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Hintergründe
Das Klavier-Festival Ruhr bietet in diesem Jahr unverändert ein Programm auf hohem Niveau mit zahlreichen weltbekannten Musikern. Sogar eine Kultband kommt. Erstmals wird der Blick auf zwei Komponisten gerichtet. Neu ist eine Residenz, die zu einem Raum der Inspiration und Begegnung mit Konzerten, Werkstattgesprächen und Gastronomie werden soll.

Katrin Zagrosek, Intendantin des Klavierfestivals Ruhr – Foto © Christian Palm
Als Franz Xaver Ohnesorg am 14. November 2023 ganz unverhofft starb, war seine Nachfolge als Intendant des Klavier-Festivals Ruhr längst geregelt. So übernahm am 1. Januar Katrin Zagrosek offiziell sein Amt und sorgt dafür, dass das Pianistentreffen qualitativ wie quantitativ auf hohem Niveau bleibt. In diesem Jahr kommen vom 7. Mai bis 21. Juli 75 Pianisten ins Ruhrgebiet und in benachbarte Orte der Region und geben 72 Konzerte. Wie gehabt geben sich viele weltbekannte Musiker die Ehre. Auch dem talentierten Nachwuchs wird wieder ein Podium geboten.
Außerdem sind namhafte Orchester mit dabei. Etwa reist am Eröffnungstag das WDR-Sinfonieorchester nach Dortmund, um im Konzerthaus gemeinsam mit den beiden Pianisten Yulianna Adeeva und Guy Mintus sowie dem Mandolinenspieler Jakob Reuven unter der Leitung von Omer Meir Wellber Werke von Béla Bartók und Ludwig van Beethoven aufzuführen. Apropos Bartók: Am 25. März ist sein 145. Geburtstag. Dem legendären ungarischen Komponisten widmet das Festival einen Schwerpunkt mit fünf Konzerten. In dem Rahmen stellen Adeeva, die Brüder Lucas und Arthur Jussen, Anna Vinnitskaya, Andras Schiff und Pierre-Laurent Aimard vielfältigen Umgang Bartóks mit dem Tasteninstrument vor.
Aimard ist es außerdem, der bereits vor dem eigentlichen Festival, am 21. und 22. Februar, mit drei Veranstaltungen in Form von Konzerten, Vorträgen und Dokumentarfilmen einen zweiten Schwerpunkt auf einen weiteren ungarischen Komponisten legt: György Kurtág. Er feiert am 19. Februar seinen 100. Geburtstag, lebte lange in Frankreich, wohnt seit 2015 in Budapest und erhielt 2002 zusätzlich zu der ungarischen die französische Staatsbürgerschaft. Neben Aimard sind weitere erstklassige Musiker im Bochumer Anneliese-Brost-Musikforum Ruhr mit dabei: seine Pianistenkollegen Pavel Kolesnikov, Samson Tsoy und Lorenzo Soulès, Geigerin Isabelle Faust sowie die Sopranistinnen Anna Prohaska und Gerrie de Vries.
Neu ist eine Residenz des Klavier-Festivals Ruhr. Sie befindet sich ab 13. Juni im Salzlager der Kokerei Zollverein. Klassische Rezitals, Jazz, neue elektronische Sounds und Werkstattgespräche finden dort statt. Eine Gastronomie sorgt für Speis und Trank. „Die Residenz im Salzlager ist mehr als ein Spielort, sie ist eine besondere Einladung zur Begegnung. Sie bietet uns die Möglichkeit, einen Spielraum ganz nach unseren Vorstellungen zu gestalten und einen eigenen Ort für Begegnungen, Kulinarik, Inspiration und natürlich Musik auf höchstem Niveau zu schaffen, den wir mit unseren Gästen teilen“, erläutert Zagrosek das neue Konzept. Zum Start gibt es an den ersten beiden Tagen Cembalounge. In drei Konzerten wollen die Cembalisten Jean Rondeau und Justin Taylor beweisen, wie Werke französischer und italienischer Clavecinisten mit der Ästhetik moderner Industriearchitektur harmonieren. Der ukrainische Gewinner des Van-Cliburn-Wettbewerbs 2013, Wadym Kholodenko, die Aufsteigerin Mariam Batsashvili und Sir András Schiff haben klassische Programme mit im Gepäck. Giorgi Gigashvili mit Nikala Zubiashvili, Vicky Chow mit Tristan Perich und Francesco Tristano mit Marialy Pacheco erschließen im Rahmen der Reihe Klavier & Elektronik neue Klangwelten. Am 20. Juni werden unter dem Titel Brazilian Jazz Summer lateinamerikanische Rhythmen geboten. Tags darauf ist Musik-Clown Helge Schneider mit einem spontanen Live-Abend zu erleben.
Die Kultband Tangerine Dream ist ein weiterer Bestandteil der Reihe Klavier & Elektronik. Sie kommt am 26. Juni nach Gelsenkirchen in die Heilig-Kreuz-Kirche. Seit Ende der 1960-er Jahre ist sie gerade wegen ihrer Pionierarbeit auf dem Gebiet der elektronischen Musik in aller Munde. Ihr Gründer Edgar Froese starb 2015. Als Trio mit Thorsten Quaeschning und Paul Frick am Synthesizer und Piano sowie Geigerin Hoshiko Yamane existiert die Formation aber weiterhin.
Die Reihe Jazz Piano bietet sieben Konzerte. Etwa geben am 20. Mai im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen Pianist Michael Wollny, Posaunist Nils Landgren, Lars Danielsson am Kontrabass und Schlagzeuger Wolfgang Haffner ein Gastspiel. Und Pianistin und Sängerin Diana Krall gastiert mit ihrer Band am 4. Juli in der Grugahalle Essen. Die Reihe Youngsters präsentiert vom 5. bis 7. Juni in fünf Konzerten auf der Zeche Zollern Festival-Debütanten, die Gewinner bedeutender Wettbewerbe sind oder am Beginn einer internationalen Karriere stehen. Lang ist die Liste an prominenten Pianisten: Grigory Sokolov, Krystian Zimerman, Rudolf Buchbinder, Ivo Pogorelich, Igor Levit und und und. Je ein Konzert mit prominenten Pianisten findet vor und nach dem eigentlichen Festival statt. Am 16. März kommt Hélène Grimaud zu ihrem einzigen Solo-Rezital dieses Jahres in Deutschland in die Historische Stadthalle Wuppertal. Am selben Ort gastiert am 5. November Lang Lang.
Viel Wert wird auf das Vermittlungsprojekt gelegt, das im kommenden Jahr sein 20-jähriges Jubiläum feiert. Das Ergebnis der Arbeit mit Schülern aus Duisburg und Bochum mit ihren aufs Jahr verteilten über 2000 Unterrichtseinheiten wird am 19. Mai in der Gebläsehalle im Landschaftspark Nord und 1. Juli in der Mercatorhalle vorgestellt.
Hartmut Sassenhausen