O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Hochamt ohne Weihrauch

Im vergangenen Jahr sind anlässlich des 250. Geburtstags von Ludwig van Beethoven viele Bücher über sein Leben und seine Werke erschienen, darunter musikwissenschaftliche, historische, gesellschaftspolitische Bücher, aber auch so manche triviale Abhandlung. Das vorliegende Buch Kult und Kunst – Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst von Jan Assmann lässt sich in keine dieser Kategorien einordnen. Denn der Autor, Jahrgang 1938, ist kein Musikwissenschaftler oder Musiker, sondern deutscher Ägyptologe, Religionswissenschaftler, Kulturwissenschaftler und Emeritus der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Assmann beschäftigt sich insbesondere mit Erinnerungskulturen. Assmann studierte Ägyptologie, Klassische Archäologie und Altgriechische Philologie in München, Heidelberg, Paris und Göttingen. In Kairo arbeitete er von 1967 bis 1971 als freier Mitarbeiter und Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Jan Assmann folgte 1976 einem Ruf an die Universität Heidelberg auf den Lehrstuhl für Ägyptologie, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2003 lehrte. Es folgte eine Honorarprofessur für allgemeine Kulturwissenschaft an der Universität Konstanz, die er heute noch ausübt. 2018 erhielt er gemeinsam mit seiner Ehefrau Aleida Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Nun fragt man sich, wieso ein derart renommierter Wissenschaftler und Spezialist für Ägyptologie sich mit Beethoven und dazu noch mit nur einem Werk auseinandersetzt. Ein Blick in die zahlreichen Publikationen Assmanns verdeutlicht, dass er sich nicht zum ersten Mal mit einem Musikklassiker beschäftigt. 2012 veröffentlichte er Die Zauberflöte. Ein literarischer Opernbegleiter mit dem Libretto Emanuel Schikaneders und verwandten Märchendichtungen. Über diese Oper hat er 2015 eine weitere Publikation veröffentlicht: Die Zauberflöte. Eine Oper mit zwei Gesichtern. Im selben Jahr veröffentlichte er für das Katholische Bibelwerk Stuttgart das Buch Das Oratorium „Israel in Egypt“ von Georg Friedrich Händel. Sowohl die Beschäftigung mit Händels großem Oratorium als auch mit Mozarts Freimaurer-Oper Die Zauberflöte, in der ja unter anderem auch die ägyptischen Götter Isis und Osiris durch den Hohepriester Sarastro angerufen werden, lassen einen direkten Bezug zu Assmanns Profession erkennen. Nun aber Beethovens Spätwerk, die Missa Solemnis, ein lateinisches Hochamt, dafür fehlt zunächst der direkte Link zu Assmanns Expertise, der sich selbst auch nicht als Musikwissenschaftler bezeichnet. Ein Blick ins Vorwort lüftet da das erste Dunkel: „Von mir aus wäre ich nie auf den vermessenen Gedanken verfallen, ein Buch über Ludwig van Beethovens Missa Solemnis zu schreiben. Das selten aufgeführte Werk war mir ziemlich fern gestanden und ist mir erst im Lauf dieser Untersuchung sehr nahe gekommen. Die Anregung – oder eher die unwiderstehliche Verführung – zu dieser Arbeit verdanke ich dem Regisseur Tilman Hecker sowie Hans-Hermann Rehberg, dem Direktor des Berliner Rundfunkchors.

Das Buch versteht sich als Beitrag zu deren weitausgreifenden Plänen, Beethovens 250. Geburtstag zu feiern. Ihnen und dem Chor, der 2025 sein hundertjähriges Jubiläum feiert, ist dieses Buch gewidmet.“

Um die wissenschaftliche Analyse von Assmann und seine Herangehensweise zu verstehen, ist die Begriffsdefinition der Missa Solemnis und ihre Rezeptionsgeschichte voran unabdingbar.

