O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Peter Wäch - Foto © privat

Kommentar

Aus Theater wird Provinztheater

Wenn es an einem Theater oder Opernhaus nicht rund läuft, ist der gute Ruf schnell ruiniert. Und zwar nachhaltig. Dabei ist es ziemlich egal, in welchem Land oder welcher Stadt die Künstlerische Leitung eines Hauses mit Provinzpossen beginnt. Derzeit scheint es in Bern mehr Skandälchen als Theater zu geben, das die Bürger begeistert. Peter Wäch kommentiert.

Im Konzert-Theater Bern rumort es gewaltig – Foto © N. N.

Das Unwort Provinztheater macht aktuell in Bern die Runde. Das letzte Mal an einer Premierenfeier von Puccinis La Bohème. Die Gäste schimpften über eine mehrheitlich unausgegorene Interpretation des Meisterwerks, in dem ein Charakter im Mittelpunkt steht, den es bei Luigi Illica und Giuseppe Giacosa so gar nicht gibt. Die regionale Presse sah das anders und jubelte. Um eines gleich klar zu stellen: Das Konzert-Theater Bern ist kein Provinztheater! Das Berner Symphonieorchester hat Weltruf, im Schauspiel mehren sich die Auszeichnungen und die Ballettvorstellungen sind gerne ausverkauft. Das Vierspartenhaus sorgt seit geraumer Zeit dennoch für negative Schlagzeilen. Im folgenden Kommentar steht das Beispiel Bern stellvertretend für Spielstätten, bei denen die Leitung ein gefährliches Maß an Realitätsverweigerung zelebriert sowie mit künstlerisch mediokrem Musiktheater einerseits und einer mangelhaften Kommunikation andererseits boshafte Reaktionen regelrecht fördert.

Provinzielles Theaterschaffen gibt es auch in Städten, und es hat somit nichts mit der Größe oder dem Standort eines Ein- oder Mehrspartenbetriebs zu tun. Fragwürdige Darbietungen basieren nicht selten auf einem überbordenden intellektuellen Ehrgeiz. Ohne das nötige Know-how und versiertes Personal verkommt eine Produktion schnell einmal zum peinlichen Schülertheater. Für ein Haus ist die Titulierung Provinztheater ein harter Schlag. Manchmal kommt sie der Wahrheit leider nahe. Das wenig schmeichelhafte Etikett wird zu Recht vergeben, wenn die Leitung eines Theaterbetriebs oder Opernhauses sich selber zu wichtig nimmt und die vorhandenen Möglichkeiten der Stätte konstant überschätzt. Das wiederum kann nur passieren, wenn die nötigen Kontrollinstanzen versagen und somit einer einseitigen Direktive Vorschub geleistet wird. Eine uneingeschränkte Autorität fördert wiederum die Betriebsblindheit und verhindert gleichzeitig eine weise Voraussicht.

Bei Konzert-Theater Bern mussten der Intendant und die Kommunikationschefin 2018 den Hut nehmen, weil deren unheilige Machtspiele und ein ständiges Gerangel um die künstlerische Hoheit zu wiederholten Entlassungen bei der Schauspielleitung führten. Dass die beiden ihre Liebesaffäre nicht publik machten, sorgte für zusätzlichen Unmut in der Bevölkerung. Das Theater über das Theater in der Bundesstadt wurde dann tatsächlich zur Provinzposse und provozierte wohl auch bei einigen enttäuschten Theaterbesuchern die Titulierung Provinztheater. Die Leidtragenden sind in jedem Fall die Angestellten eines Hauses. Ein lange nicht nach außen kommuniziertes Hickhack um einen Regiewechsel für Wagners Tristan macht deutlich, dass das ersehnte lieto fine in Bern auf sich warten lässt. Das zeigt auch das jüngste Skandälchen, als sich ein Künstler via Twitter beschwerte, dass ihre unlängst der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Kantine mit zu vielen externen Gästen besetzt war.

Dass allzu ambitionierte Höhenflüge oftmals in einer Peinlichkeit enden, hat verschiedene Gründe: Manchmal liegt es daran, dass ein Opernintendant oder Spartenleiter aus einer progressiv geltenden Metropole seine Arbeit an einem etwas beschaulicheren Ort fortsetzt oder fortsetzen muss. Er vergisst dann allzu gerne, sein Ansinnen für das affektierte Konstrukt abzulegen und sich den neuen Begebenheiten und den entsprechenden Mitteln anzupassen. Gerade im Bereich des Musiktheaters haben es auch avantgardistisch ausgerichtete Intendanten und Direktoren je nach Region mit einem Publikum zu tun, das lieber verzaubert als verkopft wird. Wird das Zielpublikum falsch eingeschätzt, fällt die Wahl oft auf Regiegeister, die sich die Meriten selbstreferenziell bei Ihresgleichen abholen und nicht bei der breiten Masse. Eine nicht mehr nachvollziehbare Diskrepanz zwischen ursprünglichem Werk und Regiekonzept ist aber nicht in jedem Fall ein guter Nährboden für eine kulturelle Bereicherung. Leider werden in diesen Zusammenhang auch die Leistungen der einzelnen Künstler zu wenig in den Vordergrund gestellt. Die Reputation des Regisseurs zählt mehr als ein Zusammenspiel der Solisten, das Ausgewogenheit garantiert. Wer für unausgegorene Lesarten einen Beipackzettel braucht oder sich über eine inkongruente Besetzung ärgern muss, ist indigniert und greift aus Ärger zur verbalen Keule Provinztheater.

