O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Michael S. Zerban - Foto © O-Ton

Kommentar

Sprachliche Entgleisungen

Wer sich über Regeln hinwegsetzt, fühlt sich gut. Und hat Recht. Meistens. Manchmal. Nicht immer. In Deutschland gibt es Rechtschreibregeln. Und die gibt es ausnahmsweise mal nicht, weil die Bürger gemaßregelt werden sollen, sondern damit ein Höchstmaß an sprachlicher Klarheit erreicht werden kann. Die Vergewaltigung der deutschen Sprache, die viele Kulturtreibende inzwischen betreiben, ist kaum noch erträglich – weil sie von nichts anderem als Dummheit zeugt.

In Backstuben herrscht Geschlechtergleichheit bei den Bäckern, wie hier im Roscheider Hof – Foto © Helge Klaus Rieder

Als Journalist bekommst du täglich etwa hundert E-Mails. Und natürlich liest du die nicht mehr. Sondern schaust nur noch auf der Suche nach Stichwörtern drüber. Alles andere wäre auch unerträglich. Weil die Dummheit eben schwer zu ertragen ist. Da strotzt es nur so von Sternchen, Unterstrichen, Schrägstrichen und Rechtschreibfehlern, als müssten die Verfasser ihre verspätete Trotzphase gegen ihre Deutschlehrer durchleben. Die neueste Idee, der Zug, auf den so viele „Kulturtreibende“ abfahren, ist die schriftliche Geschlechtergleichheit. Dabei ist die in Deutschland längst einheitlich durch den Duden geregelt. Bei den Bäckern ist klar, dass es sich um männliche und weibliche Angehörige der Berufsgruppe handelt. Das ist übrigens in anderen Sprachen auch so. Eine gute Regelung, die Klarheit schafft und für Sprachökonomie sorgt. Neuerdings wird auf der Suche nach politischer Korrektheit immer häufiger die Schreibweise Bäcker*innen verwendet. Das sieht der Duden nicht vor, es ist ein Schreibfehler. Ökonomisch ist es völliger Schwachsinn, der Geschlechtergleichheit wird es nicht annähernd gerecht. Schließlich haben wir, so hat ein amerikanischer Professor untersucht, mittlerweile mindestens 25 verschiedene Geschlechterauffassungen. Da sind Schwule, Lesben, Transen nur marginales Beispiel von dem, was viele Menschen unter ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung verstehen. Bäcker*innen trennen gemeint Bäcker ohne Brüste von Bäckern mit Brüsten. Ist das die kulturelle Revolution des 21. Jahrhunderts? Ist das der Fortschritt der Kultur, den alle wollen? Ich finde es peinlich. Wenn ich eine Puddingschnecke essen will, interessiert mich die Qualität der Puddingschnecke und nicht die sexuelle oder geschlechtliche Ausrichtung der Hersteller (sic!). Wenn ich als Bub in die Backstube durfte, bewunderte ich die Männer – damals gab es da noch keine Frauen – wie sie mit ihrer Routine die tollsten Düfte und Geschmäcker produzierten, und ich freute mich über die rundlichen Verkäuferinnen, die mir beim Hinausgehen noch irgendeine Leckerei zusteckten; es gab damals noch keine Verkäufer. Aber es interessierte mich auch ganz ehrlich überhaupt nicht, ob der Bäcker sich gerade als Schwuler fühlte oder die Fachverkäuferin auf dem Weg zur Geschlechtsumwandlung war. Er war einfach der großartige Bäcker und sie die liebevolle Verkäuferin.

Und nein, die Zeiten haben sich nicht geändert. Es gelten heute noch die gleichen Regeln. Der Begriff „die Bäcker“ legt fest, dass es sich dabei um eine Berufsgruppe handelt, in der alle Geschlechter arbeiten. Alle, versteht ihr? Als ob es 1960 nicht schon lesbische Verkäuferinnen oder schwule Bäcker gegeben hätte. Alles Mumpitz. Als ob seit 1990 nicht jeder verstünde, dass es sich bei den Bäckern um weibliche und männliche, transsexuelle oder, oder … Mitglieder einer Berufsgruppe handelte. Es ist legitim, Regeln aufzubrechen, wenn sie überholt sind. Aber wenn die Ampel rot zeigt, ist Schluss mit der Weiterfahrt. Auch dann, wenn immer mehr Menschen glauben, sich über die Regel hinwegsetzen zu können, wird es dadurch nicht richtiger. Sondern die Unfallzahlen steigen. Das gilt auch bei der Sprache. Wenn nun neuerdings Menschen im Kulturbetrieb anfangen, von Schauspieler(Pause)innen zu reden, erreicht das eine Grenze der Albernheit, die kaum mehr zu überbieten ist. Ach, die redet jetzt über Menschen mit Brüsten oder ohne Eier, oder redet sie über Leute ohne Vagina oder Vagina im Umbau oder über Leute mit weichen Eiern, die sie gern loswerden wollen oder … Nein, nein, da wird ja nur über Schauspieler geredet. Eine Unterscheidung, die so peinlich altbacken ist, dass man sich fragt, in welchem Leben diese Menschen unterwegs sind. Wenn Kulturarbeiter glauben, sich ideologisch in die Sprache einmischen zu müssen, sollten sie wenigstens Lösungen anbieten, die einer modernen Entwicklung von Sexualität und Geschlechtergleichheit gerecht werden – und nicht etwa Frauen mittels Sprache wieder an die zweite Stelle rücken, indem sie sie kurzerhand hintan hängen.

Ein Sternchen, Unterstrich oder das Anhängen des weiblichen als zweites Geschlecht führen die Geschlechterdebatte auf das falsche Schlachtfeld. An dieser Stelle sei den Bäckern gedankt, dass sie als Beispiel zur Verfügung standen. Die Intendant*innen werden niemandem helfen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Solche Entwicklungen müssen auf anderen Ebenen stattfinden, und da werden wir sie sicher unterstützen. Den albernen, abseitigen Sprachregelungen, die Kulturschaffend*innen gegen geltende Regeln durchzusetzen versuchen, wird am Ende der Sackgasse nicht einmal eine Regenbogen-Fahne winken.

Michael S. Zerban