O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

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Hintergründe

Die Begeisterung bleibt

Das Landesjugendorchester NRW bereitet sich in einer einwöchigen Probenphase auf sein neues Programm vor. Mit der Musik läuft es wunderbar, aber der Virus schreckt auch unter Extrembedingungen nicht vor den jungen Musikern zurück. Der Probenbesuch zeigt, dass sich die Anhänger des jungen Orchesters trotzdem auf ein großartiges Programm freuen dürfen. Und ein Bonbon gibt es dazu.

Rita Menke – Foto © Claudia Reichert

Rita Menke ist die Leiterin des Betreuungsteams für das Landesjugendorchester NRW. Und sie nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. Als sich das LJO am 8. April erneut in Nottuln einfand, einer Gemeinde im Kreis Coesfeld mit knapp 20.000 Einwohnern, kaum 20 Kilometer vom westfälischen Münster entfernt, glaubten die jungen Leute, sich in einem Alptraum wiederzufinden. Hier war nicht etwa das Feriencamp früherer Jahre mit nächtlichen Partys und Kammermusik in der Nacht angesagt, sondern Menke setzte von Anfang an auf so etwas wie Quarantäne. Die Schüler durften sich noch zwischen Jugendherberge und der Sporthalle des Rupert-Neudeck-Gymnasiums bewegen. Dazwischen liegt genau eine Straßenbreite. Keine Eisdiele, kein Supermarkt. Dafür waren Einkaufstrupps bestellt. Stattdessen Masken und Tests. Spaßfaktor: gestrichen. Es gibt Jugendliche hier, die haben sich seit anderthalb Jahren außer beim Essen noch nicht ohne Maske gesehen. Das macht was mit den jungen Musikern. „Nein, keine Aggressionen“, versichert Menke. Trotzdem gibt es genügend Verhaltensauffälligkeiten, mit denen sie zu kämpfen hat. Und da helfen auch die Smartphones wenig, die zwar die Verbindung zum Elternhaus aufrechterhalten, aber eben auch Zugang zu den so genannten Sozialen Medien mit ihren ständigen Negativ-Nachrichten bieten. Immerhin ist es Menke und ihrem Team so gelungen, dass von dem 75-köpfigen Orchester bislang lediglich sieben Musiker mit Corona-Infektionen nach Hause geschickt werden mussten. Aber es ist, so berichtet die Orchestermanagerin, jedes Mal eine kleine menschliche Tragödie.

Seit 38 Jahren ist Rita Menke beim Landesjugendorchester. Zunächst als Sekretärin, später, nach verschiedenen Fortbildungen, als Leiterin des Betreuerteams. In der langen Zeit war auch nicht immer alles eitel Sonnenschein. Sogar die Kündigung hatte sie schon einmal eingereicht. Die wurde allerdings höflich abgelehnt. Heute ist sie sicher, ihren Traumberuf gefunden zu haben. Ganz offenherzig gibt sie zu, dass nicht möglichst großartige Aufführungen des Orchesters für sie im Mittelpunkt stehen, sondern sie sich ausschließlich für das Wohlergehen der jungen Musiker zuständig fühlt. Die danken es ihr längst mit Respekt und Disziplin, na, meistens jedenfalls.

