O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Kantorei & Choropax Evangelische Gemeinde Büderich - Foto © O-Ton

Hintergründe

Plötzlich sind alle mit dabei

Wie viel Kultur gibt es in einer Stadt, die eigentlich keine ist? Ekaterina Porizko war davon überzeugt, dass in ihrer neuen Heimat, der Stadt Meerbusch, viele Musiker leben, die in der Nachbarstadt Düsseldorf arbeiten. Mit denen müsste man doch ein Festival veranstalten können. Das Festival wird es geben, aber anders als geplant. Bei MeerMusik werden am 11. Juni über 500 Mitwirkende 50 Konzerte in neun Stadtteilen veranstalten. Denn in Meerbusch pulsiert das kulturelle Leben.

Ekaterina Porizko und Ute Piegeler – Foto © O-Ton

Gnadenlos optimistisch“, charakterisiert Ute Piegeler, Leiterin des Fachbereichs Schule, Sport und Kultur der Stadt Meerbusch die Kantorin der Evangelischen Gemeinde Büderich, Ekaterina Porizko. Die tauchte eines Tages bei der Stadt Meerbusch auf und bot ihr an, ein Festival zu veranstalten. Die Idee war nun wirklich nicht neu. Seit Jahren möchte die Stadt „irgendwas mit Kultur“ machen. Aber wer näher darüber nachdachte, verwarf den Gedanken schnell wieder. Denn wer in Meerbusch das Stadttheater, die zentrale Fußgängerzone, die Kathedrale oder den historischen Stadtkern sucht, wird enttäuscht. Rund 56.000 Einwohner leben in der „Stadt der Millionäre“, die es eigentlich nicht gibt. Eingebettet zwischen Düsseldorf, Krefeld und Neuss, besteht das Stadtgebiet aus acht Stadtteilen, die wenig miteinander zu tun haben. Eigentlich sind es acht Dörfer mit viel Landwirtschaft. Ideal für Menschen mit hohem Einkommen, ihr opulentes Eigenheim zu errichten, ganz unauffällig. Aber völlig verwegen der Gedanke, hier ein gemeinsames Festival zu veranstalten. Was schließlich hat Büderich mit Nierst oder Ossum-Bösinghoven außer einer gemeinsamen Stadtverwaltung zu tun?

Ekaterina Porizko, Kirchenmusikerin, Organistin, Pianistin, Komponistin, Dirigentin und Künstlerische Leiterin des Festivals Turm und Klang – Internationales Glockenspiel-Festival in Esslingen ficht das alles nicht an. Ihre Grundidee ist, dass doch bestimmt viele Musiker, die in Düsseldorf, Krefeld oder Köln arbeiten, in Meerbusch leben. Und wenn man die vernetzt, kann dabei doch ein schönes Festival entstehen. Inzwischen ist das alles Makulatur. Denn die Stadt Meerbusch war von ihrer Idee begeistert, das Festival in allen Stadtteilen stattfinden zu lassen. Und bei der Ausschreibung stellte sich heraus, dass sich Kulturschaffende aus allen Gesellschaftsschichten um die Teilnahme am Festival bewarben. Damit hat Porizko etwas viel Größeres geschaffen, als ursprünglich geplant: Eine Stadt stellt ihre Kultur vor.

„Die Idee zum Festival entstand in der Corona-Zeit: Es sollte etwas Positives passieren – mit starkem lokalem Bezug. So entstand auch das Motto ‚Es werde Licht‘. Uns ist es aber auch wichtig zu sagen: Wir sind weltoffen, bei uns leben Menschen vieler Nationen und wir hoffen das das Festival auch eine friedensstiftende Wirkung hat“, sagt Piegeler. Inzwischen sind die Vorbereitungen zum Festival abgeschlossen. Das Programm steht. Beginnen wird das Spektakel morgens um 11 Uhr mit einer musikalischen Andacht mit den Chören der Stadt Meerbusch im Park von Haus Meer. Regulär ist der Park für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Schon deshalb lohnt es sich, am gemeinschaftlichen Gesang teilzunehmen. Und natürlich auch, um sich schon einmal auf den bevorstehenden Parcours einzustimmen. Denn ab zwölf Uhr heißt es, sich zu entscheiden. Von nun an werden in jedem Stadtteil zu jeder vollen Stunde neue Künstler für jeweils etwa eine halbe Stunde auftreten. „Musik verbindet und öffnet die Herzen. Wir haben viele Künstler mit den unterschiedlichsten Hintergründen im Programm“, erschwert Porizko die Auswahl. Orientierung gibt eine Broschüre, in der sämtliche Programmpunkte aufgeführt sind. Wer beispielsweise noch ein wenig länger dem Chorgesang lauschen möchte, ist ab 12 Uhr auf der Piazza der Bethlehem-Kirche in Büderich gut aufgehoben. Da präsentieren sich die Schüler des Mataré-Gymnasiums unter der Leitung von Stella Antwerpen. Starke Konkurrenz gibt es zur gleichen Zeit in Nierst auf dem Dorfplatz. Mit Rock am Ring wollen geistig behinderte Kinder begeistern, die als Band der Lebenshilfe Krefeld auftreten. „Es sind viele Ensembles aus Meerbusch, aber es kamen auch direkt Anfragen aus unserer Umgebung wie Viersen, Düsseldorf und Krefeld“, erklärt Piegeler. Und „natürlich“ sind auch die Nachbarn zum Festival eingeladen.

