O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Michael S. Zerban - Foto © Michaela Büttgen

Kommentar

Gutes Signal

Es war ein Paukenschlag, als der Oberbürgermeister am Freitagmittag verkündete, dass der geplante Neubau der Oper in der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens nicht stattfinden wird. Oder vielleicht doch eher ein Befreiungsschlag, denn die Stadt verfügt kaum noch über das Geld, den Haushalt zu bestreiten, geschweige denn, eine Milliarde Euro für einen Luxustempel abzuzweigen.

Die Oper an der Heinrich-Heine-Allee wird erhalten bleiben – Foto © Michael Zerban

„Ich habe in meinen bislang sechs Jahren als Oberbürgermeister noch nie in so viele enttäuschte Gesichter geschaut“, sagte Stephan Keller, als er am 5. Juni seinen Entschluss verkündete. Die Oper der Landeshauptstadt Düsseldorf wird nicht neu gebaut. Es dürften nicht allzu viele Gesichter gewesen sein, in die der Oberbürgermeister da schaute. Denn die Euphorie über einen Opernneubau hielt sich in Grenzen. Nachdem die Nachricht die Runde gemacht hatte, die alte Oper sei nicht mehr zu sanieren und müsse deshalb abgerissen werden, war lange über den Standort eines Neubaus diskutiert worden. Einigermaßen Ruhe kehrte ein, als es hieß, dass das neue Theater statt des alten gebaut werde. Dann erfuhren die Düsseldorfer nach einer Nacht-und-Nebel-Aktion, es sei ein Grundstück am Rande des Zentrums erworben worden. Aus dem Rathaus war zu hören, so solle ein Stadtteil wiederbelebt werden. Ein fadenscheiniges Argument, das niemand so recht glauben wollte. Ein Architekturwettbewerb erbrachte als Gewinnerentwurf einen Schießscharten-Protzbau, wie man ihn sich abweisender kaum vorstellen konnte. Selbstverständlich mit Tiefgarage und U-Bahn-Anschluss, so dass auch wirklich kein Opernbesucher über Schadow- oder Oststraße hätte laufen müssen, um in das geplante Gebäude zu gelangen.

Nach den Kölner Erfahrungen beschloss der Rat einen Kostendeckel von einer Milliarde Euro. Es dürfte kaum jemanden gegeben haben, der daran wirklich glaubte. Während die Stadt weiter viel Geld ausgab, um die Planungen weiter voranzutreiben, zeigten die Haushaltsberatungen, dass die Stadt auf beträchtliche Schwierigkeiten zuschreitet, überhaupt noch handlungsfähig zu bleiben. Um es deutlich zu formulieren: Die Stadt steht vor der Pleite. Die Bürger erleben tagtäglich die marode Infrastruktur des Stadtbildes, es fehlen Wohnungen und die Menschen haben täglich weniger Geld für ihr Leben zur Verfügung. In dieser Situation hätte der Oberbürgermeister sein „Prestigeprojekt“ Opernneubau nicht mehr viel länger halten können. Da spricht es zunächst einmal für ihn, dass er nun die Reißleine zieht – und die passenden Antworten gleich parat hat. Der Opernneubau findet nicht statt, die alte Oper werde „ertüchtigt“ – nun geht es auf einmal doch – um den Opernbetrieb aufrechtzuerhalten, und auf dem Grundstück am Wehrhahn entstünden nun Wohnungen. Drei Argumente, um den sozialen Frieden in der Stadt aufrechtzuerhalten. Und das ist mehr als begrüßenswert.

Der Verzicht auf einen Protzbau für die „Hochkultur“ bedeutet weder einen Gesichtsverlust für die Stadt noch eine Einbuße an Lebensqualität in der Großstadt oder eine Minderung in der Leistungsfähigkeit der Kultur. Wenn der Oberbürgermeister sich jetzt nicht ganz blöd anstellt, kann er sich wunderbar über einen neuen Wohnungskomplex am Wehrhahn profilieren. Der wird ihm nicht nur eine Menge Sympathien in der Bürgerschaft einbringen, sondern auch zu einer tatsächlichen Belebung eines zentrumsnahen Stadtteils führen. Wenn es also nicht bei einer Floskel bleibt, wird es sich als die bessere Entscheidung für Düsseldorf erweisen. Für die zukünftige Intendantin Ina Karr und ihren Generalmusikdirektor Evan Rogister gibt es ohnehin ganz andere Baustellen als ein Bauvorhaben, das sie sich mit einer Musikschule und einer Musikbibliothek teilen müssen. Beide werden in den kommenden Jahren genug damit zu tun haben, die Qualität und Attraktivität der Deutschen Oper am Rhein aufzubauen. Aber sie werden nicht in Ruinen spielen müssen, sondern bei einem auskömmlichen Etat die Renovierungen des alten Gemäuers vorantreiben. Es wird auch keine Gehaltseinbußen geben. Das „Entsetzen“ der Verantwortlichen, von dem gerade in Tageszeitungen zu lesen ist, sollte sich also einigermaßen in Grenzen halten.

Weder die Welt, Düsseldorf noch die Oper werden untergehen, weil es keinen Luxusbau geben wird, den sich ohnehin kein Mensch leisten kann. Die politischen Parteien werden gut daran tun, einen Vernunftsentscheid zu akzeptieren und nicht für ein Getöse an Schuldzuweisungen zu nutzen. Denn das werden die Bürger ihnen übelnehmen, die mehrheitlich froh sind, wenn die Stadt für einen funktionierenden Haushalt sorgt, der ihnen nicht weitere Belastungen aufbürdet. Und sie werden möglicherweise ihr geschichtsträchtiges Opernhaus in Zukunft mit neuer Wertschätzung wahrnehmen.

Michael S. Zerban