Die lange Tradition weist in die Zukunft

Sebastian Tewinkel – Foto © O-Ton

Mehr als ein halbes Jahrhundert gibt es das LJO nun schon. Die etwa 100 Mitglieder des Auswahlensembles „haben sich durch ein anspruchsvolles Probespiel oder ihre hervorragende Platzierung beim Landeswettbewerb ‚Jugend musiziert‘ qualifiziert“ und sind im Alter zwischen 14 und 24 Jahren. Offenbar gelingt es den Verantwortlichen, den Jugendlichen etwas ganz Besonderes zu bieten. Denn mit Begeisterung ist 2018 Sebastian Tewinkel zu dem Orchester zurückgekehrt, in dem er einst als Geiger gespielt hat. Heute arbeitet er hier als Dirigent und Künstlerischer Leiter. Ebenfalls wieder da ist, wenn auch nur besuchshalber, Julia Becker. „Ich bin Konzertmeisterin des Tonhalle-Orchesters Zürich. Meine Wurzeln im Orchesterspiel habe ich tatsächlich hier in Nottuln im Landesjugendorchester erworben. Und bin jetzt seit 27 Jahren in Zürich. Und vorher war ich zwei Jahre als Konzertmeisterin in Darmstadt am Staatstheater. Ich muss wirklich sagen, dass das Landesjugendorchester Nordrhein-Westfalen der Grund war, warum ich Berufsmusikerin geworden bin“, erzählt die Geigerin, deren Vater darauf bestand, dass sie sich neben ihrem Engagement im Schulorchester auch immer wieder bei Jugend musiziert bewirbt. Dann wurde sie angesprochen, ob sie Lust hätte, auch beim LJO mitzumachen. Das war 1982. Da lernte sie Nottuln kennen. Und das Orchester, in dem sie es bis zur Konzertmeisterin brachte. „Für mich war das Tollste eben die Verbindung mit anderen Leuten, die auch richtig gut auf ihrem Instrument sind, zusammen im Orchester zu spielen. Auch in der Freizeit noch Kammermusik zu machen. Das war für mich auch was ganz Neues. Ich war zwar in dem Alter schon Jungstudentin an der Musikhochschule, aber ich habe halt immer nur Solo-Stücke geübt oder eben die klassische Violinliteratur, die man so im stillen Kämmerlein vor sich hin übt. Aber dann hier mit Leuten, die auch richtig cool waren, mit denen man dann auch abends gut Party machen konnte. Mit denen sich dann halt nachts auch noch zu treffen, um Kammermusik-Werke vom Blatt zu spielen, das war für mich wirklich so der Inbegriff der sinnvollen Freizeitgestaltung“, erinnert Becker sich, die in diesem Jahr als Solistin zu Gast ist.

Es ist der letzte Tag vor der öffentlichen Generalprobe. Die Stimmung in der Sporthalle des Rupert-Neudeck-Gymnasiums wirkt entspannt. Überpünktlich haben sich die Musiker wieder versammelt, um das Werk zu proben, für das Becker eingeladen wurde. Die Professionalität, mit der die Jugendlichen hier zu Werke gehen, ist überwältigend. Becker weiß noch aus ihrer Zeit, dass der anstrengendste Teil der Arbeit in den ersten Tagen stattfand. „Wahrscheinlich wird es immer noch so gemacht, dass man sich ganz zu Anfang, bei der allerersten Probe, erst mal im Tutti trifft. Und da sind dann die Dozenten für die einzelnen Stimmgruppen auch schon dabei. Und dann hören die natürlich: Okay, da muss ich einhaken und da und da. Und dann gibt es eben diesen Teil der Stimmprobenarbeit – das fand ich früher immer recht mühsam. Das macht nicht so besonders viel Freude, aber es muss halt sein“, erzählt sie. Der große Moment ist der, wenn man in der Tutti-Probe sitzt und ein echter Orchesterklang entsteht. „Ich habe das immer verglichen mit dem Schulorchester, das ich von meinem Gymnasium her kannte. Das war dann wirklich nur heiße Luft. Wenn hier im Landesjugendorchester die Blechbläser mal ordentlich einsetzten, da wusste man, hier wird richtig zugelangt“, begeistert sich Becker, die eigentlich gerade für ein Werk ganz anderer Machart gekommen ist. Denn das Programm in diesem Jahr ist ungewöhnlich.

