O-Ton

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Peter Wäch - Foto © privat

Kommentar

Neuanfang in Bern

Der neue Intendant von Konzert-Theater Bern heißt Florian Scholz. Aktuell wirkt er in einer 50-Prozent-Anstellung, in der Spielzeit 2021/22 übernimmt der 49-Jährige die künstlerische Gesamtleitung des Vierspartenbetriebs in der Schweiz. Im Sommer 2021 verlässt Opern- und Konzertdirektor Xavier Zuber nach nahezu zehn Jahren das Haus. Seine Bilanz ist trotz einzelner Höhepunkte und guter Vernetzung insgesamt eher im Mittelfeld anzusiedeln. Was muss eine Führungsperson mitbringen, damit regionales Musiktheater zum Hauptstadttheater wird?

Xavier Zuber verlässt das Konzert-Theater Bern demnächst. – Foto © Nathalie Lacasa @ Bärnerbär

Intendanten und Operndirektoren sitzen seit jeher auf einem Pulverfass. Schon Antonio Vivaldi, seines Zeichens Opernkomponist und Intendant in Venedig und Mantua, war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht davor gefeit, dass ihm das Publikum die Liebe kündigt. Freunde des Musiktheaters sind ein reizbares Völkchen. Afficionados haben eine klare Vorstellung davon, wie Oper geht.

Wer die Massen nicht abholt oder sie gar vergrault, ist bald weg vom Fenster. Die Probezeit, in der sich die Leitung eines Opernhauses oder einer Sparte behaupten muss, liegt bei höchstens vier Jahren. Manchmal kommt es schon vorher zum Knall, und die Stelle bleibt bis zum Ende des vereinbarten Vertrags unbesetzt. Beim Operndirektor Xavier Zuber von Konzert-Theater Bern (KTB) dauert die Reise trotz durchzogener Leistung wesentlich länger.

In der Sparte Oper hing der Haussegen bei KTB bereits 2014 schief. „Wo bleibt sein Publikum?“ fragte die Berner Zeitung nach dem zweijährigen Schaffen von Opern- und Konzertdirektor Xavier Zuber. In der Tat waren die Zuschauerzahlen nach einer Folge von Flops stark gesunken. Die Höhepunkte, dazu gehörten ein fulminanter Start mit Fidelio, respektive Leonore, sowie ein spektakulärer Peter Grimes in der Großen Halle der Berner Reitschule, wurden alsbald von wenig gelungenen Inszenierungen überschattet. Violetta sang in einer engen Box, Osmin stöckelte in High Heels durch den Serail, der Schleiertanz von Salome verkam zum peinlichen Schülertheater und bei Ariadne auf Naxos eilte ein hibbeliger Herr mit Hakenkreuz über die Bühne.

Die Berner reagieren auf ungewohnte Lesarten wohl empfindlicher als beispielsweise ein Publikum in Stuttgart, wo Zuber zuvor wirkte. Opernfreunde tun sich generell schwer damit, wenn man für die verkopfte Interpretation einer Oper eine Anleitung braucht. Die Entschlüsselung eines Enigmas geht schneller. Wer sich in der Pause fragen muss, was der alte Mann im Rollstuhl in Bohème zu suchen hat, war womöglich mehr enerviert als angetan.

Nun ist es ja so, dass die intellektuell überhöhten Anschauungen ambitionierter Regisseure bei der ebenso intellektuellen Schreibzunft mehrheitlich Wohlwollen auslösen. In großen Lettern wird die Verhunzung als Traviata für Fortgeschrittene angekündigt, wobei die Kritikergilde gerne vergisst, dass nicht alle die nötige Zeit und Muße finden, den verschlungenen Gedankenpfaden eines Regieteams zu folgen. Die öffentliche und veröffentlichte Meinung klaffen dann nicht selten weit auseinander. Das Ende vom Lied, pardon, von der Arie, sind dann halbleere Ränge oder abgesetzte Vorstellungen. Der Subventionsgeber, und das ist vor allem die öffentliche Hand, übernimmt.

Zuber ist ein erfahrener Opernkenner, und er hat unter anderem in der Zusammenarbeit mit Regisseur Calixto Bieito bewiesen, dass er auch ein begabter Dramaturg ist. Wie viele seiner Kollegen, hat der Basler in seiner bisher achtjährigen Tätigkeit in Bern kaum ein Gespür für die Region und sein Publikum entwickelt. Internationale Reputation geht vor lokale Strahlkraft. Das Musiktheater-Schaffen ist pädagogisch motiviert, Relevanz heißt das Zauberwort.

Der Operndirektor steht mit dieser schulmeisterlichen Haltung nicht allein im Opernflur. Für viele Intendanten und Spartenleiter gelten gleichermaßen erzieherische Maßstäbe, die auch eine zeitgeistige Komponente beinhalten. Die bürgerliche Kunstform Oper, so ist man überzeugt, braucht heute eine Legitimation, und diese gewährt man nur durch einen aktuellen Bezug. Das darf auch sein. Es gibt Regieteams, die bekannte Klassiker nicht krampfhaft entstellen und mit subtiler Gegenwartsnähe kongeniale Lesarten präsentieren.

