätzen in den Golfkriegen 1991 und 2004 hätten die Amerikaner sich der Wirkung dieser Musik bedient. Ross schließt das Kapitel mit dem bemerkenswerten Zitat: „Nichts in der Filmgeschichte hat das anschaulicher gezeigt als Apocalypse Now, wo der deutsche Wille zur Macht durch einen God-bless-America-Imperialismus ersetzt wurde“.

Das letzte Kapitel Die Wunde beschäftigt sich mit dem „Wagnerismus nach 1945“. Ross beginnt interessanterweise nicht mit der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele 1951, sondern setzt den „Jahrhundertring“ von Patrice Chéreau aus dem Jahre 1976 an die erste Stelle, indem er betont, dass dieser Ring eine klare Antwort auf die Frage habe, die sich im späten 20. Jahrhundert stellte: „Was kann Wagner für die zeitgenössische Kultur bedeuten, die ihn offensichtlich aus ästhetischen und auch aus politischen Gründen ablehnt?“

Ross führt weiter aus, dass „Fantasy- und Sci-Fi-Epen, von Lord of the Rings bis hin zu Star Wars und The Matrix Wagner’sche Ausdrucksformen aktualisierten“. Auch das „neue Bayreuth“ wird umfassend beschrieben, und zwar nicht nur die Ära von Wieland und Wolfgang Wagner, sondern er bezieht ausdrücklich die Leipziger Inszenierungen von Joachim Herz mit ein, die Meistersinger von 1960 und den Ring von 1973 bis 1976. Aber auch der bis heute andauernde Wagner-Boykott in Israel ist für Ross ein eigenes Unterkapitel wert. Zum Ende des Buches sind es dann vor allem die großen Fantasyfilme der letzten zwei Jahrzehnte, in denen er Allegorien zu Wagners Werken findet. In seinem Nachwort schreibt Ross, dass Wagner ihn am Anfang „nur als Problem“ interessierte und er lange nichts mit ihm anfangen konnte, er aber die Vorstellung akzeptierte, dass Wagner „der Prophet Hitlers“ war. In seinem Schlussstatement und seiner abschließenden Bewertung Wagners und den Einfluss seiner Musik und seiner Schriften schreibt Ross: „Wagner für das Grauen verantwortlich zu machen, das nach ihm verübt wurde, ist eine unangemessene Reaktion auf die Komplexität der Geschichte: Sie spricht den Rest der Menschheit frei. Ihn jedoch freizusprechen, hieße seinen schädlichen Einfluss zu ignorieren“.

Das Fazit am Ende des Buches fällt etwas zwiespältig aus. Einerseits ist das Buch die Summation einer unglaublichen Literaturrecherche und Fleißarbeit, die einer Habilitationsschrift würdig wäre. Allein das Zitat- und Quellenverzeichnis umfasst über hundert kleingedruckte Seiten. Die Anzahl der Bilder ist im Vergleich zum Umfang des Werkes eher gering, dafür aber passend und auf den Punkt gebracht. Anhand der Danksagungen kann man ermessen, mit wie vielen Personen auf der ganzen Welt Ross sich zu Wagner und dessen Werken ausgetauscht hat. Immerhin begann er das Projekt 2008, erschienen ist das Buch 2020. Sowohl Umfang des Werkes und der zeitliche Ansatz haben Wagnersche Ausmaße. Doch bei all dem Gigantismus in diesem Werk muss man auch bemerken, dass es viel Zeit, Kraft und Mühe kostet, das Buch zu lesen. Ross überfrachtet manchmal die Kapitel mit Informationen und springt ständig zwischen den Zeiten und Welten hin und her, dass es selbst für ausgesprochene Wagnerkenner schwierig ist, immer auf Ballhöhe zu bleiben. Auch sind einige Formulierungen durchaus kritisch zu betrachten, egal ob das jetzt ein Problem der deutschen Übersetzung ist oder so genau gemeint war. Für Wagnereinsteiger dürfte das Buch zwar auch von Interesse sein, birgt aber die Gefahr der Reizüberflutung. Der Wagnerianer, der eine ganze Bibliothek mit Werken von und über Wagner besitzt, wird nicht viel neues entdecken. Trotzdem darf man Die Welt nach Wagner von Alex Ross schon jetzt als ein Standardwerk der Wagner-Literatur bezeichnen, genauso wie den Klassiker Richard Wagner von Martin Gregor-Dellin aus dem Jahre 1980.

Andreas H. Hölscher