O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Spaß an der Größe

Am 9. Mai vergangenen Jahres feierte eines der eindrucksvollsten Stücke des jüngeren zeitgenössischen Tanzes im französischen Nîmes seine Uraufführung. Ende September kam es dann zur deutschen Erstaufführung im Rahmen des Beethovenfestes an der Oper Bonn. Die Batailles d’Images oder zu Deutsch Bilderschlachten von Stephanie Thiersch sprengten so ziemlich alles, was es in diesem Genre bislang auf den Bühnen der so genannten Freien Szene zu sehen gab. Eine eigens komponierte und arrangierte Musik für ein Orchester und ein Quartett, das aus der Rolle fiel, Tänzer, ungewöhnliche Kostüme und Inhalte, die zu Diskussionen Anlass geben konnten. Die Choreografin schuf mit ihrem Team, darunter die Komponistin Brigitta Muntendorf, die ohnehin ein Faible für großes Theater hat, ein Werk von historischer Größe. O-Ton berichtete über die deutsche Erstaufführung.

Vermutlich wäre das Stück trotzdem den üblichen Weg zeitgenössischer Choreografien gegangen. Ein paar Aufführungen mehr oder weniger, und schon wäre es in der Schublade verschwunden. Weil es eben in aller Regel keine Förderung bereits vorhandener Werke gibt. Und damit sind die Choreografen auf die Fördergelder für neue Stücke angewiesen. Ein ziemlich brutales System, aber offenbar haben sich alle Beteiligten längst daran gewöhnt, anstatt es permanent zu hinterfragen. Thiersch aber wollte es offenbar nicht dabei bewenden lassen – und wer weiß, vielleicht half hier sogar die Corona-Krise, zeitliche Freiräume zu schaffen, die für ein Buch-Projekt normalerweise fehlen.

Und so erscheint in diesen Tagen eine Dokumentation, die als Buch im Eigenverlag veröffentlicht wird. Und wie es sich für ein „künstlerisches“ Buch zu gehören scheint, darf hier offenbar nichts so sein, wie man es von einem „normalen“ Buch erwartet. Im Din-A4-Format gibt es eine ungewöhnliche Bindung, die bei der ersten Betrachtung den Eindruck erweckt, das Buch falle bereits auseinander. Das täuscht. Nahezu sämtliche grafischen Regeln sind hier ebenso unbeachtet wie die Rechtschreibregeln.

Davon darf man sich nicht abschrecken lassen. Schließlich gibt es großartige Bilder von Proben und Aufführungen. Begleitworte von Bettina Masuch, Intendantin im Tanzhaus NRW, und Nike Wagner, Intendantin des Beethovenfestes, schmücken einleitend das Werk. Anschließend kommen die Beteiligten zu Wort. Thiersch erklärt ihren Zugang zum Thema, Muntendorf ihr Verständnis von der Musik, François-Xavier Roth kommt als musikalischer Leiter des Orchesters ebenso zu Wort wie Dramaturgen, das Asasello-Quartett und die Darsteller. Das macht das Buch dann inhaltlich rund für den, der sich von Asterisken und grellen Farben nicht irritieren lässt.

Offenbar ist das Buch als Merchandising-Produkt unter anderem für zukünftige Aufführungen gedacht. Da darf man den Akteuren wünschen, dass es noch eine Menge Vorstellungen geben wird, bei denen sie es anbieten können. Denn die Bilderschlachten sind immer einen Besuch wert. Und für die Liebhaber außergewöhnlicher Buchdrucke mag der schmale Band, der zweisprachig daherkommt, ohnehin einen Kauf wert sein. Denn es ist so ungewöhnlich wie das Stück selbst. Und es wird vermutlich Seltenheitswert besitzen. Wann gibt es im zeitgenössischen Tanz schon mal eine ausführliche Dokumentation zu einem Stück? Sicher viel zu selten.

Zu beziehen ist das Buch über info@mouvoir.de gegen eine Schutzgebühr von 15 Euro.

Michael S. Zerban