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Violinvirtuose und Humanist

Die Freiheit der Persönlichkeit und ihre vorbehaltlos, von Kasten- und Rassenfesseln befreite Selbstverantwortlichkeit!’, dies sei die elementare Voraussetzung unserer europäischen Kultur“. Das schreibt der Geiger Bronisław Huberman im Oktober 1933 in einem viel beachteten Brief an Wilhelm Furtwängler. Der Satz ist Teil von Hubermans Antwort auf die Einladung zu einem Konzert, für das ihn der Dirigent, mit dem er bisher eng verbunden ist, verpflichten will. Ausführlich begründet er seine Absage mit Blick auf die politischen Verhältnisse und den beginnenden Rassenwahn in Deutschland. An einen unbekannten Adressaten setzt er nach: „Ich bin Pole, Jude, freier Künstler und Paneuropäer. In jeder dieser vier Eigenschaften muss ich den Hitlerismus als meinen Todfeind ansehen, den mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen mir meine Ehre … gebietet.“

Diese Haltung ist symptomatisch für Huberman. Er ist nicht nur ein begnadeter Violinist, sondern auch ein Humanist, der sein Ansehen dazu benutzt, für Menschenrechte einzutreten und mutig Stellung gegenüber Missständen zu beziehen. Hinzu kommt, dass er regelmäßig Konzerteinnahmen für wohltätige Zwecke stiftet und  Benefizvorstellungen, etwa für Hungernde in Wien, für Erdbebenopfer in Italien und Anatolien, gibt.

Hierzulande ist wenig vom Leben des Geigers bekannt und vergessen sind seine Verdienste. Abhilfe schafft seit kurzem eine längst überfällige Biografie, die der Musikwissenschaftler, Regisseur und Dokumentarfilmer Piotr Szalsza vorgelegt hat. Sie erschien bereits 1992 in Polen, wurde aber für die deutsche Ausgabe überarbeitet und erweitert.

Bronisław Huberman wird 1882 im südpolnischen Częstochowa geboren. Schon mit sechs Jahren erhält er Geigenunterricht und hat kurz danach seinen ersten öffentlichen Auftritt. Als Wunderkind reist er durch ganz Europa und wird bald zum Ernährer der Familie. Die frühe Verantwortung ist die Quelle von gesundheitlichen Problemen, die ihm zeitlebens zu schaffen machen.

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Auch findet er kein dauerhaftes privates Glück. Die Ehe mit der Schauspielerin Elsa Marguérite Galafrés währt nur drei Jahre, dann verlässt sie ihn für den Komponisten Ernst von Dohnányi. Zum gemeinsamen Sohn ist die Beziehung nach der Trennung konfliktreich. Erst als er erwachsen ist, kommt es wieder zu einer Annäherung. Umso befriedigender verläuft Hubermans Karriere. Sein weit gefächertes Repertoire wird von Kompositionen des 19. Jahrhunderts beherrscht, aber er setzt sich auch für Werke seines Landsmanns Karol Szymanowski ein. Gastspiele führen ihn durch die ganze Welt, er ist als Solist genauso gefragt wie als Partner von bedeutenden Instrumentalisten der Zeit wie Pablo Casals oder Artur Schnabel. Welche Kraft er aus der Musik schöpft, zeigt sich beispielhaft 1937, als er einen Flugzeugabsturz in Indonesien überlebt und trotz erheblicher Verletzungen ein Jahr später wieder konzertiert.

Die Konfrontation mit den sozialen Problemen und Folgen des Ersten Weltkriegs markiert eine Zäsur im Leben des Virtuosen. Obwohl sein Terminkalender übervoll ist, beginnt er sich politisch und gesellschaftlich zu engagieren.

Mitte der 20er Jahre tritt er der paneuropäischen Bewegung bei und wird zu einem ihrer engagiertesten Vordenker. Unter dem Titel Vaterland Europa publiziert er 1926 eine eigene Schrift zu dem Thema und bekennt sich leidenschaftlich zur Idee eines Gesamteuropas.

Als Antwort auf die nationalsozialistische Politik gründet Huberman 1935 in Tel Aviv das Palästina-Orchester, mit dem er verfolgten Instrumentalisten aus ganz Europa eine Wirkungsstätte bietet und sie dadurch vor der Vernichtung rettet. Zur Finanzierung des Projekts gewinnt er Persönlichkeiten wie Albert Einstein. Die Eröffnungskonzerte im Dezember 1936 dirigiert Arturo Toscanini, einer der entschiedensten Gegner der faschistischen Bewegungen. 1948 wird der Klangkörper in Israel Philharmonic Orchestra umbenannt – es gilt heute als eine der weltweit führenden Formationen.

Als Huberman 1947 in der Schweiz stirbt, bleibt sein Tod weitgehend unbeachtet. Erst 1956 wird zu seinem Andenken in Jerusalem ein Wald gepflanzt, in dessen Mitte ein symbolisches Grabmal aus Steinen aufgeschichtet ist.

Piotr Szalsza hat sich intensiv mit Huberman auseinandergesetzt. Kenntnisreich, detailliert und spürbar empathisch nähert er sich dem Geiger. Nicht jedes Konzert hätte erwähnt werden müssen, auch liest sich die Übertragung ins Deutsche bisweilen etwas ungelenk, was dem mehrköpfigen Übersetzungskollektiv geschuldet sein mag. Doch das ändert nichts an der Bedeutung dieser umfangreichen, in Teilen ergreifenden, unbedingt empfehlenswerten Lebensbeschreibung, die durch den Abdruck von privaten Fotos, Briefen und Dokumenten noch zusätzlich bereichert wird.

Karin Coper