Der lateinische Begriff missa solemnis bedeutet übersetzt „feierliche Messe“. In der Liturgie bezeichnet sie seit Papst Gregor dem Großen das katholische Hochamt; im Mittelalter war damit das Pontifikalamt und seit etwa dem 10. Jahrhundert das Levitenamt mit Priester, Diakon und Subdiakon gemeint. In der Musik wird der Begriff für eine besonders festliche und umfangreiche Vertonung mit entsprechender Besetzung des Ordinariums der heiligen Messe, also der feststehenden Teile der Liturgie, benutzt: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei, die in der Regel weiter in Einzelsätze unterteilt sind. Eine große Messe geht sowohl im Umfang als auch in ihrer symphonischen Komposition nicht selten über die Möglichkeiten einer Aufführung im liturgischen Rahmen hinaus, so dass konzertante Aufführungen häufig sind. Ab dem 19. Jahrhundert wird der Begriff zumeist für sinfonisch angelegte Werke mit entsprechend großen Dimensionen gebraucht. Das bekannteste Werk der Gattung ist wohl die Missa solemnis von Ludwig van Beethoven, aber auch Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe, Joseph Haydns Missa Cellensis und Wolfgang Amadeus Mozarts Große Messe in c-Moll dürften noch in diese Kategorie fallen.

Die von Beethoven zwischen 1819 und 1823 komponierte Missa Solemnis in D-Dur, op. 123, gilt als eine der bedeutendsten Leistungen des Komponisten überhaupt und zählt zu den berühmtesten Messen der abendländischen Kunstmusik. Beethoven selbst bezeichnete sie in seinen letzten Lebensjahren als sein gelungenstes Werk, und obgleich ihre Popularität nicht an viele seiner Sinfonien und Sonaten heranreicht, zeigt sie Beethoven auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Es handelt sich um seine zweite Messe nach der weniger bekannten Messe in C-Dur, op. 86 von 1807. Die Komposition der Missa Solemnis geht auf Beethovens Freundschaft mit Erzherzog Rudolph von Österreich zurück. Der Erzherzog war ein sehr begabter Schüler des Komponisten in Klavierspiel und Komposition sowie auch ein Förderer Beethovens in materieller Hinsicht. Daher widmete Beethoven dem Freund mehrere seiner bedeutendsten Kompositionen, darunter die Oper Fidelio. Aus Anlass der Inthronisation des Erzherzogs zum Erzbischof von Olmütz am 9. März 1820 plante Beethoven die Komposition einer Messe. Als Beethoven die Nachricht von der Ernennung Rudolphs zum Erzbischof von Olmütz erreichte, schrieb er: „Der Tag, wo ein Hochamt von mir zu den Feierlichkeiten für I.K.H. soll aufgeführt werden, wird für mich der schönste meines Lebens sein; und Gott wird mich erleuchten, dass meine schwachen Kräfte zur Verherrlichung dieses feierlichen Tages beitragen.“ Jedoch fand die Bischofsweihe in Olmütz ohne die Aufführung der Messe statt, da die geplante Messe in ihren Dimensionen weit über den üblichen Rahmen hinauswuchs und zu einer mehr als vierjährigen Suche Beethovens nach seinem Gottesverständnis wurde.

Der Komponist betrieb intensive Forschungen auf den Gebieten der Theologie, Liturgik und der Geschichte der Kirchenmusik, von der Entstehungszeit des Gregorianischen Gesangs über Palestrina bis Bach und Händel. Geschrieben hat Beethoven die Messe in Mödling in seinem dortigen Sommerhaus, das heute Beethoven-Gedenkstätte ist. Beethoven überreichte seinem Freund, dem Kardinal und Erzbischof von Olmütz, die ihm gewidmete Missa solemnis am 19. März 1823. Die Widmungsinschrift Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen findet sich aber weder in der dem Erzbischof überreichten Widmungspartitur noch im Erstdruck, sondern lediglich in dem in der Berliner Staatsbibliothek verwahrten Autograf. Möglicherweise distanzierte Beethoven sich von dieser Widmung an den Erzbischof, nachdem sich das Verhältnis zwischen den beiden Männern abgekühlt hatte. Die Erstaufführung fand nicht im sakralen Rahmen, sondern bei der Philharmonischen Gesellschaft in Sankt Petersburg auf Initiative des russischen Adligen und Mäzens Nikolai Borissowitsch Golizyn am 7. April 1824 statt. Die ursprünglich für Weihnachten 1823 geplante Uraufführung hatte sich durch die Einstudierung der anspruchsvollen Chorpartien, die sich als zeitaufwändiger als geplant erwies, sowie durch fehlerhaft kopierte Stimmensätze verzögert Bei der Wiener Teilaufführung der Messe am 7. Mai 1824 wurde diese vom Erfolg der 9. Sinfonie überschattet. Vor allem nach Beethovens Tod entwickelte sich ein Zwiespalt zwischen den Vorbehalten gegenüber der Missa Solemnis einerseits sowie andererseits den Skrupeln, das Werk eines Komponisten vom Range Beethovens zu kritisieren.