Vom Liebeslied bis zum Shanty ist alles dabei

Nein, es ist nicht der Tag des Chors. Trotzdem sollte man sich die Veranstaltung um 14 Uhr in Ossum-Bösinghoven nicht entgehen lassen. „Wir wollen Musik an Orten machen, wo man es gar nicht vermutet. So werden wir in Ossum-Bösinghoven erst auf dem Vorplatz der Feuerwehr sein und ab 15 Uhr auf dem Sportplatz, wo am Vormittag noch Fußball gespielt wurde“, erzählt Porizko. Eigentlich obliegt ihr die Leitung der Kantorei & Choropax der evangelischen Kirchengemeinde Büderich. An diesem Tag allerdings überlässt sie die musikalische Leitung dem jungen Dirigenten Toni Ulrich. Denn der präsentiert die Werke zweier 16-jähriger Komponisten. Einer stammt aus der Ukraine, der andere aus Deutschland. Es wird vermutlich einer der vielen Höhepunkte des Tages. Danach ist Sportlichkeit gefragt. Zumindest für die Meerbuscher, die den Tag mit dem Fahrrad bewältigen wollen. Etwa zwölf Kilometer ist die längste Entfernung zwischen zwei Veranstaltungsorten, hat Porizko ausgerechnet, da braucht man eigentlich, wenn man nicht von auswärts kommt, kein Auto. Und so könnte man sich alternativ auch um 14 Uhr in Osterath im Rathauspark einfinden. Hier tritt das Duo Ros Müller auf, um mit Cello und Klavier für die Musik von Robert Schumann und Tango zu begeistern. Die beiden haben gerade ein neues Album herausgebracht und werden Ausschnitte aus dem einstündigen Programm zu Gehör bringen.

Um 15 Uhr könnte es sich beispielsweise lohnen, beim Rheincamping in Langst-Kierst aufzutauchen. Mit Blick auf Kaiserswerth am anderen Rheinufer kann man hier das Yardbird Sax Ensemble unter der Leitung von Nikolay Kazakov erleben, das Klassik bis Jazz für Saxofon bietet. Und warum nicht Samba ist Leben – also Samba é Vida – gleich im Anschluss in lauschiger Atmosphäre genießen? Um 17 Uhr gibt es, wie den ganzen Tag, wieder die Qual der Wahl. Einerseits gibt es unter anderem die Musikwerkstatt zum Mitsingen, bei der Xenia Preisenberger zu Improvisation, Stimmbildung und Bewegung einlädt, andererseits sorgt in Ilverich am Bücherschrank das Duo Almeida für lateinamerikanische und spanische Gitarrenklänge. Wer sich für Preisenberger entscheidet, kann auch gleich auf dem Sportplatz in Ossum-Bösinghoven bleiben. Immerhin klingt der Auftritt der Dompunks nach etwas Besonderem, denn die wollen Rock, Pop, Punk und neue geistliche Lieder aufführen.

Eine Stadt wird Musik

Ekaterina Somicheva und Stella Antwerpen – Foto © O-Ton

Besonderen Grund zur Freude hatte Porizko bei der Vorbereitung, dass sich gleich alle drei Musikschulen der Stadt zur Teilnahme entschlossen haben. Die Städtische Musikschule hat ein ganztägiges wie abwechslungsreiches Programm für Strümp vor dem eigenen Haus vorbereitet, im Rathauspark von Osterath präsentiert das Klavierstudio Koyama am Nachmittag Künstler aus der eigenen Schmiede und die Musicbox Oxana besetzt mit Solo, Duo und Ensemble den Marktplatz in Lank-Latum. Bei aller Unmöglichkeit, sämtliche Konzerte an diesem Tag zu besuchen, ist die Vorstellung einfach wunderbar, dass überall in Meerbusch Musik erklingen wird.

„Wir wollen uns musikalisch durch die Stadt bewegen, manchen dabei die Möglichkeit geben, die verschiedenen Stadtteile Meerbuschs überhaupt erst kennenzulernen“, zeigt auch Piegeler sich begeistert. Aber egal, in welchem Stadtteil man das letzte Konzert um 18 Uhr erlebt: Danach heißt es, sich zum großen Finale wieder im Park von Haus Meer zu versammeln. Ab 19 Uhr wird Pianist Severin von Eckardstein das Klavierkonzert a-moll op. 16 von Edvard Grieg gemeinsam mit der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg unter Leitung von Ekaterina Porizko aufführen. „Die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg ist ein international aufgestelltes Orchester, das 1990 von Absolventen des traditionsreichen St. Petersburger Staatskonservatoriums gegründet wurde. Seit nunmehr 22 Jahren ist das Orchester, einer der bedeutendsten musikalischen Botschafter Europas, in Köln zu Hause. Die heutigen Mitglieder kommen nicht nur aus ganz Europa, sondern beinahe aus der ganzen Welt“, erzählt die Dirigentin, nicht ganz ohne Stolz, von dem Orchester, das auch das anschließende Feuerwerk unter anderem aus der Fledermaus zünden wird. Tiina-Maria Enckelmann, Ekaterina Somicheva, Stella Antwerpen und Gregor Prächt werden dem Abend sängerischen Glanz verleihen.

Meerbusch wird sein erstes eigenes Musik-Festival erleben. In der Stadt hängen die großen Plakate aus, der Zuspruch aus der Bevölkerung ist jetzt schon gewaltig. Und, das betont Porizko, „Gäste von außerhalb sind herzlich willkommen“.

Michael S. Zerban