O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Kommentar

Ideologische Sprachfälschung nicht rechtens

Seit geraumer Zeit ist in öffentlichen Texten eine vermehrte Verwendung von Asterisken zu bemerken, die allzu leichtsinnig als „Gendersternchen“ bezeichnet werden. Neuerdings versuchen sogar einige Ideologen, durch Sprechpausen ihre Hörer zu irritieren. Dabei wird von Politik, Medien und Kulturschaffenden der falsche Eindruck erweckt, es handele sich hier um eine sprachliche Weiterentwicklung. Das Gegenteil ist der Fall. Deshalb dürfte von besonderem Interesse sein, was im soeben erschienenen Duden dazu steht.

Der Versuch, Sprache aus ideologischen Gründen zweckzuentfremden, ist vermutlich so alt wie die Sprache selbst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts mussten die Deutschen erleben, wie gefährlich so etwas sein kann. Die Belastungen dieser staatlich-ideologisch veränderten Sprache spüren wir bis heute. Gerade aus dieser Erfahrung heraus sollte man den Deutschen eine erhöhte Sensibilität zutrauen, wenn Ideologen, aus welcher Ecke auch immer, versuchen, Einfluss auf die Sprache zu nehmen. Seit einiger Zeit versuchen Politik, Medien und Kulturschaffende wieder, die Sprache zu verbiegen – oder sagen wir es deutlich: zu vergewaltigen. Wie immer unter dem Deckmäntelchen einer besonders guten Sache. Das kennen wir alles. Dieses Mal geht es vordergründig um die Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache. Dazu muss man wissen: Die deutsche Sprache ist – und das zeichnet sie aus – geschlechtergerecht. Sie folgt einem amtlichen Regelwerk, dass dafür sorgt, dass sie verständlich, ökonomisch und einheitlich bleibt.

Die Politik versucht, über Sprachwahl und bewusst gewählte -Unschärfen, Agitation und so weiter Einfluss auf die Massen zu gewinnen. Das ist der Bevölkerung bekannt. Deshalb begegnet sie politischen Äußerungen mit einem gesunden und tiefen Misstrauen. Dass Kulturschaffende sich nach denen richten, die sie vordergründig bezahlen, lässt zwar einmal mehr das steuersubventionierte System hinterfragen, ist aber ebenfalls altbekannt. Wenn ich eine Förderung bei einem Ministerium beantrage, werde ich natürlich immer versuchen, in dessen Sprachduktus zu finden. Wenn ich als städtisches Theater mit der Kommune über den nächsten Etat verhandele, werde ich mich nicht im Vorfeld dadurch unbeliebt machen, dass ich deren Sprachregelungen nicht folge. Das kennen wir nicht erst seit Richard Strauss. Gefährlich, und ich wähle dieses Wort mit Bedacht, weil extrem manipulativ, wird es allerdings, und auch das zeigt die Vergangenheit, wenn sich Vertreter öffentlich-rechtlicher Medien dem Versuch anschließen, Sprache ideologisch zu färben. Denn trotz aller Kritik gegenüber diesen Medien ist ihre Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung immer noch extrem hoch. Und genau deshalb müsste man von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten erwarten dürfen, dass sie sich exakt an das amtliche Regelwerk halten, um das Vertrauen aufrechtzuerhalten und damit den Anspruch der Pressefreiheit zu stärken. Das Gegenteil ist der Fall. Und zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte wird den jüngeren Generationen deutlich, wie einfach es für Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda im nationalsozialistischen Staat, gewesen sein muss, die Medien „gleichzuschalten“, also in diesem Zusammenhang Inhalte und Sprachregelungen seitens des Staates vorzugeben.

Nachdem also Asteriske – allzu leichtsinnig als „Gendersternchen“ bezeichnet, wie beispielsweise bei Lehrer*innen – oder ähnliche Schreibweisen, für die ebenfalls immer wieder Wortneuschöpfungen wie „Binnen-I“ geschaffen werden, inflationäre Verwendung, ja, sogar bei besonders scharfen Ideologen Eingang in die gesprochene Sprache finden, durfte die neue Ausgabe des Dudens mit besonderer Spannung erwartet werden. Denn allgemein wird der Duden in Deutschland ja als „amtliches Regelwerk“ wahrgenommen. Tatsächlich richtet sich der Duden nach dem amtlichen Regelwerk für die deutsche Sprache und kann ein Stück weit als dessen Verlautbarungsorgan betrachtet werden. Auf Seite 112 heißt es neu unter dem Titel Geschlechtergerechter Sprachgebrauch: „Vom amtlichen Regelwerk nicht abgedeckt sind Schreibweisen wie die folgenden: …“ Dann folgen alle bekannten Varianten wie Asterisk, wortinterne Großschreibung, Unterstrich, Doppelpunkt und Schrägstrich ohne Ergänzungsstrich mit praktischen Beispielen. Um jedes Missverständnis zu vermeiden: Diese Schreibweisen – und erst recht die Aussprachversuche – sind falsch. Es gibt sie nicht; es sei denn, Ideologen versuchen, unsere Sprache zu unterwandern. Und das wollen wir nicht. Denn das ist keine natürliche Weiterentwicklung der Sprache, wie uns oft und gern vorgegaukelt wird, sondern eine Verunglimpfung mit dem Ziel, Sprache unverständlich, unökonomisch und uneinheitlich zu machen, um mehr und mehr Menschen aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs auszuschließen. Wenn sich Vertreter öffentlich-rechtlicher Medien einer Ideologie anschließen, und das ist heute festgestellt worden, verspielen sie mit jedem innen, das nicht als Gegensatz zu außen gemeint ist, Vertrauen.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache übrigens sekundiert dem Duden. Keine Sektierergruppe, die ihr eigenes rückständiges Süppchen kocht, sondern eine Vereinigung, die sich seit 1947 mit der Pflege der deutschen Sprache „in ihrer Funktion in der Welt“ pflegt. Sie „hat das Gendersternchen geprüft“ und befunden, dass es sich nicht eigne, genderneutrale Personenbezeichnungen zu bilden. Darüber hinaus kommt sie zu dem Schluss, dass bei seiner Verwendung grammatisch falsche Formen entstehen und das Sternchen den Regeln der deutschen Rechtschreibung nicht entspricht. Mehr zum Thema können Sie hier lesen.

Ja. Geschlechtergerechtigkeit ist wichtig. Und in der täglichen Erfahrung erleben wir, dass sie viel weiter vorangeschritten ist, als man es uns glauben machen will. Sogar so weit, dass viele Frauen sich nicht mehr damit beschäftigen möchten, weil es in ihrem Lebensumfeld so viel wichtigere Themen gibt. Wir sind also auf einem guten Weg. Und genau dieser Befund sollte uns Mut machen, jenen Ideologen entgegenzutreten, die versuchen, aus einer der schönsten Sprachen der Welt ein funktionalisiertes, unverständliches und die Konzentration auf das Wesentliche raubendes Ungetüm zu machen, das zu viele Menschen ausschließt. Wir wollen das nicht! Und wenn die Vertreter der öffentlich-rechtlichen Medien sich nicht schon wieder schuldig machen wollen, gibt übrigens die Gesellschaft für deutsche Sprache gerne Beratung, wie man geschlechtergerechte Sprache spricht und schreibt, ganz ohne Sternchen.

Michael S. Zerban

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