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Buch

Verstrickung und Verdrängung

In fiebriger Eile entsorgt im Frühjahr 1933 in Berlin ein Mann nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten „belastendes“ Material. Es ist Hans Heinrich Stuckenschmidt, der seine Vornamen lediglich mit H.H. anzugeben pflegt. Gegen den Musikkritiker des Ullstein-Blatts B.Z. liegt eine vermutlich aus dem Reichsverband der Deutschen Presse lancierte Anzeige bei der Gestapo vor. Der engagierte Streiter für die Zwölf-Ton-Musik, die „neue Avantgarde“, soll zum Schweigen gebracht werden. Er verbreite „lügnerische Kritiken“, beschimpfe die deutsche Musikkultur und führe die öffentliche Meinung irre, lauten einige der Vorhaltungen.

Stuckenschmidt erfährt öffentliche Unterstützung von Seiten der Neutöner um Paul Hindemith und Arnold Schönberg, die ihn aber nicht rettet. Im November 1934 erhält er wegen seines Eintretens für „eine zweifellos jüdischerseits beeinflusste Richtung“ Berufsverbot. Zunächst engagiert ihn das Prager Tagblatt, nach der deutschen Besetzung 1941 der dortige Neue Tag. Ein neuerliches Schreibverbot und die Verpflichtung zur Wehrmacht folgen.

Stuck, wie ihn Freunde auch nennen, kehrt 1946 nach Berlin zurück, wird Hochschullehrer für Musikgeschichte und erlebt den Aufstieg des Berliner Kulturlebens, namentlich Wilhelm Furtwänglers und Ferenc Fricsays Erfolge, Auftritte Herbert von Karajans und die Entwicklung der Komischen Oper unter Walter Felsenstein. 1957 verpflichtet ihn der FAZ-Herausgeber Karl Korn als festen Mitarbeiter für das Feuilleton seiner Zeitung. Fortan kämpft er für die zeitgenössische Musik an vorderster Stelle. Im Schluss seiner Autobiografie Zum Hören geboren notiert Stuckenschmidt, der 1988 stirbt, „alle Irrtümer, alle Sackgassen, in die ich gelaufen bin, gehören zu meiner Entwicklung.“ Auch die Fehler und Rückschläge seien „Teile meiner Bestimmung“.

Sturz ins Nichts

Im Mai 1933 werden in Berlin Bücher öffentlich verbrannt. Darunter sind auch Werke von Alfred Kerr, der aus einer assimilierten jüdischen Familie stammt. Der für seine scharfen und scharfsinnigen Kritiken an Autoren, Theatern und politischen Entwicklungen bekannte Journalist schreibt für das Berliner Tagblatt (BT), dessen Auflage zu Beginn der Nazi-Ära in dem Maße sinkt wie der Druck des Regimes auf Redaktionen und Verlage zunimmt. Drei Monate später folgt seine Ausbürgerung. Der BT-Verleger Hans Lachmann-Mosse überbringt Kerr die Kündigung mit der Begründung „staatsfeindlicher Gesinnung“ und stellt alle Zahlungen an ihn ein. Über die Stationen Prag, Zürich, Lugano, Paris erreicht er London. Dort lebt er bis zu seinem Tod 1948, weitgehend mittellos. Die Flucht aus Berlin sollte sich als Sturz ins Nichts erweisen.

Welch ein Kontrast eines Lebensendes in Not zu Kerrs Glanzzeit als bestverhasster Kritiker und Sprach-Künstler, der seine Egomanie in vollen Zügen auszuleben pflegt. Bevor der Theatervorhang aufgeht, wird berichtet, steht Kerr mit einem altmodischen Gehrock und einem Vatermörder aufrecht neben seinem Sitz in der ersten Reihe und – zeigt sich.

Diese Episoden sind Teil des Buches Schuld und Geheimnis. Bekenntnisse von Legenden in der deutsch-jüdischen Publizistik. Es ist im März im Kölner Herbert-von-Halem-Verlag erschienen. Autor ist Siegfried Weischenberg, emeritierter Journalistik-Professor, der in Hamburg lebt, seiner letzten Station als Hochschullehrer.

Insgesamt 36 deutsche, überwiegend deutsch-jüdische Journalisten und Publizisten nimmt Weischenberg in den Blick, was freilich sprachlich eine krasse Untertreibung ist. Schuld und Geheimnis beruht auf zwei Jahre umfassender Arbeit, auf akribischen Recherchen in der eigenen Bibliothek, im Internet sowie in den für das Projekt besorgten Autobiografien der ausgewählten „Medienlegenden“.

Bei grober Klassifizierung lassen sich zwei vom Autor unterschiedene Gruppen ausmachen, deren Berufsleben und spätere Zeugnisse in eigener Sache er analysiert und auf 700 Seiten darstellt, ergänzt um ein zwölf Seiten umfassendes Literaturverzeichnis. Zum einen die Deutschen mit jüdischen Wurzeln, deren journalistische Karriere nach der Machtergreifung durch die Nazis 1933 ab- oder unterbrochen wird und nach 1945 auf instabilem Boden eine fragile Fortsetzung oder ein bitteres Ende findet. Exemplarisch für sie sieht Weischenberg Kerrs Leben. Es spiegele Aufbruch und Schicksal der jungen Juden, die sich nach der endlich erreichten Emanzipation nach 1871, als Juden vollständige rechtliche Gleichstellung erfahren, in die deutsche Kultur einbringen wollen. Die wie Kerr die Freude dieses Ausbruchs erleben, danach Abbruch, Vertreibung, Elend.

