O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Erste Liebe

Augsburg ist allgemein bekannt als „Fugger-Stadt“. Doch Augsburg ist auch die deutsche „Mozartstadt“. Hier wurde Wolfgang Amadeus Mozarts Vater Leopold geboren, und auch wenn Wolfgang Amadeus in Salzburg geboren wurde, sein Vater Leopold hielt seine Beziehungen zu Augsburg immer frisch. Augsburgs einstiger Kulturreferent und Bürgermeister Ludwig Wegele, ab 1962 auch Präsident der Deutschen Mozart-Gesellschaft, veröffentlichte 1965 einen Essay über den Lebenslauf von Marianne Thekla Mozart, die längst als das „Augsburger Bäsle“ in die Literatur eingegangen war. Die Historikerin Martha Schad hat 2004 dieses Büchlein neu aufgelegt, aktualisiert und um die Briefe ergänzt, aus denen bisher nur zitiert wurde. Erhalten sind allerdings leider nur die Briefe, die Wolfgang Amadeus an seine Augsburger Cousine schrieb, die Briefe an ihn sind leider nicht mehr vorhanden. Das vorliegende Büchlein, ein Kleinod in der fast unüberschaubaren Literatur über Mozart, ist die Zweitauflage von 2016. Martha Schad hat aber nicht nur die „Bäsle-Briefe“ editiert, sondern auch im Anhang ausführlich kommentiert und teilweise erklärt, denn das Lesen der deutschen Sprache des 18. Jahrhunderts und Mozarts manchmal sehr eigenwillige Wort- und Satzkreationen erfordern schon etwas Konzentration und Durchhaltevermögen. Schad zeichnet aber über die Episode der Briefe auch den weiteren Lebensweg der Marianne Thekla Mozart auf, einer Frau, die zwar nicht zu den Berühmtheiten ihrer Zeit gehörte, jedoch aus dem Lebenslauf Mozarts nicht einfach gestrichen werden kann. Martha Schad studierte zwischen 1980 und 1985 Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Augsburg und schloss mit ihrer Dissertation Die Frauen des Hauses Fugger von der Lilie ab. Viele ihrer Werke wurden als Grundlage für eine filmische Darstellung verwendet und in bisher 16 Sprachen übersetzt. Sie ist Mitglied der Münchner Turmschreiber und Ehrenvorsitzende des Richard-Wagner-Verbandes Augsburg. Von 2001 bis 2014 war sie ehrenamtliche Heimatpflegerin der Stadt Augsburg für kulturelle Angelegenheiten. Ihr ist es auch zu verdanken, dass an dem ehemaligen Wohnhaus in der Jesuitengasse 26 in Augsburg 2009 ein Bronzerelief von Maria Anna Thekla Mozart, gestaltet von der Malerin und Bildhauerin Ulla M. Scholl, angebracht wurde. Neben den „Bäsle-Briefen“ enthält dieses Buch auch noch ein kleines Kapitel über Mozarts Begegnung mit dem musikalischen „Augsburger Wunderkind“ Nanette Stein. Gestaltet ist das Büchlein sehr liebevoll mit Illustrationen von Eva Klotz-Reill.

Für Wolfgang Amadeus ist Augsburg auch der Beginn seiner ersten Liebe zu seiner Cousine Marianne Thekla Mozart, bekannt in der Literatur als das „Augsburger Bäsle“ Marianne, eigentlich Maria Anna Thekla Mozart. Sie wurde am 25. September 1758 in Augsburg in der Jesuitengasse 26 geboren und war somit knapp drei Jahre jünger als ihr Vetter Wolfgang Amadeus. Ihre Eltern sind Franz Aloys Mozart, ein jüngerer Bruder von Leopold Mozart, und Maria Viktoria, geb. Eschenbach. Die erste Begegnung Mariannes mit Wolfgang Amadeus Mozart in Augsburg ist datiert auf das Jahr 1763 im Zeitraum vom 22. Juni bis 6. Juli. Die Mozarts stiegen damals im heutigen Hotel „Maximilians“, dem ehemaligen Hotel „Drei Mohren“ ab. Der „Augsburgische Intelligenzzettel“ hat das Ereignis wie folgt festgehalten: „Herr Muzard mit Frau kommen per Posta von München, logieren ›Zu den drey Mohren‹.“ Wolfgang war sieben Jahre alt und gab mit seiner fünf Jahre älteren Schwester Maria Anna, genannt Nannerl, drei gefeierte Konzerte in Augsburg. Seine Cousine Marianne war da gerade mal vier Jahre alt und natürlich noch nicht im Blickfeld des Wunderkindes. Das sollte 14 Jahre später aber ganz anders sein. Am 11. Oktober 1777 kam der 21-jährige Wolfgang Amadeus Mozart auf seiner Reise nach Paris sogar für zwei Wochen nach Augsburg. Marianne Thekla Mozart, das „Augsburger Bäsle“, begleitet ihren Vetter bei den meisten seiner Unternehmungen.

