O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Michael S. Zerban - Foto © O-Ton

Kommentar

Neusprech in der Kultur

George Orwell hat in seinem Roman 1984 vor der Einflussnahme auf die Sprache gewarnt. Allzu verlockend scheint die Manipulation der Sprache für diejenigen zu sein, die Macht beanspruchen oder durchsetzen wollen. Dass Gendern nichts anderes als solch eine ideologische Sprachverfälschung ist, wird von der feministischen Linguistik gern rhetorisch überspielt. Dass Menschen in Kulturinstitutionen in anscheinend vorauseilendem Gehorsam diese Form der Sprachvergewaltigung übernehmen, stimmt mehr als nachdenklich.

Neuerdings sehen Besucher von Kulturinstituten immer häufiger Sternchen. Spätestens, wenn sie in Programmhefte, Spielpläne oder Websites hineinschauen, kann ihnen ganz schwindlig werden, weil sie dem Sprachfluss nicht mehr folgen können und den Eindruck gewinnen, dass in Theater-, Tanz- und Opernhäusern nur noch weibliches Personal unterwegs sei. Dabei hat sich in der Geschlechterverteilung vor allem in Führungspositionen bislang kaum etwas verändert, wie weibliche Kulturschaffende gern betonen.

Trotzdem glauben die Mitarbeiter auch der mit Steuergeldern finanzierten Häuser, sich einfach mal über in Deutschland geltende Rechtschreibregeln hinwegsetzen zu können. Kann ja heute jeder machen, was er will. Und dient auch noch der guten Sache. Letzteres behauptet die feministische Linguistik. Das ist nicht nur falsch, sondern auch dumm. Liebe Leser, lassen Sie sich von dem Unfug nicht in die Irre führen. In der deutschen Rechtschreibung ist ein Sternchen ebenso wenig vorgesehen wie ein „Binnen-I“. Und die hanebüchene Behauptung, ein Sternchen stehe für alle Geschlechter, führt sich selbst ad absurdum, wenn man dann noch mal schnell ein „innen“ anfügt.

Ja, gewiss, Sprache verändert sich, passt sich an neue Erfordernisse an. 1980 hätte der Begriff Smartphone wohl eher Kopfschütteln hervorgerufen, heute ist er kaum noch aus der Sprache wegzudenken. Und das ist auch völlig in Ordnung, abgesehen davon, dass es sich um einen Anglizismus handelt. Arger Zweifel ist dann angesagt, wenn eine Minderheit versucht, ideologische Sprachverfälschung zu betreiben. Bereits 1949 hat George Orwell in seinem Roman 1984 vor „Neusprech“ gewarnt, nachdem die Nationalsozialisten in Deutschland bereits bewiesen hatten, wie man Sprache missbrauchen kann. Ja, es ist und bleibt eine Minderheit, auch wenn sie über Druckerzeugnisse den Eindruck zu vermitteln versucht, ihre Meinung habe Gewicht. Mehrere Studien und Umfragen von Meinungsforschungsinstituten haben gezeigt, dass 80 bis 90 Prozent der Befragten gegen eine Gender-Sprache sind. So viel zum Thema Demokratie. Auf eine besonders hohe Ablehnung solcher Sprachverfälschung stießen die Forscher übrigens in der Zielgruppe der jungen Frauen.

Wenn den Kulturschaffenden und insbesondere denen, die mit Steuergeldern bezahlt werden, sie also eine besonders hohe Verpflichtung gegenüber den Werten der Bundesrepublik haben, möchte man meinen, nicht mehr einfällt, als mit Sternchen die wirrsten Konstruktionen zu schaffen, ist eindeutig etwas faul im Staate Deutschland.

Sprache ist keine Frage der Biologie, sondern der Inhalte. Und wenn Sprache genutzt wird, um über Fragen der Gleichberechtigung zu diskutieren, ist das vollkommen in Ordnung. Wenn einzelne Menschen versuchen, die Biologie in der Sprache unterzubringen, ist das verwerflich. Und nein, das sind keine Suffragetten, die berechtigt Rechte der Frauen einfordern. Sondern das sind Menschen, gegen die man sich zur Wehr setzen muss, weil sie – und hier benutze ich jetzt sehr gerne mal einen durch und durch preußischen Begriff – pflichtvergessen mit der Sprache umgehen. Von staatlich finanzierten Kulturschaffenden darf man erwarten, dass sie sich außerhalb des künstlerischen Bereichs an ein Grundmaß an Regeln halten. Bereits im vergangenen Jahr wurde das Sternchen von der Duden-Redaktion eindeutig abgeschmettert. Aus gutem Grund. Selbst der Hinweis, dass der Duden lediglich Hinweise für Deutschregeln gebe, reichte nicht, Sternchen oder ähnliche Unsinnigkeiten in die Sprache aufzunehmen – obwohl die Vorsitzende der Dudenredaktion, Kathrin Kunkel-Razum, sich vehement für das Sternchen einsetzte. Ein Shitstorm war die Folge.

Und das hat seinen guten Grund. Ideologische Verfälschungen schaden der Sprache. Für Fremdsprachler wird sie damit sowieso kaum mehr erlernbar. Wer allerdings jetzt behauptet, man sei seiner Zeit nur voraus, irrt. Sternchen, Binnen-I und andere abstruse Einfälle funktionieren einfach nicht. Sämtliche Schriftstücke, die das Gegenteil zu belegen versuchen, versagen kläglich. Ich fordere deshalb die Kulturschaffenden in aller Dringlichkeit auf, solchen groben Unfug zu unterlassen. Es reicht, die Sprachverwirrungen neuer politischer Parteien ertragen zu müssen. Wenn jetzt die Kulturschaffenden ihr letztes Quäntchen Vertrauen mit solchen Albernheiten verspielen, braucht sich niemand mehr zu wundern, dass sich nicht nur das Publikum mit Grausen abwendet, sondern in naher Zukunft auch Geldgeber die Lust verlieren, solchen Blödsinn finanziell zu unterstützen.

Michael S. Zerban

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