O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Kommentar

Leute, geht hin!

Die Krise in der Kultur spitzt sich zu. Mittlerweile sind nicht nur freischaffende Künstler betroffen, sondern auch größere Strukturen geraten ins Wanken. Es droht ein Flächenbrand, der die Kulturvielfalt in Deutschland auf Jahre hinaus zerstören könnte. Dabei müssen die Kulturschaffenden machtlos zuschauen. Denn es liegt beim Publikum, ob es zum Massensterben von Theatern kommt.

Kristof Stößel und sein Team müssen in Wuppertal die Pforten schließen. – Foto © privat

Als die Metropolitan Opera in New York vor einigen Tagen verkündete, den Spielbetrieb erst wieder zur Spielzeit 2021/22, also im Herbst kommenden Jahres, aufnehmen zu wollen, wurde das in Deutschland mit Bestürzung, aber auch vielen beschwichtigenden Worten in den Medien aufgenommen. Schließlich hatte Peter Gelb erklärt, dass unter Einhaltung von Corona-Sicherheitskonzepten zu wenig Zuschauer in eine Aufführung kämen, um den Spielbetrieb auch nur halbwegs zu finanzieren. Es sei billiger, das Haus geschlossen zu halten, als Aufführungen für 20 Prozent des Publikums zu zeigen. Eine solche Situation sei in Deutschland undenkbar, war am gleichen Tag im hiesigen Feuilleton zu lesen. Schließlich seien die Opernhäuser hier im Lande von der öffentlichen Hand finanziert, da mache es nichts aus, wenn die Zuschauerzahlen vorübergehend reduziert würden.

Das ist nur die halbe Wahrheit, und sie verschleiert eine brandgefährliche Entwicklung, die längst eingesetzt hat. Am 2. Oktober verkündete Kristof Stößel, Betreiber der Komödie Wuppertal, das Aus der Spielstätte. Der Betrieb verschlinge inzwischen mehr Geld, als er einbringe. Dabei hatten Stößel und seine Truppe bis zuletzt hart gekämpft, um dieses Schicksal abzuwenden. Aber was momentan in Deutschland passiert – und vermutlich nicht nur in Deutschland – können die Kulturschaffenden auch mit noch so viel Fleiß nicht beeinflussen. Sie müssen machtlos zuschauen.

Politik und öffentlich-rechtliche Medien betreiben ungehemmt weiter eine Politik der Angstmacherei. Dazu reicht ihnen offensichtlich ein Parameter. Steigende Infektionszahlen ist das Zauberwort, mit dem Regierung und Medien die Menschen offenbar in Angst und Schrecken versetzen. Das ist verrückt. Schließlich sagen erhöhte Infektionszahlen etwa so viel aus wie die Nachricht, dass die Grippe in diesem Jahr wieder viele Menschen betroffen habe. Ja, wissen wir. Die Grippe trifft uns jedes Jahr in Herbst und Winter. Und wir leben damit. Seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten. Was daraus wird – darüber schweigen sich die Verantwortlichen aus. Und das wäre das eigentlich Entscheidende. Wie viele Intensivbetten werden aufgrund dieser Entwicklung benötigt, welche Krankheitsverläufe gibt es tatsächlich? Keine Auskunft, keine Zahlen. Der Verdacht liegt nahe, dass es keine bedrohliche Entwicklung gibt. Oder glaubt irgendjemand, dass wir nicht längst Bilder überfüllter Intensivstationen oder von Beerdigungen gesehen hätten, wenn es denn welche gäbe? Nichts dergleichen geschieht. Aber die Verbreitung von Angst mit der gleichzeitigen Androhung von weiteren Einschränkungen unseres Lebens funktioniert auch so. Wer will schon dafür verantwortlich sein, dass schlimmere Maßnahmen als die ohnehin geltenden umgesetzt werden? Und das Drohpotenzial der Regierung wächst täglich. Mit vollkommen beliebig gesetzten „Höchstgrenzen“ an Infektionen werden neue Einschränkungen angedroht. So eskaliert man Angst. Es hat schon mal sehr gut funktioniert. Und es funktioniert wieder.

