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Hintergründe

Matthäus-Projekt

Kantorin Ekaterina Porizko hat sich einen Traum erfüllt. Einmal im Leben wollte sie die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach aufführen. 2020 war es so weit. Als deutsch-russisches Projekt fand die Aufführung in St. Petersburg statt. Inzwischen ist die Aufnahme als CD erschienen. In ihrer Gemeinde stellt Porizko jetzt den zugehörigen Dokumentarfilm vor. Doch damit ist ihr Projekt noch lange nicht beendet.

Stella Antwerpen – Foto © O-Ton

Sie ist mächtig stolz. Mit strahlendem Lächeln empfängt sie an diesem Samstag ihre Gäste zur dritten Filmvorstellung. Damit rundet sich der erste Teil eines Projekts, von dem sie lange geträumt hat. Einmal im Leben – mindestens – wollte Ekaterina Porizko die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach aufführen. Geboren in Sankt Petersburg, studierte sie dort auch Musik und beendete ihr Studium an der Musikhochschule Stuttgart. Nach verschiedenen Zwischenstationen ist die Kirchenmusikerin, Organistin und Dirigentin seit 2017 Kantorin der Evangelischen Kirchengemeinde Meerbusch-Büderich und betreut drei Kirchen. Hier fand sie endlich die Bedingungen vor, die sie an eine Umsetzung ihres Traums glauben ließen. Nach anderthalb Jahren Vorbereitungszeit konnte das ersehnte deutsch-russische Projekt stattfinden. Vom 17. bis zum 25. Februar vergangenen Jahres reiste Porizko mit etwa 50 Choristen nach St. Petersburg, wo die Gruppe auf einen russischen Chor, einen russischen Kinderchor, ein 27-köpfiges Orchester und zehn Solisten traf. Nach einer knappen Woche Proben fand am 23. Februar die Aufführung in der Evangelisch-Lutherischen Marienkirche vor rund 1.000 Zuschauern statt.

Mitgereist sind auch der Dokumentarfilmer Frank Rother und sein Kameramann Werner Schmidtke. Ihre Bilder sind inzwischen von Florian Blum geschnitten und zu dem Film Musik ist mein Leben zusammengestellt. Theodor Naumow, Tonmeister am Marinskij-Theater, hat dem musikalischen Klang den letzten Schliff verliehen. Wie es sich gehört, sollen die Chormitglieder in Meerbusch-Büderich den Film als erste vorgestellt bekommen. Dazu hat Porizko gleich vier Vorstellungen in der Christuskirche Meerbusch anberaumt. Während es am Freitag mit der Technik haperte, ist für den Samstag alles bestens vorbereitet. Zu Beginn der Veranstaltung ordnet Pfarrer Wilfried Pahlke die Bedeutung der Matthäus-Passion aus Sicht der Kirche ein. Und ehe der Film endlich startet, schiebt Porizko noch eine musikalische Einlage ein. Hatte am Vortag Ekaterina Somicheva den sängerischen Part übernommen, trägt heute Stella Antwerpen zwei Arien aus der Matthäus-Passion vor: Buß und Reu‘ und Erbarm dich. Bei der Vorstellung am Sonntag ist dann noch einmal Somicheva zu hören, dann erklingen die Arien Blute uns, mein liebes Herz und Ich will dir mein Herze schenken.

Ekaterina Porizko – Foto © O-Ton

Vom Film selbst sei noch nicht allzu viel verraten, schließlich wird er offiziell erst bei der Filmschau Baden-Württemberg Anfang Dezember in Stuttgart der Öffentlichkeit vorgestellt. Rother stellt Arbeit und Person Porizkos ins Zentrum seines 36 Minuten dauernden Films. Mit Schmidtke begleitet er sie auf ihren Dienstgängen und lässt sie in Statements zu Wort kommen. Selbstverständlich gibt es auch eindrucksvolle Bilder von den Proben und der Vorstellung zu sehen. Auch hier bleibt Porizko im Vordergrund, aber die anwesenden Chorsänger und Solisten finden sich ebenfalls wieder. Besondere Stärke gewinnt der Film dann, wenn es um die Freude geht, 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wieder kulturelle Brücken zwischen Deutschland und Russland zu schlagen. Hier hat der russische Geiger, der zu Wort kommt, gute Nachrichten. Schnelle Schnitte und Überblendungen sorgen für Kurzweil, und die Anmerkungen Porizkos gehen auch schon mal unter die Haut. Entsprechend begeistert und ausgiebig fällt der Applaus der Zuschauer aus.

Mit dem Film allerdings schließt sich nur der erste Teil des Projekts, das die Dirigentin mit Feuereifer weitertreibt. Schließlich ist der Gegenbesuch der russischen Choristen geplant. Und damit wird auch klar, warum der Film in der Christuskirche gezeigt wird. Denn genau hier soll die Aufführung in Meerbusch stattfinden. Die Kirche zählt eher zu den kleineren Gotteshäusern. „Es wird kuschelig“, sagt Porizko lachend. Und familiär ist es ohnehin schon, denn das ganze Projekt ist spendenfinanziert, und da werden die Gäste aus Russland vor Ort in Familien untergebracht. Zwar gibt es mit dem 26. und 27. Februar kommenden Jahres bereits einen Termin für das Großereignis, das mindestens seit 50 Jahren in Meerbusch nicht stattgefunden hat, aber noch hängt das Damoklesschwert der Pandemie über dem Vorhaben. Porizko muss sich jetzt auf das Wohlwollen der russischen und der deutschen Behörden verlassen, ein Umstand, der sie eher mit Skepsis erfüllt. Trotzdem laufen die Vorbereitungen schon jetzt auf Höchsttouren. Und die Reaktionen auf die Filmvorführungen ermutigen die Kantorin. Da gibt es nicht nur neuerliche Spenden für das Projekt, sondern auch Sänger, die sich zurückmelden.

Hören kann man die Matthäus-Passion unter der musikalischen Leitung von Ekaterina Porizko schon seit Ende vergangenen Jahres. Da ist die Aufnahme auf CD erschienen (O-Ton berichtete). Bestellen kann man sie mit einer Mail an die Evangelische Kirchengemeinde Meerbusch-Büderich.

Michael S. Zerban