O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Hinter den Kulissen

Prenzlau ist ein Städtchen in der Uckermark, rund 100 Kilometer nördlich von Berlin gelegen. Hier wurde 1975 Frank Schinski geboren. In einem kleinen Dorf nahe der polnischen Grenze aufgewachsen, begann er 1992 eine Ausbildung zum Maurer und verbrachte einige Jahre auf dem Bau, ehe er sein Abitur nachholte. Anstatt das naheliegende Architekturstudium aufzunehmen, entschied Schinski sich für die Fotografie und studierte von 1999 bis 2006 an der Fachhochschule Hannover. Seither ist die Stadt sein Lebensmittelpunkt, wenn er nicht gerade an Ausstellungen teilnimmt oder für internationale Magazine und Wirtschaftsunternehmen unterwegs ist. Seit 2009 gehört er zum Berliner Fotografenkollektiv Ostkreuz, einer Agentur von Fotografen, die es sich zur Aufgabe gestellt haben, das Zeitgeschehen zu fotografieren und auf diese Weise dazu Stellung zu beziehen. Im Juli wird der Bildband Neumarkt erscheinen, für den er mit den Fotos beauftragt wurde.

Zwischen Nürnberg und Regensburg in der Oberpfalz liegt die gut 42.000 Einwohner umfassende Stadt Neumarkt. Hier wurde 1981 der Kammermusiksaal im Reitstadel in Betrieb genommen. Weil man keinen Veranstalter dafür hatte, fasste Ernst-Herbert Pfleiderer den Plan, die Veranstaltungen in Eigenregie eines zu gründenden Vereins durchzuführen. Bis heute ist er Vorstandsvorsitzender und Künstlerischer Leiter der Neumarkter Konzertfreunde. Alsbald sprach sich die akustische Großartigkeit des Saals herum. Da war es kein großes Kunststück, namhafte Künstler nach Neumarkt einzuladen. Zumal der Verein der Neumarkter Konzertfreunde bis heute genügend Geld bereitstellt, um das Konzertwesen im Reitstadel zu finanzieren. Wenn Bürger viel Geld ausgeben, um sich ein solch exklusives Vergnügen zu leisten, auch wenn sie damit vergleichsweise günstige Eintrittspreise ermöglichen, kann das das Kulturleben einer Stadt bereichern. Das ist nicht nur in Neumarkt so. Und das ändert sich auch nicht, je älter eine Institution wird. Obwohl Kammermusik ja erst mal gerade nicht den Geruch des Elitären verbreitet. Aber wenn dann Musiker von Weltrang anreisen, wird es anspruchsvoll. Und erst recht, wenn man das 40-jährige Bestehen mit einem Buch feiern will.

Claudio Lieberwirth hat dafür im Auftrag des Vereins eine brillante Lösung gefunden. Er hat das Konzept des Buchs entworfen und Frank Schinski mit den Fotografien beauftragt. Der zeigt auf rund 150 Seiten András Schiff, Christian Gerhaher oder Heinz Holliger, um nur einige Beispiele zu nennen, hinter den Kulissen. Von ihrer privaten Seite. Streichquartette werden nicht im Frack, sondern mit Notebooks, vor irgendeiner Rückwand eines Hauses in der Pause oder in der Garderobe gezeigt, Geigerinnen nicht in grandioser Geste neben dem Dirigenten, sondern in trauter Umgebung mit ihren Kindern. Dabei, und das ist das Kunststück, werden sie nicht „vom Sockel geholt“, sondern als Menschen in ihrem beruflichen Umfeld gezeigt. Iván Fischer und seine Musiker vom Budapest Festival Orchestra warten in entspannt-konzentrierter Verfassung, andere Musiker hängen scheinbar uninteressiert in den Garderoben ab. Müllmänner, die in ihrer Pause lässig am Müllwagen stehen und eine Zigarette rauchen, würden in diesem Ambiente überhaupt nicht auffallen. Das ist großartig. Der Fotograf belässt es aber nicht bei den berühmten Gästen, sondern zeigt auch diejenigen, die den Konzertbetrieb vor Ort mitgestalten. Wunderbar das Foto, dass die Disponentin im Porsche zeigt. Irritierend die Haustechniker oder die Malerin, die nur von hinten abgebildet werden. Da möchte man im Kontext vermuten, dass es der Wunsch der Mitarbeiter war, nicht erkannt zu werden.

„Abgerundet“ wird der Bildband von drei Texten, die von András Schiff, Peter Gülke und Dariusz Szymanski unterzeichnet wurden. Und damit ist es eines von vielen Jubiläums-Büchern, die mit viel Aufwand, Geld und Engagement jeden Tag irgendwo entstehen. Was es zu etwas Besonderem macht, sind die Bilder von Schinski, in denen nicht nur berühmte Künstler im Reitstadel widerspiegeln, sondern dem Fotografen gelingt, das wenig spektakuläre Künstlerleben über die Stadt hinaus einzufangen. Nicht Neumarkt bleibt nach der Betrachtung im Gedächtnis haften, sondern das Profane des Künstlers zwischen seinen Auftritten. Wer sich viel hinter den Kulissen bewegt, den Bassisten im Familienkombi anreisen und die Geigerin auf dem Bahnsteig allein abreisen sieht, wer sich vom Frack auf der Bühne befreit, gewinnt in der Bewunderung der Leistung statt des Anscheins. Eben das gelingt Schinski mit seinen Bildern, und dafür gebührt ihm Lob.

Michael S. Zerban