Dagegen haben Kulturschaffende keine Chance. Sie haben Sicherheitskonzepte entwickelt, die ihnen die Gesundheits- und Ordnungsämter abgesegnet haben. Das Publikum kann sich nach menschlichem Ermessen sicher fühlen. Und die Zuschauer, die das Vertrauen aufbringen, fühlen sich auch wohl, verhalten sich höchst diszipliniert. Es gibt keinen Grund, Kulturveranstaltungen nicht zu besuchen. Und so liest sich Stößels Verzweiflung und Wut, wenn er von einem Besuch im Supermarkt im Vergleich zu einem Besuch im Theater spricht, nachvollziehbar. Während in den Theatern breite Bahnen und Einbahnstraßensysteme oft unter erheblichem logistischem Einsatz eingerichtet werden, werden bei den Discountern, die vor dem Feiertag hoffnungslos überlaufen sind – wer will denn schon wissen, ob die Geschäfte am 5. Oktober wirklich wieder öffnen – die Gänge zusätzlich mit Auffüllwagen versperrt. Abstand gern, aber doch nicht im Supermarkt. Im Theater dagegen schon.

Zu viel Abstand. Die Theater bleiben leer. Und wer hofft, dass Sponsoren aus der Wirtschaft hilfreich einspringen werden, weil die ja von der Regierung gepampert werden, irrt. Welcher Wirtschaftsbereich, fragt der Vertreter einer großen Rechtsanwaltskanzlei, die regelmäßig in die Kultur investierte, möchte denn schon riskieren, im Zusammenhang mit einem potenziellen Virenverbreiter genannt zu werden? Immerhin, die Anwaltskanzlei zahlt anonym, ist aber damit die Ausnahme. Die meisten springen ab. Denn das sind häufig Mittelständler, die von der Regierung nicht mit Milliardenbeträgen unterstützt werden und gerade selbst zu kämpfen haben.

Herrschaften! Ein Theater, das schließt, ist für die nächsten zehn Jahre weg vom Fenster, wenn es denn überhaupt wieder öffnet. Wollen Sie das mitverantworten? Täglich erfahren wir im Lokalteil der noch existierenden Tageszeitungen, welche Gastronomie-Betriebe schließen oder erst gar nicht mehr öffnen. Das zeugt immerhin davon, dass der heimische Herd nicht länger zum teuren Ausstellungsstück verkommt. Aber wer will schon zuhause Theater haben?

Nein, eigentlich ist die Lage zu ernst, um zu witzeln. Die Theater, und gerade die kleinen, privaten, sind jetzt auf Eure Solidarität angewiesen. Leute, geht hin! Ihr seid dort sicher. Unterstützt jetzt die Theater, die gerade kolossal auf Euch angewiesen sind, damit Ihr sie auch im kommenden Jahr noch besuchen könnt. Nie waren die Theater in ihrer Existenz bedrohter als jetzt. Und später wird keine Ausrede gelten. Übrigens: Die Korrespondenten von O-Ton gehören häufig genug zur Risikogruppe. Trotzdem gehen sie täglich zu Vorstellungen. Und das hat nichts damit zu tun, dass sie Helden sind. Sie wissen, dass die Theater unglaubliche Aufwendungen unternehmen, um sie vor Infektionen zu schützen. Und sie gehen hin, weil sie wissen, dass sie sofort ihren Besuch abbrechen können, wenn sie sich nicht absolut sicher fühlen. Bislang hat keiner seinen Besuch abgebrochen. Auf private Partys müssen wir verzichten, Auslandsreisen sind obsolet und die Preise in den Theatern, egal, ob Schauspiel, Oper oder Tanztheater, sinken. Also, Masken auf und mit Abstand rein ins Vergnügen. Ihr rettet Existenzen!

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O-Ton wieder.