O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Kommentar

Bloß kein Theater

Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich. In der Landeshauptstadt Düsseldorf glänzt die Kultur durch selbstgewählte Enthaltsamkeit. Am 8. Juni geben das Schauspielhaus, die Oper, das Forum Freies Theater, das Tanzhaus NRW und zwei private Theater bekannt, ihre Tore nicht mehr vor dem Herbst öffnen zu wollen. Man wolle sich „keinen Überbietungswettbewerb“ liefern. Die Witze im Rheinland waren auch schon mal lustiger.

Das Forum Freies Theater bleibt dicht. – Foto © O-Ton

Wer in diesen Tagen in einer Kulturredaktion arbeitet, kann ganz schön ins Staunen kommen. In ganz Deutschland scheinen die Kulturschaffenden unter Hochdruck daran zu arbeiten, im Juni und Juli noch so viele Veranstaltungen und Aufführungen wie irgend möglich zu organisieren. Davon sprechen die stündlich einlaufenden E-Mails Bände. Gerade hat die Oper Stuttgart noch ihr umfangreiches Programm vorgestellt, das schon wie ein schnell aufgestelltes Festival an den unterschiedlichsten Spielstätten anmutet.

Erste Besuche von Aufführungen unter „Corona-Bedingungen“ haben gezeigt: Der Aufwand zur Umsetzung durchdachter Sicherheitskonzepte ist hoch und verlangt den Mitarbeitern in der Spielstätte viel ab. Aber keiner, der sich beschwert, vielmehr ist der erste Eindruck, dass die Mitarbeiter auch ein bisschen stolz sind, dass sie ihren Gästen den Besuch ermöglichen. Und groß ist die Freude der Besucher, endlich wieder in ihren Spielstätten sein zu dürfen. Egal, wie mühselig der Besuch auch erscheinen mag. Desinfektionsmaßnahmen, Maskenpflicht, Einbahnstraßensysteme und, und, und. Pausen gibt es ebenso wenig wie Getränke. Und der Blick hinter die Absperrbänder kann einen eher depressiv stimmen. Trotzdem. Schön, wieder hier zu sein. Der Rest findet sich auch noch. Das ist nach diesem Besuch gewiss.

Allerdings stimmt die Aussage, man bemühe sich in ganz Deutschland darum, das dringende Bedürfnis der Bürger nach Kultur zumindest teilweise zu befriedigen, nicht ganz. In Düsseldorf hat sich ein seltsames Bündnis zusammengeschlossen, um der Öffentlichkeit am 8. Juni mitzuteilen, dass man sich um solche Bedürfnisse nicht kümmern wolle. In einer Zoom-Konferenz für ausgesuchte Journalisten verkündeten die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, das Schauspielhaus Düsseldorf, das Forum Freies Theater, das Tanzhaus NRW sowie die beiden Privattheater Theater an der Kö und das Kom(m)ödchen, „keine Experimente machen“ zu wollen. Die Häuser bleiben bis zum Herbst geschlossen. Erst dann wolle man einen Regelbetrieb „versuchen“. So sehr Netzwerke der kulturellen Institutionen einer Stadt zu begrüßen sind, hier scheint sich doch eher eine „unheilige Allianz“ gebildet zu haben. Schon während des Shutdowns war die Oper eher durch Lethargie aufgefallen. Sänger des Ensembles singen Schlaflieder, Axel Kober unterhält sich mit Gästen über den Ring des Nibelungen und Trailer bereits gezeigter Stücke umfasste das Programm, das man im Internet anbot. Beim Forum Freies Theater kaprizierte man sich darauf, bevorzugt englische Texte bei Facebook einzustellen. So viel Zurückhaltung fiel auf. Aber die jetzige Entscheidung wirft doch mehr Fragen auf. Zumal wenn man hört, man wolle keinen „Überbietungswettbewerb starten“. Da haben die Jecken am Rhein eigentlich doch bessere Witze auf Lager, wenn man daran denkt, wie ungehemmt im „normalen Spielbetrieb“ Premieren parallel gezeigt werden, ohne jede Rücksicht auf andere Häuser. Und den „Überbietungswettbewerb“ von Oper und Theater an der Kö oder Tanzhaus NRW hätte man wirklich mal erleben wollen.

Ein Anschlag am Kom(m)ödchen verrät dieser Tage, dass das Theater nicht für einen „Corona-Betrieb“ geeignet sei, andere Spielstätten nicht das Flair hätten, Kabarett-Atmosphäre zu erzeugen und man – in Anspielung auf die derzeit überall aus dem Boden sprießenden Autokinos – nicht vor Autos spielen wolle. Gut, das ist die Haltung eines Privattheaters und wenn es sich das leisten kann, sei es ihm gegönnt. Etwas anders verhält es sich wohl bei den Häusern, die – teilweise – steuerfinanziert werden. Hier mal eben verlängerte Sommerferien einzulegen, stößt in mehrfacher Hinsicht auf.

Oper, Schauspiel, Tanzhaus und FFT laden häufig Gäste, also freiberufliche Künstler, ein. Das findet jetzt nicht statt. Also werden den Künstlern die Honorare vorenthalten.  Es kann eigentlich nicht sein, dass die Bürger einer Stadt sich kulturelle Institutionen leisten, die dann mal eben beschließen, nicht zu arbeiten, weil „keiner weiß, wie die Tröpfchen fliegen“, wie Schauspielintendant Wilfried Schulz behauptet. Morgen könnte es regnen, da laden wir mal lieber unsere Gäste aus, damit sie nicht nass werden: Wer auf diesem Niveau arbeitet, muss sich fragen lassen, ob er seiner Aufgabe gewachsen ist. Denn eines ist doch wohl klar. Derzeit schauen Politiker ganz genau hin, wie sich Kultur darstellt. Schließlich warten alle auf die nächsten Budget-Verhandlungen in einer Zeit, in der alle, wirklich alle, unter den finanziellen Auswirkungen dieser Krise zu leiden haben werden. Dass in dieser Phase die Düsseldorfer Häuser die „Systemrelevanz der Kultur“ konterkarieren, dürfte ein Schlag ins Gesicht ihrer Mitstreiter in ganz Deutschland sein.

Dem Langzeitgedächtnis ihrer Besucher, die sich mit einer solchen Entscheidung im Stich gelassen fühlen dürften, wollen die Theater mit einer Open-Air-Revue vor 200 Zuschauern im Ehrenhof entgegenwirken. Wenn’s regnet, werden Schirme verteilt. Da darf man heute schon gespannt sein, wie die Lokalzeitungen das schönschreiben. Als sicher dürfte gelten, dass diese „unheilige Allianz“ mit ihrer Entscheidung viel Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit, wenn es mal ein bisschen schwieriger wird und der Wind von vorn bläst, verspielt haben. Wie viel Vertrauen bleibt, wird im Herbst zu sehen sein – vielleicht.

Michael S. Zerban

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