Die große Frage, die sich beim Lesen dieses Buches zu Beginn stellt, ist, wie Assmann nun dieses Werk analysieren und in den historischen Kontext einordnen wird. Ein Blick in die sehr lange Einleitung zeigt den Weg auf, den Assmann gehen wird: „Ich gehe von der These aus, dass Beethovens Missa Solemnis die erste Messkomposition darstellt, die sich nicht nur durch ihre äußere, sondern vor allem auch durch ihre innere Größe von dem liturgischen Rahmen emanzipiert hat, in dem sich die Messe als musikalische Gattung bis dahin seit siebenhundert Jahren entfaltet hatte. Das Besondere einer Messe als musikalischer Gattung besteht darin, dass sie nicht wie Bachs Passionen und Kantaten, Händels und Mendelssohns Oratorien und Brahms’ Deutsches Requiem einen freien, zeitgenössischen Text oder eine frei zusammengestellte Bibeltext-Collage vertont, sondern einen kanonischen, uralten liturgischen lateinischen Text, der dem Gottesdienst nichts hinzufügt, sondern zentral zum Gottesdienst gehört. Sie erfordert daher nicht nur ‚geistliche Musik‘, sondern Kirchenmusik im streng liturgischen Sinne. Händels Oratorien oder Bachs Passionen und Oratorien sind geistliche, aber nicht liturgische Musik. Auch Bachs Kantaten oder Händels Anthems sind das nicht, sie bereichern den Gottesdienst, aber konstituieren ihn nicht wie die fünf Teile des Ordinarium Missae, die bis zur Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils kanonische, unverzichtbare Elemente jeder Messe waren.