Seit 2014 ist einiges passiert in Bern. Der damalige Intendant Stephan Märki, 2018 freigestellt wegen einer internen Liaison dangereuse, hielt lange zu seinem Opernmann Zuber. Konzert-Theater Bern konnte wieder vermehrt mit stringenten Inszenierungen, einem guten Ensemble und starken Gästen punkten.

Auf die Absetzung von Märki folgte ein erneuter Einbruch bei den Ticketverkäufen. 2018/2019 kann man als Schicksalssaison von Xavier Zuber bezeichnen, denn mehrere Produktionen blieben weit unter den Erwartungen, darunter Schuberts Fierrabras oder Händels Lotario. Einzelne Vorstellungen von Boesmans Der Reigen wurden ganz gestrichen. Dem gingen Sexismusvorwürfe aufgrund einer pornografischen Affiche voraus. Was anderswo einen Werbeeffekt auslöst, blieb in Bern aus.

Im gleichen Takt ging’s in die aktuelle Opernsaison. Die Wiederaufnahme von Carmen muss man als mittleres Fiasko bezeichnen, denn die Zuschauerzahlen waren gelinde gesagt niederschmetternd. Das lag vermutlich am frühen Start im warmen August und auch daran, dass diese Carmen von Hausmeister Stephan Märki alles andere als eine Zigeuneroper zu sein hatte.

Dem scheint nun der designierte Intendant von Konzert-Theater Bern, Florian Scholz, einen Riegel vorzuschieben. Neben dem Schauspielchef Cihan Inan, der in der Zeitung Der Bund offen über Erziehungstheater fabulierte, nimmt jetzt auch Xavier Zuber Ende Saison 2020/21 den Hut. Dass der Stiftungsrat so lange Zeit zugeschaut hat, erstaunt. Man hat fast den Eindruck, dass die klassische Oper bewusst an die Wand gefahren werden soll.

Nicht nur in Bern stehen Forderungen im Raum, zielgruppenspezifisches Musiktheater zu etablieren. Gemeint ist damit vermutlich auch politisch korrektes und genderkonformes Schaffen. Oper wird gleichgesetzt mit alten, weißen Komponisten, die ihre Protagonistinnen zu Opfern machen. Weniger Subventionen würden durch gesellschaftspolitisch gesteuertes Theater allerdings kaum anfallen, im Gegenteil. Die Uraufführung der Sci-Fi-Oper Humanoid, ein Auftragswerk von KTB und Theater Winterthur, erhielt zwar gute Kritiken, sehen wollten sie aber nur wenige.

Zuber begründet den massiven Zuschauerrückgang gegenüber der Berner Zeitung damit, dass die unbekannteren Werke auf weniger Resonanz stießen. Wer so etwas behauptet, tut der Oper keinen Gefallen. In einer Zeit, in der Regisseure nicht mehr wissen, wie sie eine Bohème verunstalten sollen und sie darum szenisch auf den Mond schießen, ist es unangebracht, an einem Repertoire festzuhalten, das mehrheitlich die gleichen 20 Opern umfasst.

Zubers Aussage tönt nach Ausrede. Im Kanton Bern erhält der Häuserverbund Theater-Orchester Biel Solothurn weit weniger Subventionen als KTB in der Bundesstadt. Intendant Dieter Kaegi gelingt es jedes Jahr, sein Publikum mit raren Perlen zu verzücken. Offenbachs Rheinnixen standen schon auf dem Programm oder Tschaikowskis Kurzoper Iolanta. Heuer ist es Giuseppe Verdis Frühwerk Giovanna d’Arco und 2020 wird es ein Puccini-Juwel sein. Die Zuschauerzahlen lassen sich mehr als sehen!

Bei Konzert-Theater Bern ist ausgerechnet im Advent die nicht gerade eingängige Oper Król Roger von Karol Szymanowski angesetzt und als Schlussbouquet sorgt Luigi Nonos Intolleranza 1960 für dissonante Dezibels. Beide Opern werden übrigens selten gespielt und verlangen dem Hörer einiges an komplexem Musikverständnis ab. Der Clou bei der Wiederbelebung von Raritäten ist jedoch eine sorgfältige Auswahl und eine geschickte Platzierung des Werks.

Bei zeitgenössischen Stücken ist man ohnehin gut beraten, die Aufführungszahlen niedrig zu halten. Auch alte Opern fesseln heute nicht mehr im gleichen Maß oder sie waren von Anfang wenig beliebt. Schuberts leichtfüßige Oper Fierrabras hat keine Fallhöhe und ebenso wenig musikalischen Sog. In Pilsen in der Tschechei war das Haus hingegen an einem Dienstag voll für eine Vorstellung von Pietro Mascagnis sprühender Japanoper Iris und das bereits in der Wiederaufnahme.

Intendant Florian Scholz muss also eine Leitung für das Musiktheater finden, die nicht nur die richtige Spürnase entwickelt, sondern sich auch gut überlegt, ob sie für die eigene Reputation oder fürs Publikum wirken will. Wenn Letzteres fehlt, nützt Ersteres nicht mehr allzu viel. Und wie eingangs erwähnt, sollte die Probezeit nicht länger als vier Jahre dauern.

Peter Wäch

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