O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Three Fingers in the Dark - Foto © O-Ton

Hintergründe

Erkundung der Schönheit

In den letzten beiden Jahren habe viele neue, digitale Vorstöße das künstlerische Schwergewicht beim Moers-Festival durch die Pandemie getragen. Die Ausgabe dieses Jahres schöpfte ihren Charme aus der Unfertigkeit eines Neustarts Bei der 51. Ausgabe zum 50. Geburtstag behauptete sich – trotz eines aufwändigen virtuellen Überbaus – der gewachsene, analoge Wesenskern des Festivals als überlegene Kraft.

The Hidden Tune – Foto © O-Ton

Erfreulich stimmen die spontanen Schilderungen von Menschen, die zum allerersten Mal aufs Moers-Festival kommen und hier das Besondere dieses Ortes spüren: Die israelische Multiinstrumentalistin und Komponistin Maya Dunietz beschrieb, dass sie so viel Spaß und Kreativität wie hier selten anderswo erlebe. Bei mehreren grundverschiedenen Konzert-Auftritten saugte sie viel davon auf, um noch mehr davon zurückzugeben. Ihre spirituelle Komposition Hai Shirim nahm es mit älteren, aber auch neuen Liedern in arabischer Sprache auf, hier in Szene gesetzt von einem fragilen Instrumentalensemble und dem Mädchenchor am Essener Dom. Einen Abend später kostete Dunietz die Möglichkeiten der Orgel in der Stadtkirche mit kreativer Lust aus. Schließlich hatte die Israelin auch das letzte Wort beim Festival – in einer hedonistischrasanten Disco-House-Performance zusammen mit dem Schlagzeuger Ram Gabay. Tanzen als Demonstration. Das hätte noch stundenlang so weiter gehen können auf der seit letztem Jahr erfolgreich funktionierenden Open-Air-Bühne – wenn Moers nicht in Deutschland läge …

Tim Isfort und sein Team haben die Festival-Infrastruktur geografisch erweitert. Geschichte ist seitdem die Hierarchie aus Hauptspielstätte und Nebenlocations. Was das Ankommen in Moers am Freitagabend umso einladender macht: Zwischen der stilvollen Musikschule und dem Filder-Benden-Gymnasium dominiert entrücktes Sommer-Feeling. Im „Zentrum für nicht-anthropogene Musik“ musizieren sagenhafte Streichquartettmaschinen ganz ohne menschliches Zutun umso neutönerischer. Auf einer kleinen Open-Air-Bühne geht es laut und wild zu. Das spärlich beleuchtete Fahrrad trägt in tiefer Nacht durch den leeren Schlosspark, der für langjährige Festivalbesucher Erinnerungsort an so vieles ist. Nackedeis im Springbrunnen sind längst vergangene Geschichte. Dafür lebt „Moers“ als Zustand im Jahr 2022 auch mal in einer Evangelischen Stadtkirche: Die Hörenden bevölkern den sakralen Raum festivaltypisch und machen sich auch liegend bereit für neue Klangerfahrungen, die idealerweise das Gegenteil vom Erwarteten sind: André O. Möller reicht eine einzelne Tonstufe, um fast eine Stunde lang deren Klang durch Oktavierungen bis hinunter in tiefste Subbass-Räume und durch feinste Veränderung der Registrierung zu einem dramatischen Prozess auszugestalten. Einige junge Festivalbesucher, für die Moers augenscheinlich vor allem Feiern bedeutet, überbieten sich in euphorischen Schilderungen über das gerade Gehörte, reden von „Drones“ und „Distortions“. Auf genau diese Horizonterweiterung ist auf Moers seit 50 Jahren Verlass.

Moerser „Freyheit“ wie 1972

Spielstätten, Künstler, künstlerische Ansätze wuchern im 50. Jahr des Moers-Festivals ins Unermessliche – und längst auch in den virtuellen Raum. Freiheit, oder diese „Freyheit“ von Moers heißt aber in erster Linie, physisch einzutauchen in einen Strom aus Ideen, Liveerlebnissen und Begegnungen mit Menschen.

