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Aufstieg und Fall eines Theaterimperiums

Das Theater war ihr Leben, und umgekehrt nahm ihr Leben nicht selten theatralische Züge an. Tatsächlich glich die Vita der Gebrüder Alfred und Fritz Rotter einer der von ihnen produzierten Operetten, nur dass es für sie kein Happy End, sondern ein tragisches Finale gab, das in einen realen Krimi mündete: Der Zusammenbruch ihres Bühnenkonzerns parallel zu Hitlers Ernennung zum Reichskanzler zwingt sie 1933 zur Flucht nach Liechtenstein. Dort versucht eine nationalsozialistisch gesinnte Gruppe, sie zu entführen und nach Deutschland zu bringen. Bei dem Versuch, zu entkommen, stürzen Alfred und seine Ehefrau von einem Felsen, Fritz wird später festgenommen und stirbt 1939 während der Haft im elsässischen Colmar aus unbekannten Gründen.

Was damals die Öffentlichkeit bewegt hat, ist heute vergessen. Ein Grund für den Historiker Peter Kamber, an die Brüder zu erinnern. Mit der Biografie Fritz und Alfred Rotter – Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil hat er ihnen ein literarisches Denkmal gesetzt. Detailliert und spannend erzählt er in seiner fast 500 Seiten umfassenden Doppelbiografie von ihrem Werdegang, der mit vielen Höhen und Tiefen verbunden ist, gleichzeitig aber auch vom kulturellen Leben während der Weimarer Republik bis 1933.

Alfred und Fritz Rotter, die 1886 und 1888 in Leipzig zur Welt kommen, stammen aus einer jüdischen Familie, die eigentlich Schaie heißt. Den neuen Namen nehmen sie am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn an, um antisemitischen Feindseligkeiten auszuweichen.

Beide entdecken schon in frühester Jugend ihre Leidenschaft fürs Theater, studieren aber erst einmal Jura. 1908 gründen sie den Verein Akademie Bühne an der Universität Berlin. Der Intendant Otto Brahm stellt ihnen das Lessing-Theater zur Verfügung, wo sie Klassiker und aktuelle Autoren aufführen: Strindberg, Ibsen, Wedekind. Das Feuilleton reagiert reserviert und bleibt es auch, als die Rotters ins Unterhaltungsgenre umschwenken. Doch die professionelle Kritik, die die Vermarktung nach amerikanischer Art bemängelt, ist ihrem Erfolg nicht abträglich, weil sie ein gutes Gespür für den Publikumsgeschmack haben. Auf sieben Bühnen, die ihnen teils gehören, teil gepachtet sind, produzieren sie Salonkomödien in prächtiger Ausstattung, Revuen und Operetten. Dabei ist Alfred mehr für das Künstlerische zuständig, Fritz für das Geschäftliche. Auch persönlich gibt es Unterschiede. Im Gegensatz zum bürgerlich mit seiner Ehefrau zusammenlebenden Alfred ist Fritz eine schillernde Figur, der sich ein möbliertes Zimmer mietet, um dort in Frauenkleidung Gäste zu empfangen.

Von Niederlagen lassen sich die Rotters nicht beeindrucken. Nach einer zweijährigen Auszeit zwischen 1925 bis 1927 pachten sie das Metropoltheater, die heutige Komische Oper, und spielen Operetten von Franz Lehár. Friederike und Das Land des Lächelns werden zu Kassenschlagern, auch wegen der Mitwirkung von Richard Tauber und Käthe Dorsch. Überhaupt gehört das Engagement von Stars zum unternehmerischen Konzept. Wenn Max Hansen, Gitta Alpár oder Fritzi Massary auftreten, ist das Haus voll.

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Doch die künstlerischen Höhenflüge gehen einher mit waghalsigen finanziellen Aktionen und Börsenspekulationen, bei denen die Brüder viel Geld und die Kontrolle über ihre Geschäfte verlieren und in eine Schuldenspirale geraten.

Trotz der prekären pekuniären Lage gelingt ihnen im Dezember 1932 mit der Uraufführung von Paul Abrahams Ball im Savoy ein letzter Triumph. Doch er bedeutet gleichzeitig ihren Bühnenabschied. Erbitterte Kontrahenten wie Heinz Hentschke und Richard Bars, die Leiter der Gesellschaft der Funkfreunde, eines Besucherdienstes, und der Zentralstelle der Bühnenautoren und -verleger, tragen durch knallhartes Agieren zum Konkurs bei, nicht zuletzt aber die beginnenden Ressentiments gegenüber Juden. Das Ende ist bekannt.

Kleiner Nachtrag: Die Operetten-Renaissance, die Barrie Kosky 2013 an der Komischen Oper Berlin einleitet, wurde spektakulär mit Ball im Savoy eröffnet. Im Programmheft wurden nebenbei auch die Rotters erwähnt. Peter Kambers Biografie, die mit einer Vielzahl wunderbarer Fotos illustriert ist, etliche davon privater Natur, rückt sie wieder in den Mittelpunkt.

Karin Coper