Julia Becker – Foto © O-Ton

Englisches Rätsel ist ein rein englisches Programm. Wir haben ein Hauptwerk, das vermutlich zu den am meisten gespielten Werken aus dem englischen Repertoire gehört, nämlich die berühmten Enigma-Variationen von Edward Elgar. Und dann haben wir zwei weitere Werke, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Das eine sind die Four Sea Interludes, also vier Meereszwischenspiele aus der Oper Peter Grimes von Benjamin Britten. Das sind Auszüge aus der Oper, die man sinfonisch als Suite spielen kann. Das ist eine unglaublich farbige und sehr radikale Musik mit sehr radikalen Klangfarben, viel Schlagzeug. Ziemlich brachial teilweise. Da wird im letzten Satz ein Sturm geschildert, der über das Meer peitscht“, sagt Sebastian Tewinkel, der die Programme für das LJO gemeinsam mit einem Beirat auswählt. Dem gehören Pierre-Alain Chamot, Geiger im Sinfonie-Orchester des regionalen Hörfunks, Paul Anders, Posaunist bei den Bergischen Symphonikern, und André Sebold, ehemals Solo-Flötist im Kölner Gürzenich-Orchester und jetzt Dozent an der Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule, an. Sie versuchen, dem Publikum ein möglichst anspruchsvolles Programm zu vermitteln. Da ist The Lark Ascending – also die aufsteigende Lerche – von Ralph Vaughan Williams als drittes Werk aus Sicht des Orchesters schon recht einfach geraten. Aber in der Wirkung eben wunderschön. Und die Fassung, die das LJO mit Julia Becker in der Probe bietet, fasziniert vom ersten Augenblick an. „Die spielen das wahnsinnig gerne. Also Enigma natürlich, da gibt es ja unglaublich schöne, schwelgerische Passagen drin. Aber die spielen das gesamte Programm sehr gerne. Rita Menke hat mir gesagt: Britten steht hoch im Kurs bei den Jugendlichen. Und das finde ich natürlich toll“, sagt Tewinkel, der vollkommen gelassen ist, was die Akzeptanz des Publikums angeht. „Ich glaube und hoffe auch ein bisschen, dass viele Leute das Landesjugendorchester als Institution erleben wollen und diese Begeisterung der Jugendlichen. Und dass das vielleicht bei diesem Orchester mehr im Vordergrund steht als bei anderen Orchestern, wo man einfach sagt, ich möchte diese oder jene Sinfonie hören“, zeigt sich der Dirigent überzeugt.

Auch Becker glaubt daran, dass das neue Programm ein voller Erfolg werden wird. „Das Landesjugendorchester, das hat sowieso eine Fan-Gemeinde. Also da kommen dann schon mal die Eltern, die Omas und die Opas und die Tanten. So war es zumindest bei mir. Und es ist ja auch das Schöne, dass das Landesjugendorchester nicht nur in den Hot Spots spielt, sondern dass die auch die Fläche versorgen. Ich finde, dass dieses Motto Englisches Rätsel ja auch neugierig macht. Also, das Rätsel will ja gelöst werden“, sagt die Geigerin, wohlwissend, dass es für das Rätsel bei den Enigma-Variationen eben genau keine Auflösung geben soll. Und ja, vielleicht lassen sich die Besucher der kommenden Konzerte gerade von den überaus anspruchsvollen und sehr naturalistischen Meeresstimmungen von Benjamin Britten begeistern. Denn in Lüdinghausen, Kleve, Bielefeld, Zülpich oder Hamm ist das Meer doch eher weit entfernt, so dass man sich gerade in den Stadt-, Schul- und Konzerthallen dieser Städte gern einmal an die britische Küste entführen lässt. So knapp die Probeneindrücke geraten sind, ist eines klar: Die Besucher, die zu diesen weniger spektakulären Spielstätten anreisen, bekommen größtmögliche Leidenschaft geboten. Und es mag sich niemand davon täuschen lassen, dass die ersten Konzertstationen in der deutschen Provinz stattfinden. Wer im LJO mitspielt, hat in den Jahren seiner Mitarbeit durchschnittlich etwa zehn Länder besucht. Kein Wunder, dass sich überdurchschnittlich viele Teilnehmer anschließend für einen Weg als Berufsmusiker entscheiden. Und sich lange daran erinnern, dass alles in Nottuln begann.

Michael S. Zerban