Wer erfolgreiches Theater machen will, muss immer auch  den Standort, die Region und das Publikum miteinbeziehen. Stuttgart ist nicht Bern, und Hamburg ist nicht Mailand. Wer die vorhandenen Gegebenheiten und geliebten Traditionen nicht berücksichtigt und die erwünschten neuen Sichtweisen einzig mit der Brechstange durchsetzen will, wird längerfristig den Unmut der Kulturgemeinde ernten. Fingerspitzengefühl ist gefragt und kein aufgeblasenes Ego, das mit der Gunst der geneigten Kritikergilde wächst. Eine Theaterspitze, die danach schielt, was einige Aficionados und Claqueure an Hochgeistigem verorten, und dabei das Publikum außen vor lässt, bewegt sich auf einem schmalen Grat. Leider versagen an gewissen Spielstätten die erwähnten Kontrollmechanismen. Wenn noch der Verwaltungs- oder Stiftungsrat eisern schweigt, darf man sich nicht wundern, wenn der Ruf eines Opernhauses auf der künstlerischen Ebene in Schieflage gerät und ein Teil des Publikums abwandert. Ein Intendant, der die Spielpläne nach seinem eigenen Geschmack festlegt, hat nicht begriffen, wofür es Subventionen gibt. Es gälte, das breite Schaffen einer Sparte abzubilden und nicht die eigenen Vorlieben durchzuboxen, die beispielsweise im deutschen Repertoire liegen. In Bern bevorzugt der Opern- und Konzertdirektor bei den Komponisten seit Jahren nicht nur den Norden, es ist auch jede Saison eine Mozart-Oper gesetzt, obschon die Stimmen, die dagegenhalten, stets lauter werden. Wenn ein Haus auf Dauer den Belcanto vernachlässigt und den Verismo erst gar nicht in Betracht zieht, braucht es Korrekturen. Eine Carte Blanche macht nur punktuell Sinn.

Oper ist Vielfalt. Sie fängt beim Frühbarock an und hört bei zeitgenössischen Komponisten auf. Wer Libretti neu deuten will, muss alle Besonderheiten einer Stätte sensibel abwägen und womöglich die Samthandschuhe anziehen. Wenn sich der Opernbesucher in der Pause fragen muss, was der alte Mann im Rollstuhl mit Mimì und Rodolfo zu tun hat und warum die chinesische Prinzessin Turandot eine Daisy-Duck-Schleife als Kopfschmuck trägt, generiert die Arbeit keinen Mehrwert. Nicht jeder findet heute Zeit und Muße, sich mit den ausgeklügelten Mehrdeutigkeiten sogenannt richtungweisender Regisseure auseinanderzusetzen. Eine Spezies, die oft im Einklang mit dem Intendanten damit liebäugelt, von einer Fachzunft für ihre innovativen Würfe geadelt zu werden und die es keinen Deut schert, ob applaudiert oder gebuht wird. Es sind mitunter Zeitgenossen, die mit getönter Brille an der Premierenfeier herumstolzieren und die vor jedem gesprochenen Satz gut hörbar die Luft zwischen den Zähnen einsaugen.

Die Solisten der Stätte haben das Nachsehen. Ihre Gagen an kleinen und mittelgrossen Häusern liegen nämlich deutlich unter den Ansätzen der hochgehandelten Regie-Zeitgeister. Der 2018 freigestellte Intendant von Konzert Theater Bern durfte sich am Ende eines Jahres über gut eine Viertelmillion Schweizer Franken mehr auf seinem Konto freuen. Tempora mutantur. Die Zeiten ändern sich. Früher war der Sopran oder der Tenor die bestbezahlte Kraft an einem Opernhaus, und das Publikum war in der Regel verzückt. Heute gilt alle Macht den Regisseuren und deren zum Teil prätentiösen Anschauungen. Sie werden von einer Leitung installiert, der es an der nötigen Bodenhaftung fehlt. Die Folgen sind erhitzte Gemüter oder ein Verlust an treuen Abonnenten und Genrekennern. Das kann sich kein Haus auf Dauer leisten, erst recht nicht, wenn der überwiegende Teil der finanziellen Leistungen von der öffentlichen Hand kommt. Um am Schluss noch einmal auf Konzert-Theater Bern zurückzukommen: Die Stätte hat mehrfach bewiesen, dass sie auch in der Sparte Musiktheater anders und vor allem viel besser kann. Die Stelle für einen neuen Intendanten ist indes ausgeschrieben.

Peter Wäch

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