O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Kommentar

Klug gedacht

Irgendwann entdeckten kulturelle Institutionen, dass ihnen der Nachwuchs wegblieb. Also stellten sie flugs Theaterpädagogen ein, die seither Kinder mit verschiedensten Mitteln für Theater, Oper und Tanz zu begeistern versuchen. Solche Arbeit wird gern subventioniert, deshalb erfreut sie sich größter Beliebtheit. Warum sie möglicherweise trotzdem zum Scheitern verurteilt ist, offenbart sich erst bei genauerem Hinschauen.

Im Saalbau Essen gibt es billige Eintrittskarten. – Foto © Thomas Robbin

Betrachten wir einmal kurz und stark vereinfacht den Ablauf des menschlichen Lebens in Deutschland. Nach der Schulzeit erfolgt Ausbildung oder Studium. Mitte 20 beginnt die Karriere und Familiengründung. Mitte 40 etwa fängt der Mensch an, nach sinnstiftender Beschäftigung neben der Arbeit zu suchen, der er sich nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess zumeist intensiver widmet. In vergangenen Jahrzehnten verloren immer mehr Menschen das Interesse an Theater, Tanz und Oper. Und gaben damit auch ihren Kindern keine diesbezügliche Orientierung mehr. Die Folgen sind unübersehbar, der Prozess ist längst nicht aufgehalten. Aber nahezu alle kulturellen Institutionen arbeiten daran. Ganze Abteilungen für Theater- oder Museumspädagogik wurden aufgebaut, längst gibt es eigene Studiengänge. Die Grundidee: Kinder, die in der Schule bereits mit der Kultur in Kontakt kommen, kommen in einem späteren Lebensabschnitt darauf wieder zurück, selbst wenn sie sich zwischenzeitlich ausschließlich mit Familie und Karriere beschäftigt haben. Wer übrigens nach dem Theaterpädagogen in seinem Opernhaus sucht, wird nur selten fündig. Es klingt wohl wichtiger und „moderner“, solche Abteilungen nun education zu nennen. Besser oder verständlicher wird dadurch nichts, aber vielleicht glauben die Verantwortlichen, es klinge weltläufiger. Im Grunde müsste man jeden dieser Verantwortlichen auf der Stelle entlassen, weil so viel Borniertheit und Wirklichkeitsfremdheit nicht zu einer solchen Stellung passen. Zugegeben: Der Begriff Theaterpädagogik entbehrt gleichfalls jeglicher Attraktivität, aber wenn einem nicht mehr als eine fragwürdige englische Übersetzung einfällt, ist man vielleicht nicht der rechte Mann am rechten Fleck. Alldieweil leisten die Pädagogen hervorragende Arbeit. Sie gehen in die Schulen, begeistern Opernsänger dafür, es ihnen gleichzutun, laden Kinder in spezielle Foyer-Aufführungen ein, entwickeln mit Jugendlichen gemeinsame Projekte. Es gibt kaum einen Jugendlichen, der sich solch spannenden und vielfältigen Angeboten entziehen kann. Mit Ende der Schulzeit ist dann für einen Teil der Bevölkerung Schluss mit lustig.

Kürzlich veranstaltete der Kreis der Freunde und Förderer der Tonhalle in Düsseldorf einen Liederabend mit Christian Gerhaher. Studenten wurde die Eintrittskarte mit einem Preis von fünf Euro quasi geschenkt. Zu sehen war keiner von ihnen. Zu Beginn der Spielzeit verkündeten Theater und Philharmonie Essen voller Stolz, dass sie nun mit dem Allgemeinen Studentenausschuss – AstA – der Universität Duisburg-Essen die Ausgabe eines Kulturtickets vereinbart hätten. Damit kommen Studenten in viele Veranstaltungen für den Eintrittspreis von einem Euro. Solche Angebote sind auch in anderen Städten nicht unbekannt. Nur, dass hier keiner glaubt, es würde etwas verschenkt: Wie der AStA die Ausgaben rechtfertigt, ist nicht bekannt, soll hier auch nicht Thema sein, aber er subventioniert diese „Wohltat“. Tolle Geschichte. Da kommen also die jungen Menschen, die von der Unterstützung ihrer Eltern leben, BaFöG beziehen oder ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten müssen, in den Genuss massiv verbilligter Eintrittskarten, um so die Arbeit der Theaterpädagogen nicht mit der Schulzeit enden zu lassen. Also alles bestens in Deutschland oder wenigstens in Essen?

Mitnichten. Auszubildende werden hier glatt vor der Tür stehen gelassen. Sie können ja auf eines der zahlreichen anderen Angebote zugreifen, sagen die Essener. Ein-Euro-Angebote gibt es darunter allerdings nicht. Und dürften damit den Zorn all jener Theaterpädagogen auf sich ziehen, die viel Arbeitszeit in den Haupt- und Realschulen zugebracht haben, um die Heranwachsenden für Theater, Tanz, Oper und Museum zu begeistern. Für die ist mit Beginn der Ausbildung Feierabend mit kulturellem Interesse. Denn ihre finanziellen Verhältnisse sehen beileibe nicht viel anders aus als die der Studenten. Kategorisch lehnen die Essener ein Weiterdenken ab. „Ein vergleichbares Angebot für andere Gruppen wird es nicht geben“, teilt Christoph Dittmann, Pressesprecher, schriftlich auf Anfrage mit. Das klingt nicht nur arrogant, sondern vor allem auch fern von jeder Aufgabenstellung, die die kulturellen Institutionen haben. Nirgendwo steht geschrieben, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen zu bevorzugen oder andere zu benachteiligen sind. Beeindruckend wäre gewesen, hätten die Essener mitgeteilt, dass es ihnen nach Abschluss der Verhandlungen mit dem AStA nun auch gelungen sei, die Industrie- und Handelskammer mit ins Boot zu holen. Stattdessen Beton im Kopf. Nicht für einen Groschen nachgedacht. Lohnt es sich nicht, den Bäckermeister von Morgen, den zukünftig erfolgreichen Industriekaufmann schon in der Ausbildungszeit an sich zu binden, während angehende Ärzte auf dem Sprung in die USA gepampert werden? Kaum nachvollziehbar.

Spricht man mit Intendanten über die strategische Ausrichtung ihres Hauses, dauert es nicht lange, bis der Wunsch nach der Erschließung neuer Publika – oder auf marketingdeutsch Zielgruppen – laut wird. Ganz anders bei Hein Mulders. Der Intendant der Theater und Philharmonie Essen schließt von vornherein Menschen aus, die nicht seinem Bildungsideal entsprechen. Eine solche Einstellung mag sich jemand leisten können, der ein Privattheater betreibt, denn dann liegt das finanzielle Risiko bei ihm selbst. Der kann dann auch die hohen Investitionen in die Theaterpädagogik ignorieren. Der Künstlerische Leiter eines öffentlichen Hauses muss sich allerdings fragen lassen, ob die Denkstrukturen, die vor 50 Jahren galten, als man Akademikern höhere Einkommenschancen voraussagte, heute noch Gültigkeit besitzen.

Da kann sich die Theaterpädagogik, Entschuldigung, die Abteilung für education, noch so sehr mühen. Wenn Jugendliche in der Ausbildung und somit nach Schulschluss die Wahl haben zwischen Kino mit Freunden oder einem Theaterbesuch zum gleichen Preis, wird ihnen niemand verdenken, das Kino zu bevorzugen. In Essen ist das egal. Da gehen zukünftig so viele Studenten in Theater und Konzert, dass für die Auszubildenden ohnehin kein Platz mehr wäre. Klug gedacht.

Michael S. Zerban