„Zweite Schuld“

Zum zweiten die Deutschen, die sich dem Propagandaapparat des Joseph Goebbels andienen, Schrecken des NS-Regimes verharmlosen oder schönfärben und nach Ende des Krieges als unveränderter Teil der Medienelite öffentlich mit ihrer Vergangenheit umgehen, unkritisch oder lügenhaft. Oder in eine von Geheimnissen umwitterte Legendenbildung ausweichen, auf einen opportunistischen Pragmatismus, der dazu dient, sich nicht der eigenen Vergangenheit stellen zu müssen. Der „zweiten Schuld“, wie der Autor diese Technik des Selbstbetrugs nennt, nach der „ersten Schuld“, dem Opportunismus oder den tatsächlichen Vergehen in der Vergangenheit.

Angesichts teils lückenhafter Lebensbeschreibungen in eigener Sache oder tendenziöser Sichtweisen in Biografien journalistischer Weggefährten sind diese Klassifizierungen nur bedingt brauchbar. Von den drei Berliner Chefredakteuren Paul Scheffer, Rudolf Kircher und Karl Silex, die der Autor auf Grund „milder“ oder unter Druck nachlassender Opposition einem „graubraunen Widerstand“ zuordnet, hat lediglich der letztere eine vollständige Autobiografie geschrieben. Derselbe Silex, der nicht bestreitet, dank der Nutzung vielfältiger, auch ausländischer Quellen gut informiert gewesen zu sein, behauptet, von der „Endlösung“ der Judenfrage und den Gaskammern „wie alle anderen Deutschen“ zum ersten Mal nach der Kapitulation 1945 gehört zu haben. Die Thematik der Vernichtung der Juden sei nur einem internen verbrecherischen Kreis bekannt gewesen.

Genauer ist die Quellenlage bei Fritz Sänger, dem Nachkriegschefredakteur der Nachrichtenagentur dpa. Recherchen anlässlich des vom SPD-Parteivorstand begründeten Preises für „mutigen Journalismus“ in seinem Namen ergeben in seiner Biografie ein „konstruiertes Loch“ zwischen 1933 und 1945 – in dem Zeitraum eines angeblichen Berufsverbos, in dem er tatsächlich für Zeitungen in Berlin, Kiel und Wien schreibt. Artikel, die „eine andere Sprache sprechen“, in denen noch im März 1945 der deutsche Widerstand gerühmt wird, der „an keiner Stelle schwach“ gewesen sei.

Kann eine Sammlung von kritisch rezipierten autobiografischen Texten, biografischen Sekundär-Fallstudien und historischen Analysen ein Bild vermitteln, das Ansprüche hinsichtlich Vollständigkeit oder gar Repräsentativität einer ganzen Berufsgruppe erlaubt? Der Autor beschäftigt sich ausführlich mit den Schlüsselbegriffen Schuld und Geheimnis. In Sonderheit mit der Frage nach den methodischen Grundlagen einer journalistisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung, die neuerlich Personen und ihre beruflichen Vitae inklusive Autobiografien in das Zentrum wissenschaftlichen Interesses nimmt. Seine Skepsis gegenüber den Zeugnissen der „Medienlegenden“ insbesondere aus und zu den Jahren des Nationalsozialismus zieht sich wie ein roter Faden durch sein Buch. Gegenüber den Selbstauskünften vieler Täter, wie er schreibt, „die nach 1945 mit dem Schweigen oder Verdrängen beschäftigt waren“ oder die behauptete „innere Emigration“ öffentlich als Erzählung stilisieren, die als nachträgliche Selbstrechtfertigung in Anspruch genommen wird.

Offene Wunden

Das Geflecht der 36 Porträts, darunter von sechs Journalistinnen – besonders lesenswert das von der Wiener Journalistin und Autorin Hilde Spiel – entfaltet sich in der Orchestrierung der gesamten Spannweite zu einem Spiegel des Journalismus der Nachkriegszeit, der selbst Sprünge und Risse aufweist. Weischenberg spricht von einem „unerforschten Rest“. Wie offene Wunden lesen sich manche Feststellungen des Autors. Dass etliche Medienidole als Exponenten eines Berufs, der rechtlich privilegiert ist – etwa durch das Zeugnisverweigerungsrecht – und eine besondere Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit für sich reklamiert, schweigend den Exodus ihrer jüdischen Wegbegleiter aus den Redaktionen verfolgen und auch in den Jahren nach 1945 Solidarität ihnen gegenüber vermissen lassen, ist eine unveränderte Schuld des Berufsstandes der Nachkriegszeit. Sie wird auch dadurch nicht geringer, dass Ähnliches in anderen Metiers zu beobachten ist.