Maya Duniez – Foto © O-Ton

Die große Überraschung: Eine neue, übrigens fremdkuratierte Bühne, „Annex“ genannt, wurde zum stärksten Magneten auf dem Festival. So ähnlich muss es früher im Schloss-Innenhof zugegangen sein, als der Freejazz wie ein mächtiges Ventil Ohren und Geister von allem reaktionären Mief frei blies. Die spielwütige Reinkarnation von sowas liefert eine Adhoc-Besetzung um die niederländische Band Spinifex nebst Doppelbefeuerung durch zwei Schlagzeuger. Auch ja: Tim Isfort hatte bei seiner Abschiedsrede im letzten Jahr ja auch versprochen, dass es diesmal wieder wie 1972 sein würde.

Vom hier zum ersten Mal Erlebten ließ sich auch die japanische Geigerin Sana Nagano anstecken. Jenseits ihres kraftvollen Band-Konzertes in der Festivalhalle freute sie sich auf der Ladefläche des kleinen „Moers-Mobils“ über Frischluft, was wiederum einen filigran-fantasievollen Impro-Dialog mit dem Saxofonisten Jan Klare beflügelte. Beide ließen sich von Sound-Loops aus mehreren Dutzend analoger Tonbandmaschinen zu Großartigem inspirieren.

Klare führte eine der politischsten Darbietungen dieses Festivals auf: Three Fingers in the Dark – benannt nach der Freiheits-Geste des burmesischen Volks im Angesicht von Diktatur und Unterdrückung, suggerierte auf musikalischem Weg eine „Zärtlichkeit zwischen Völkern“. In diesem Sinne hat Isforts Langzeit-Projekt „Myanmar meets Europe“ jenes etwa zehnjährige Zeitfenster der Freiheit zwischen zwei Militärdiktaturen mit viel produktivem Idealismus ausgeschöpft. In der Halle machte eine große Besetzung, zu der auch der burmesische Perkussionist Hein Tint gehörte, klar, dass Pentatonik der burmesischen Musik und Jazz eine gemeinsame Sache sind. Wie einfach könnte es in der Welt zugehen, wenn Politik sich mehr von der Musik abguckte! Aber weil das nicht so ist, mündet der Sound in Dystopie – oder nennen wir es ruhig angesichts der Zeitumstände seit dem Militärputsch im letzten Jahr „Realität“.

Brückenschläge, die in die Zukunft blicken

Der postmodern-beliebige World-Music-Ausverkauf ist vorbei – in Moers geht es um in die Zukunft eines kulturellen Miteinanders: Angelika Niescier und John-Dennis Renken projizierten ihre Jazz-Visionen auf das malayische Perkussionsensemble The Hidden Tune – und das antwortete mit geschmeidig-choreografischer Rhythmus-Kunst.

Nebst berechtigter Kritik an zu wenig Information in den Programmtexten brachten diese doch an einigen Stellen das künstlerische und „kuratorische“ Anliegen in Moers auf den Punkt – etwa im Fall des Elektronik-Musikers Robert Henke: Der erfüllte in der Festivalhalle das so Beschriebene, wenn er auf mehreren archaischen Computern aus den 1980-er Jahren sein Publikum auf eine „Erkundung der Schönheit einfacher Grafiken und Klänge“ mitnahm. Fazit: „Alles, was im Rahmen des Projekts präsentiert wird, hätte bereits in den 1980-er Jahren gemacht werden können. Aber es brauchte den kulturellen Hintergrund von heute, um die künstlerischen Ideen zu entwickeln, die das Projekt antreiben.“ In diesen Worten steckt die Formel für die produktive Wirklichkeit des ganzen Festivals im Jahr 2022. Disparate kulturelle Hintergründe vereinen sich, reiben sich und reagieren miteinander, treffen aufeinander. Umso mehr, je frischer die Impulse aus dem Heute sind. Das Team um den künstlerischen Leiter Tim Isfort und der Geschäftsführerin von Moers Kultur, Jeanne-Marie Varain, schöpft aus solchen Ressourcen, um in die Zukunft zu blicken.

Stefan Pieper