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Entertainerin mit Kampfgeist

Als 1963 beim Marsch auf Washington zweihunderttausend Menschen für die Beendigung der Rassendiskriminierung auf die Straße gehen, unterstützt auch Josephine Baker den Protest. Auf Wunsch von Martin Luther King hält die berühmte Showlegende eine Rede, in der sie sehr persönlich und emotional von ihren Erfahrungen mit Ausgrenzung und Abwertung erzählt. Rassistische Ausschreitungen, die sie als Kind 1917 in ihrer Heimatstadt St. Louis hautnah mitbekommt, sind für sie traumatisierende Erlebnisse, die ihr weiteres Leben beeinflusst haben. Trotz ihrer Herkunft, die geprägt ist von sozialen Problemen, macht sie als schwarze Tänzerin und Sängerin eine beispiellose Karriere. Ihre Vergangenheit vergisst sie dabei nicht, sie ist ein Grund für ihr Engagement für Gleichberechtigung und gegen Intoleranz.

Auszüge dieser bemerkenswerten Ansprache, in der Josephine Baker quasi die Quintessenz ihres Lebens offenlegt, sind in der neuen Biografie, die die Publizistin Mona Horncastle geschrieben hat, abgedruckt. Sie sind eines von etlichen Dokumenten, Zitaten und Fotos, die dazu beitragen, das Wesen der Künstlerin sichtbar und lebendig zu machen. Unterfüttert wird das literarische Porträt mit Seitenblicken in die gesellschaftspolitische Historie und durch Bezüge zur Gegenwart.

Josephine Baker wird 1906 geboren. Sie wächst im Haushalt ihrer Großmutter in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Kontakt zur Mutter, die außerhalb der Familie lebt, ist spannungsvoll, der zum Vater – es ist vermutlich der Musiker Eddie Carson – konflikthaft.

Mit acht Jahren tritt sie eine Stelle als Dienstmädchen in einem weißen Haushalt an, mit dreizehn Jahren wird sie verheiratet. Es ist die erste ihrer vier Ehen, sie endet nach nur einigen Monaten. Es folgt ein Intermezzo als Kellnerin in einem angesagten Club. Hier entdeckt sie für sich die Bühne und springt 1920 mit einem Sketch bei der Showtruppe Dixie Steppers ein. 1922 gibt sie ihr Debüt als Chorus-Girl in der Musicalproduktion Shuffle Along und tanzt sich mit einer clownesken Einlage buchstäblich in den Vordergrund. Der nächste Schritt führt sie schon nach Paris, wo sie 1925 in der Revue Nègres triumphiert: mit energiegeladenen, erotischen Choreografien, verbunden mit grotesker Mimik, Augenrollen und Schielen, aber auch, weil sie fast nackt auftritt. Der Bananenrock wird zu ihrem Markenzeichen. Mit der Show tourt sie quer durch Europa und erobert dabei das quirlige Berlin der Zwanziger Jahre. Die französische Hauptstadt aber wird zu ihrem Lebensmittelpunkt, sie reüssiert als Chansonsängerin und Filmschauspielerin und betreibt daneben noch eigene Clubs.

Ihre Wurzeln machen sie interessant, nicht so in Amerika. Bei ihren Gastspielen bekommt sie den tiefsitzenden Rassismus zu spüren, sie darf in bestimmten Hotels nur den Personaleingang benutzen. Dazu ist sie wegen ihrer Privilegien in den eigenen Reihen umstritten. Dennoch gibt sie nicht auf, fordert öffentlich mit einigem Erfolg Rechte für Schwarze, wird jedoch während einer Tournee 1952 nach undiplomatischem Agieren ausgewiesen. Erst 1963 versöhnt sie sich mit ihrer Heimat.

Politisches Ansehen gewinnt Baker während des Zweiten Weltkriegs. Sie schließt sich der Resistance an, wird als Spionin zur Befreiung Frankreichs eingesetzt und ist gleichzeitig Truppenunterhalterin für Soldaten in Nordafrika. Für ihre patriotischen Verdienste erhält sie mehrere Auszeichnungen.

1947 kauft die Künstlerin das Schloss Les Milandes. Zur Finanzierung nutzt sie es in Teilen für Touristenbesichtigungen, es wird aber hauptsächlich das Zuhause ihrer Regenbogenfamilie, wie sie ihre zwölf adoptierten Kinder unterschiedlichster Herkunft und Hautfarbe nennt. 1969 allerdings muss sie es aufgrund von Schulden aufgeben. Doch ihre Popularität bleibt ungebrochen und sie feiert weiter auf der Bühne Triumphe, das letzte Mal 1975 bei einer Revue anlässlich ihres fünfzigjährigen Jubiläums. Als Baker kurz danach stirbt, wird ihr ein offizielles Staatsbegräbnis ausgerichtet, bei dem 20.000 Menschen dem ersten schwarzen Superstar die Ehre erweisen.

Aufregend, extravagant, überreich, partiell auch maßlos ist die Vita von Josephine Baker in jeglicher Beziehung. Mona Horncastle verdichtet es zu einer knapp 250 Seiten langen, vielschichtigen Lebensbeschreibung, die spannend zu lesen und dazu optisch ausgesprochen ansprechend gestaltet ist.

Karin Coper