O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Blick in den Innenhof der Kongresshalle - Foto © David Klumpp

Hintergründe

Die Zukunft gewinnt

So viel steht fest: Ab 2025 darf das Opernhaus am Richard-Wagner-Platz in Nürnberg nicht mehr weiter bespielt werden. Und auch das ist sicher: Die voraussichtlich dann beginnende Sanierung wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Eine Interimsspielstätte muss als her. Lange haben die Stadtverantwortlichen mit der Lösung gezögert. Jetzt hat der Stadtrat einen Entschluss gefasst. Eine alte Bauruine wird hergerichtet. Allerdings nicht irgendeine. Es ist die alte Kongresshalle auf dem Reichsparteitagsgelände.

Jens-Daniel Herzog – Foto © Ludwig Olah

Das muss echt schön gewesen sein, Anfang des 20. Jahrhunderts im Naherholungsgebiet am südöstlichen Stadtrand Nürnbergs. Zwischen dem großen und kleinen Dutzendteich gab es eine Badeanstalt, die Teiche selbst waren von Promenaden gesäumt, das Park-Café Wanner lud zu Kaffee und Kuchen ein. 1905 wurde dort im Rahmen einer Ausstellung ein 15 Meter hoher Leuchtturm errichtet, von dessen Spitze sich tagsüber den Städtern eine wunderbare Aussicht bot. Des Nachts beleuchteten die dort angebrachten Strahler die Umgebung. Ein städtisches Idyll. Wäre es doch dabei geblieben.

Ab 1933 war Schluss mit Stadtranderholung. Nach und nach entstand das Reichsparteitagsgelände mit Sportarenen, Tribünen, Aufmarschplätzen und dort, wo der Leuchtturm stand, sollte eine neue Kongresshalle entstehen. Für 50.000 Menschen geplant, sollte sie eine Höhe von rund 70 Metern erreichen, letztlich wurden es 39 Meter. Das u-förmige Gebäude mit einer Seitenlänge von mehr als 200 Metern öffnete sich zum Großen Dutzendteich. Großenteils aus Ziegelsteinen gemauert, wurde die Fassade mit großen Granitplatten verkleidet. Fertiggestellt wurde die Kongresshalle nicht. Ab 1943 wurden Teile der Halle zugemauert. Heute ist es eine Bauruine mit fast 120.000 Quadratmetern Bruttonutzfläche, die unter Denkmalschutz steht. Die baulichen Mängel führten dazu, dass das Gelände seit 70 Jahren nicht genutzt werden kann. Für die Bewahrer soll das eigentlich auch so bleiben, schließlich ist die Kongresshalle nach Prora der zweitgrößte erhaltene nationalsozialistische Monumentalbau und „lebendiges“ Zeugnis gescheiterten Größenwahns. Andere sagen, dass es ausreichend Belege zur Aufrechterhaltung der Erinnerung gebe und eine friedliche Nutzung des Geländes im Sinne der Bürger in die Zukunft führe. Die Menschen, die für die Finanzen der Stadt Nürnberg zuständig sind, wissen, dass es kaum etwas Teureres gibt, als historische Gemäuer aufrechtzuerhalten, die zudem nicht genutzt werden können. Der „Koloss von Prora“ übrigens, einst als KdF-Seebad Rügen geplant und ebenfalls nie fertiggestellt, wird seit 2004 blockweise einzeln veräußert und zu Wohn- und Hotelanlagen umgestaltet. Das steht, wie die Entwicklung bis heute zeigt, einer lebendigen Erinnerungskultur nicht entgegen.

Auch in Nürnberg wird und wird man mit der Bauruine nicht glücklich. 2003 rang man sich durch, auf dem Dach der Kongresshalle eine Photovoltaik-Anlage zu errichten. Erst mit der Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 kommt Bewegung in die Angelegenheit. Was wäre, wenn man die Kongresshalle – zumindest in Teilen – einer kulturellen Nutzung zuführte? Im vergangenen Jahr wurde deshalb mit vorbereitenden Arbeiten „wie einer Nutzungsvision, Bedarfserhebung und baulicher Machbarkeitsprüfung“ begonnen, wie auf der Seite der Bürgermeisterin Geschäftsbereich Kultur, Julia Lehner, nachzulesen ist. In Telefoninterviews zeigte sich, dass die Kulturschaffenden in der Stadt vor allem Produktions- und Lagerräume brauchen. Und die Machbarkeitsprüfung ließ hier einiges erhoffen.

Der lange Marsch kann beginnen

Inzwischen sieht das Staatstheater Nürnberg, seit 2018 unter der Leitung von Jens-Daniel Herzog, in der Innenstadt eine kleine bis mittlere Katastrophe auf sich zurollen. Das Opernhaus am Richard-Wagner-Platz ist ein Sanierungsfall. 2025 ist Schluss mit Spielfreude. Dann werden sich die Portale für mehrere Jahre schließen. Und im November dieses Jahres ist noch immer keine Entscheidung bezüglich einer Interimsspielstätte gefallen. Offenbar gibt es größere Vorbehalte im Stadtrat, dass die Oper in die Kongresshalle einzieht. Das ist einem offenen Brief des Betriebsrats aus dieser Zeit zu entnehmen, der gleich bundesweit verbreitet wird. Offenbar ein wenig vorschnell. Denn am 10. Dezember kann Herzog ein „mutiges Bekenntnis“ des Stadtrats verkünden, obwohl der Stadtrat ursprünglich erst fünf Tage später zu einer Entscheidung kommen wollte. Die drei großen Fraktionen CSU, SPD und Die Grünen haben nämlich bekanntgegeben, dass das Staatstheater mit seinem Opern-Interim ab 2025 auf das Areal der Kongresshalle ziehen soll. „Uns ist bewusst, dass dies nur der erste Schritt auf einem langen Weg ist, den wir in den nächsten Jahren gemeinsam mit der Stadtgesellschaft gehen wollen“, kündigt Herzog an. Gemeinsam mit der Stadtgesellschaft ist vielleicht ein wenig hochgegriffen. Jetzt geht erst mal alles seinen Gang. Denn wo genau die Ausweichspielstätte für das Musiktheater errichtet werden soll, wird „im Vergabeverfahren geklärt und ist Teil der nun beginnenden Planungen“ heißt es aus dem Stadtrat. Statt Theater und Stadtgesellschaft haben nun also erst mal Bürokratie und Architekten das Sagen. Drei Jahre sind für ein solches Projekt ein ziemlich enges Zeitfenster. Das wird auch dem Intendanten klar sein. Trotzdem ist Erleichterung spürbar. „Wir werden dort aus unserer Gegenwart heraus einen künstlerischen Dialog mit der Vergangenheit und der Zukunft führen und freuen uns darauf, auch während der Interimszeit großes Musiktheater für Nürnberg machen zu können“, verkündet Herzog, der den gesamten Prozess begleiten wird. Sein Vertrag ist bereits bis 2031 verlängert worden. Während der Intendant den Blick auf das Musiktheater richtet, hat der Stadtrat oder zumindest sein Kulturausschuss ja die visionäre Kraft, die Machbarkeitsstudie des vergangenen Jahres mit den Wünschen der Oper zu verbinden. So könnte aus dem „gescheiterten Größenwahn“ der Vergangenheit die Kultur der Zukunft in Nürnberg entstehen.

Michael S. Zerban