Zwischen beiden entspann sich eine kleine Romanze. Von der Verliebtheit des jungen Mozarts in seine Cousine zeugen die „Bäsle-Briefe“, die lange Zeit wegen ihrer Direktheit, ihrer drastischen und oft derben Sprache nur auszugsweise veröffentlicht wurden. Wolfgangs Vater Leopold hatte natürlich deutliche Einwände gegen die sich anbahnende Liaison, was der rege Briefwechsel zwischen Wolfgang und seinem Vater bezeugt, der in diesem Büchlein ebenfalls teilweise zu lesen ist und im Kontext zu den Ambitionen, die Leopold für seinen Sohn hatte sowie der gesellschaftlichen Konventionen dieser Zeit geschuldet ist.

Interessant zu lesen ist, wie der Stil der Briefe sich im Laufe eines Zeitraums von gut vier Jahren immer wieder verändert. Zunächst höflich konventionell, dann immer derber, um am Ende wieder formell und distanziert zu wirken, insbesondere, wenn er mit französischen Phrasen durchsetzt ist. Ein typisches Exemplar ist ein Brief Wolfgangs an Marianne, datiert vom 3. Dezember 1777 in Mannheim. Da schreibt er:

Ma très chère Cousine! Bevor ich Ihnen schreibe, muß ich aufs Häusl gehen – – -ietzt ist’s vorbey! ach! – – nun ist mir wieder leichter ums Herz! – jetzt ist mir ein Stein vom Herzen – nun kann ich doch wieder schmausen! – nu, nu, wenn man sich halt ausgeleert hat, ist’s noch so gut leben.

Im weiteren Verlauf des Briefes lässt sich Mozart über seine weiteren Pläne aus, teilweise springt er thematisch etwas konfus hin und her, um dann auf rustikale Art zu schließen:

An alle gute Freund und Freundinnen von uns beyden einen ganzen Arsch voll Empfehlungen. An Dero Eltern steht es Pag. 3 Zeile 12. Nun weiß ich nichts mehr Neues, als daß eine alte Kuh einen neuen Dreck geschißen hat; und hiermit addieu Anna Maria Schlosserin geborne Schlüsselmacherin. Leben Sie halt recht wohl und haben Sie mich immer lieb; schreiben Sie mir bald, denn es ist gar kalt; halten Sie ihr Versprechen, sonst muß ich mich brechen. addieu, mon Dieu, ich küsse Sie tausendmal und bin knall und fall: Mannheim ohne Schleim, den 3 ten Decembr, heut ist nicht Quatembr: 1777 zur nächtlichen Zeit, von nun an bis in Ewigkeit Amen. Ma très chère Cousine waren Sie nie zu Berlin? Der aufrichtige wahre Vetter bei schönem und wilden Wetter: W. A. Mozart. S: scheißen: das ist hart.“

Dieser Schreibstil ist natürlich gewöhnungsbedürftig, denkt man bei Mozart doch vor allem an seine schöngeistigen Werke. Sollte der Komponist so wunderbarerer Opern, Sinfonien und Klavierkonzerte und vieles mehr in Wirklichkeit ein roher, derber Kerl ohne Anstand gewesen sein? Fakt ist, dass Mozart sich gern über viele Dinge lustig machte und dann zu eigenartigen Wortkreationen griff. Und wenn er sich über etwas aufregte oder verärgert war, dann war seine Wortwahl bisweilen schon sehr vulgär. Doch die Korrespondenz mit seiner Cousine ist nicht nur humorvoll zu lesen, sie ist vor allem ein belebtes Zeitzeugnis und ein nicht unwichtiger Abschnitt in Mozarts Leben. Das Büchlein ist, auch wenn es schon länger auf dem Markt ist, ein Kleinod, nicht nur für Mozartfreunde interessant, und dazu wunderbar als kleines Geschenk geeignet. 

Andreas H. Hölscher