O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Den Wahnsinn in die Schranken weisen

Warum wird im öffentlich-rechtlichen Fernsehen neuerdings so komisch gesprochen, dass man es nicht mehr versteht? Warum ist der Abendzettel im Theater plötzlich von Sternchen überschwemmt, dass man den Text nicht mehr begreift und ihn deshalb lieber erst gar nicht liest? Und warum fühlt man sich als heterosexueller, mehr oder minder glücklich verheirateter Mann mit zwei Kindern, plötzlich falsch im eigenen Land? Kinder müssen neuerdings frühestmöglich in irgendwelche Institutionen entsorgt werden, damit die Eltern arbeiten gehen. Männer fragen sich, ob es in der gegenwärtigen Situation nicht einfacher wäre, das Geschlecht zu wechseln oder wenigstens schwul zu werden, um sich den gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen. Wann hat man den gesellschaftlichen Dialog verpasst, in dem all diese Veränderungen diskutiert und mehrheitsfähig wurden? Die breite Masse ist von solchen Fragen unberührt. Sie beschäftigt sich damit, genug Geld zu verdienen, um zu konsumieren und in einer immer engmaschiger überwachten Gesellschaft unauffällig zu bleiben. Auch wenn das immer schwieriger wird.

Gemein ist allen dieses Unwohlsein, das Gefühl, nicht mehr mitreden zu können und deshalb lieber schweigen zu wollen. Gegen dieses Schweigen der „Normalen“ schreibt Birgit Kelle in ihrem neuen, rund 300 Seiten starken Buch Noch normal? – Das lässt sich gendern! an. Kelle ist in Rumänien geboren und kam mit neun Jahren nach Deutschland. Heute arbeitet sie erfolgreich als freie Journalistin und Publizistin. Sie ist „begeisterte Mutter von vier Kindern, langjähriges leidendes CDU-Mitglied und weibliche Feministin“. Das klingt ja schon mal danach, als ob sich eine Ewiggestrige gegen die Weiterentwicklung der Gesellschaft zur Wehr setzt. Bloß keine Veränderung. Als kosmopolitischer Mensch, modern, weltoffen und zukunftsorientiert, geht man ein Buch, das die These „Gender-Politik ist das Problem, nicht die Lösung“ schon auf dem Buchtitel trägt, mit größter Skepsis an. Ab der ersten Seite vermag die Autorin zu fesseln und entführt den Leser in einen Grusel-, wenn nicht Horror-Roman. Nur, dass sie eben keine Fiktion verbreitet, sondern in überzeugenden Analysen das aufarbeitet, was die Menschen derzeit nicht verstehen. Überzeugend legt sie dar, dass die Mechanismen sich geändert haben vom demokratischen Diskurs hin zu einer lobbygesteuerten, staatlich alimentierten Diktatur. Kelle lässt kaum ein Beispiel aus, um zu zeigen, wie sehr die Gender-Ideologie versucht, die Gesellschaft unter ihr Gedankenjoch zu zwingen, wie unter dem Deckmäntelchen der Weltverbesserung Werte wie Toleranz und Respekt einer Weltanschauung untergeordnet werden, die vom Opferstatus diktiert wird – und ganz nebenbei dem Feminismus in nie gekannter Weise schadet.

Schon bald fühlt man sich als Leser in den Bann gezogen von einer Frau, die weniger anklagt als genau belegt, in welche Widersprüche und Ungerechtigkeiten sich Lobbyisten begeben, die mit aller Macht versuchen, anderen Menschen ihre Meinung aufzuzwingen, anstatt sich im gesellschaftlichen Diskurs mit anderen Auffassungen auseinanderzusetzen. Nicht immer mag man ihren Argumenten folgen, weil es ja durchaus „gute Ziele“ gibt. Natürlich ist Rassismus falsch, soll die Gleichberechtigung in der Gesellschaft voranschreiten, haben Menschen das Recht auf andere sexuelle Orientierung. Wenn Kelle aufzeigt, welche Konsequenzen das in der derzeit praktizierten Übertreibung birgt, hat man das „Ja, aber“ schon auf der Zunge. Aber nein. Sie will nicht das Rad der Zeit zurückdrehen, ist nicht die Konservative, sondern verweist dezidiert auf die Wucherungen, die uns in die Sprachlosigkeit treiben. Und damit macht sie Mut. Nein, wir müssen uns die permanenten Grenzübertritte nicht gefallen lassen. Wir müssen sie diskutieren. Um zu gemeinsamen Lösungen zu kommen. Nicht die Schreihälse, die von der Regierung bezahlt werden, haben das Recht, unsere Zukunft zu bestimmen. Sie haben weder das Recht, sich über biologische Gegebenheiten hinwegzusetzen, sie haben nicht das Recht, unsere Kinder zu „verstaatlichen“ und ihnen in der Grundschule in die Ohren zu plärren, welche sexuellen Gewohnheiten für Erwachsene wichtig sind, und sie haben noch viel weniger das Recht, uns eine Sprache aufzuzwingen, die schon Orwell als Neusprech entlarvt hat.

Gerade mit der Sprache ist es allerdings schwierig in diesem Buch. Es darf bezweifelt werden, dass die „normalen Bürger“ mit dem Vokabular zurechtkommen. Denn in der argumentativen Auseinandersetzung mit den verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen muss Kelle natürlich auch den „Fremdsprech“ der Lobbyisten aufgreifen. Und das macht es manches Mal sperrig. Aber auch der Leser wird belohnt, der vielleicht nicht alles versteht und trotzdem am Ende die Botschaft mitnimmt. Wir dürfen uns nicht an unseren Kindern vergehen, um Ideologien durchzusetzen. Wir dürfen unsere sexuellen Neigungen ausleben, wenn wir damit andere nicht belästigen. Und wir dürfen weiterhin für die Werte Toleranz und Respekt eintreten. Nein, das dürfen wir nicht. Das müssen wir.

Im Großen und Ganzen sind die „Normalen“ dafür, dass Menschen, egal, ob Mann oder Frau, mit welcher sexuellen Orientierung und mit welcher Hautfarbe auch immer, gleichberechtigt nebeneinander leben. Und so ist das Thema Gender mitunter anstrengend. Aber das Buch ist erhellend, stimmt nachdenklich und ermutigt, sich gegen die Übergriffe der Schreihälse zur Wehr zu setzen. Damit wir wieder in eine Welt zurückfinden, in der das Argument zählt und nicht das Geld. Dieses Buch muss man unbedingt lesen.

Michael S. Zerban