Die Gattungstradition der Messvertonung ist viel enger und verbindlicher, und das Verhältnis von Gattungstradition und Werkindividualität stellt sich im Fall der Messe ganz anders dar als in anderen Gattungen.“ Assmann kann bei der Betrachtung der Messe nicht anders, als vom christlichen Gottesdienst und seinen Ursprüngen auszugehen. Für ihn wurzelt der christliche Gottesdienst im liturgischen Gedächtnis der Passion und insbesondere des letzten Abendmahls, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat. Dieses Abendmahl wiederum steht im Kontext der jüdischen Überlieferungen, die mit dem Abend des Passahfestes verbunden sind: dem Mythos vom Auszug aus Ägypten mit dem Bundesschluss am Sinai und der langen Wüstenwanderung ins Gelobte Land. Den Bogen, den Assmann hier zu schlagen versucht, spannt sich also über zwei- bis dreitausend Jahre. „Das Projekt, die Betrachtung der Missa Solemnis mit einem Rückblick auf die uralte, Jahrtausende umspannende liturgische Tradition zu verbinden, in der sie wurzelt und die sie entschiedener transzendiert als alles Vorhergehende, mutet abenteuerlich an. Es kommt mir vor wie ein großer Berg, durch den ich von zwei Seiten einen Tunnel bohren will in der Hoffnung, in der Mitte zusammenzutreffen. Am einen Ausgangspunkt liegt die Stadt Jerusalem, wo Jesus das Abschiedsmahl mit seinen Jüngern feiert, das dann zum Ausgangspunkt liturgischer Feiern wird, in denen die wachsende Gemeinde Jesu Leben und Sterben gedenkt. Am anderen Ende liegt die Stadt Wien, in der Ludwig van Beethoven in den Jahren 1819 bis 1824 an seiner Missa Solemnis op.123 arbeitet. Dazwischen liegen rund zweieinhalbtausend Kilometer Luftlinie und rund eintausendachthundert Jahre. Von Jerusalem aus bohrend, gelangt man nach Rom und zu den Liturgien der weströmischen Kirche, von Wien aus bohrend, gelangt man zu den älteren großen Messvertonungen von Haydn, Mozart und Bach, die Beethoven zweifellos (wenigstens teilweise) gekannt hat, bis zurück zu Palestrina, Guillaume Dufay, Josquin Desprez und Guillaume de Machaut. Am römischen Ende geht es um die Entstehung und Entfaltung der Messe als Gottesdienst mit seiner Liturgie, die im Römischen Messbuch, dem Missale Romanum, kanonisiert ist. Am Wiener Ende geht es um die Messe als Libretto musikalischer Kunstwerke, deren Entstehung, Entfaltung und endliche Emanzipation vom liturgischen Rahmen in Gestalt der Missa Solemnis. Die beiden Tunnel treffen sich im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, als mit dem IV. Laterankonzil die römische Messe ihre kanonische Form erhielt und Guillaume de Machaut und andere Komponisten ihre polyphonen Messvertonungen schufen. Der Vorgang dürfte musik-, religions- und kulturgeschichtlich einzigartig sein und verdient in jedem Fall, so verstiegen das Projekt auch anmuten mag, unser Interesse. Wo gäbe es dafür Parallelen, dass ein Gottesdienst zur Textgrundlage einer musikalischen Gattung von universaler Bedeutung wird?“

Mit diesem Eingangsstatement verspricht Assmann nicht zu viel. Sein mit zahlreichen Anmerkungen versehenes Buch beinhaltet neun Kapitel auf 271 Seiten, und erst im Kapitel 7, nach genau der Hälfte des Textes, kommt Assmann eigentlich auf die Missa zu sprechen. Bis dahin ist das Buch ein Streifzug vom Ursprung des christlichen Gottesdienstes her und schlägt einen eindrucksvollen historischen Bogen über zwei Jahrtausende: vom letzten Abendmahl Jesu und den Gedächtnisfeiern der frühen Christen über die Entstehung fester liturgischer Formen, die im Hochmittelalter durch den mehrstimmigen Gesang zu Musik wurden, bis hin zu neuzeitlichen Vertonungen. Diese Exkursion ist natürlich Assmanns Spezialgebiet, und wer in theologisch-historischen Fragen Defizite hat, kann sie mit diesem Buch teilweise abbauen. Doch dazu benötigt es Geduld und die eine oder andere Querrecherche, denn Assmanns Buch liest sich nicht einfach runter, so manches Kapitel wirkt etwas sperrig und fordernd. Dagegen liest sich Christian Thielemanns Buch Meine Reise zu Beethoven, das ebenfalls zum Beethoven-Jubiläum im C.H. Beck Verlag erschienen ist, eher wie ein Musikroman. Aber Assmann geht es in seinem Buch natürlich nicht nur um die Missa, sondern um ihre historische Entwicklung und ihren Rang in der „geistlichen Musik“. Für Assmann stellt die Missa Solemnis den Höhepunkt einer Entwicklung dar, in deren Verlauf sich die Messe als musikalisches Kunstwerk von ihrer Funktion im christlichen vulgo katholischen Gottesdienst emanzipierte, ohne darum ihren Charakter als „geistliche“ Musik aufzugeben. Von geistlicher Musik im Sinne der inneren Form kann nach Assmann erst dort die Rede sein, wo sie unabhängig von ihrer liturgischen Funktion im gottesdienstlichen Rahmen auftritt, im eigenen, musikalischen Rahmen des Konzerts, unabhängig davon, ob sie in einer Kirche oder einem Konzertsaal aufgeführt wird. Zur Verdeutlichung seines Ansatzes nimmt Assmann auch auf den Musikphilosophen Theodor W. Adorno Bezug.