Schuld und Geheimnis ist, da ein journalistisch-wissenschaftliches Produkt, auch als Lesestoff empfehlenswert. Manche Medien-Egomanen werden „auf krummen Wegen zu den Schlüsselrollen in Bonn“, andere als Virtuosen des name dropping vorgestellt, Friedrich Sieburg, eine besonders schillernde Figur, als „Richard Tauber des Journalismus“.

Verblüffend ist die häufig kuriose Bereitschaft zur Selbstauskunft. „Weil es keine ehrlichen Memoiren gibt.“ Das antwortet Henri Nannen, Mitgründer und langjähriger Chefredakteur der Illustrierten Stern, bis 1945 Kriegsberichterstatter der Luftwaffe und Verfasser glorifizierender Frontartikel, 1997 einem Interviewer aus der Schweiz, warum er sich immer geweigert habe, seine Memoiren zu schreiben. Und fügt hinzu: „Jeder hat in seinem Leben etwas getan, dessen er sich zutiefst zu schämen hätte, und wenn er Memoiren schreibt, müsste er das eigentlich erzählen.“

Was aber die guten Geschichten angeht, weiß der Spiegel- und Geo-Reporter Hermann Schreiber, ein Weggefährte Nannens, so hat er immer wieder gesagt, er habe sie oft so erzählt, dass er nun wirklich nicht mehr wisse, ob er sie auch so erlebt habe. Was Nannen hier inszeniert, ist eine entlastende Distanz, eine Art Ohnmacht gegenüber der Fähigkeit und Notwendigkeit, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Er macht daraus ein Geheimnis, die Relativierung der „zweiten Schuld“.

Story telling in eigener Sache

Weischenberg attestiert Nannen story telling auf seine eigene Weise. Die Enthüllung seiner tatsächlichen Verstrickung in die NS-Gräuel durch NDR-Rechercheure 2022 sollte der 1996 gestorbene Nannen nicht mehr erleben. Aufschlussreich sind Hinweise des Autors auf einzelne Versuche, das Bild der Medienlegende vom Schmutz der Vergangenheit zu reinigen. Das versucht eine Enkelin Nannens mit der Darstellung einer durchaus riskanten Beziehung ihres Großvaters zu einer Jüdin. Theo Sommer, Autor der Wochenzeitung Die Zeit, argumentiert, Nannens Leistungen für die Demokratie müssten schwerer wiegen als alles, was ihm an Verfehlungen in der NS-Zeit vorgeworfen werden könne. Mit vergleichbarer Intention tritt der Publizist Sebastian Haffner im „Fall Höfer“ auf. 1987 trennt sich der WDR vom Moderator des Internationalen Frühschoppens, ausgelöst durch die Enthüllung eines widerlichen Nachrufs auf den Pianisten Karlrobert Kreiten. Der außerordentlich talentierte Musiker, Schüler von Claudio Arrau, war vom Freislerschen Volksgerichtshof wegen Wehrkraftzersetzung und „Beleidigung des Führers“ zum Tod am Galgen verurteilt und in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden.

„Wenn alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder sich nach dem Kriege so engagiert für die Demokratie eingesetzt hätten wie Werner Höfer“, heißt es in einem Kommentar Haffners, „dann brauchten wir uns um den Bestand der Demokratie keine Sorgen zu machen.“ Auch das ein Topos der Verdrängung. Jede Täterschaft im NS-Regime, gibt Weischenberg zu bedenken, habe Höfer stur geleugnet und seine Nazi-Karriere erfolgreich auf die Rolle eines Mitläufers reduziert.

Detaillierte Recherchen des Autors legen immer wieder Grundzüge der Psyche der um Profilierung bemühten Medienstars frei, etwa Kerrs „haarsträubende Egozentrik, schamlose Eitelkeit und wollüstigen Selbstgenuss“. Die gut zu lesende Sprache, die den Autor nicht zuletzt als journalistischen Praktiker ausweist, ist ein Gewinn. Häufig gewinnt der Text durch vertiefende Verweise. Im Kerr-Kapitel erfährt der Leser Einzelheiten zur Familie des Kritikers, so zu seiner zweiten Frau Julia, einer Komponistin, deren, soweit bekannt, einzige in der NS-Zeit entstandene Oper Der Chronoplan in der aktuellen Spielzeit am Staatstheater Mainz uraufgeführt worden ist.

Die Entzauberung der Medienlegenden erscheint zu einem willkommenen Zeitpunkt. Extremisten und Populisten aus dem rechten Spektrum der Gesellschaft attackieren mit zunehmender Intensität systematisch Dokumente, Gedenkstätten und Spuren, die Zeugnis von den Gräueln des NS-Regimes ablegen. So gesehen ist Schuld und Geheimnis auch ein verdienstvoller Beitrag zur Bewahrung der Erinnerungskultur.

Im Rahmen seiner Kölner Mediengespräche lädt der von-Halem-Verlag am 20. April von 19 bis 21 Uhr zu einer Diskussion mit Siegfried Weischenberg in das Atelier-Theater in Köln ein. Die Teilnahme ist kostenlos.

Ralf Siepmann