Das über 60 Seiten umfassende Kapitel beinhaltet die eigentliche Werkbeschreibung der Missa Solemnis, ergänzt durch zahlreiche Notenbeispiele. Hier geht Assmann sehr dezidiert auf den Zweiklang von Text und Musik ein. Dieses Kapitel geht musikwissenschaftlich schon sehr in die Tiefe, und handelt die fünf Abschnitte der Missa in chronologischer Reihenfolge ab. Bei den Danksagungen im Vorwort wird auch der Musikwissenschaftler Laurenz Lüttken erwähnt, der ihn insbesondere in diesem Kapitel fachlich beraten hat. Im neunten und letzten Kapitel kommt Assmann dann auf den Ausgangspunkt und den Titel zu sprechen, die Missa Solemnis als Gottesdienst. Hier setzt er sich wiederum stark mit Adorno auseinander, der die Missa für vollkommen überschätzt hält. Weil sie von Beethoven ist, weil Beethoven sie bekanntlich für sein größtes Werk hielt, werde sie unkritisch verehrt und bewundert „nach dem Schema von des Kaisers neuen Kleidern“, so Adorno. Und er ergänzt, dass wenn man nicht wüsste, von wem sie ist, würde man sie kaum, „von vereinzelten Teilen abgesehen“, als Werk Beethovens erkennen. In diesem Schlusskapitel setzt sich Assmann in einem imaginären wissenschaftlich-philosophischen Disput mit dem vor über fünfzig Jahren verstorbenen Adorno auf hohem intellektuellem Niveau auseinander. Assmann sagt zu Adornos Beobachtungen, Beethoven und seine Missa seien „regressiv archaistisch“, dass diese ebenso treffend wie deren Deutung verständnislos seien.

Assmann schließt seine Ausführungen über Beethovens Missa mit einer persönlichen Bewertung: Für ihn ist sie „heiliges Spiel“ eigenen Rechts, Gottesdienst ohne Kirche, reiner Ausdruck religiöser Empfindungen.

Assmanns Buch ist zwar nicht einfach zu lesen, doch wer sich mit Beethovens Missa Solemnis eingehender befassen und in den Assmannschen Makrokosmus von Geschichte, Theologie und Musikwissenschaft tiefer eindringen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen. Und bei so viel Theorie soll noch etwas Platz für eine Musikempfehlung sein. Weit über 30 renommierte Aufnahmen der Missa Solemnis gibt es auf dem Markt. Eine ganz berührende ist die Einspielung unter Nikolaus Harnoncourt, die er vor seinem Tod 2016 als sein musikalisches Vermächtnis bezeichnet hat. Diese letzte Aufnahme entstand begleitend zu den Konzerten bei der Styriarte Graz und den Salzburger Festspielen mit dem Concentus Musicus Wien und dem Arnold-Schoenberg-Chor. Legendär ist die Aufnahme unter Herbert von Karajan aus dem Jahre 1965 mit den Berliner Philharmonikern und dem grandiosen Solistenquartett Gundula Janowitz, Christa Ludwig, Fritz Wunderlich und Walter Berry. Auf dieser Doppel-CD ist zusätzlich noch Mozarts Krönungsmesse eingespielt. Auch Helmut Rillings Einspielung aus dem Jahre 1989 mit den Solisten Pamela Coburn, Florence Quivar, Aldo Baldin, Andreas Schmidt, der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart sei hier erwähnt. Ebenfalls eine „Vermächtniseinspielung“ ist die von Herbert Blomstedt mit dem Leipziger Gewandhausorchester und dem MDR-Rundfunkchor, die 2012 anlässlich des 85. Geburtstages des ehemaligen Gewandhauskapellmeisters entstanden ist.

Andreas H. Hölscher