O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

Szenenfoto der Kammeroper Solarized - Foto © Krzysztof Bieliński

Hintergründe

Weniger sehen – besser hören

Seitdem es komponierte Musik gibt, regiert der Durchschnitt. Aber um die Juwelen unter den Kompositionen entdecken zu können, muss man einen Zugang dazu finden. Damit tun sich viele Menschen offenbar schwer, gerade, wenn es um Werke der Gegenwart geht. Marcin Stańczyk, selbst Komponist, hat seine ganz eigenen Vorstellungen, wie man das Publikum für bislang ungehörte Musik begeistern kann.

Marcin Stańczyk – Foto © Sebastian Glapinski

Marcin Stańczyk ist schon viel herumgekommen in der Welt. Wie viele polnische Künstler und Intellektuelle hat auch er nach Westen geschaut, hat sich umgeschaut in der deutschen, der französischen, der italienischen Szene, hat gelebt, studiert in Paris, in Rom. Szene meint in diesem Fall: die Szene der sogenannten neuen oder auch zeitgenössischen oder auch aktuellen Musik oder Gegenwartsmusik, also einer Kunstform, die sich beim großen Publikum keiner sonderlichen Beliebtheit erfreut. Sie gilt als schwierig, als schwer verständlich, als abgefahren, als kryptisch, ja, als elitär, obwohl sie gerade das nicht ist. Anders als bei der tonalen Musik, deren Formen man erst einmal verstanden haben muss, um sie genießen zu können, muss man bei der neuen Musik überhaupt nichts mitbringen – von der Bereitschaft, zuhören zu wollen einmal abgesehen.

Das ist im Fall des polnischen Komponisten Marcin Stańczyk auch nicht anders. Ja, bei ihm ist es sogar so, dass er seinem Publikum noch einmal extra entgegenkommt, um das Zuhören zu erleichtern, das Konzerterlebnis zu steigern. – Wie er das macht? Was er dazu macht? – Stańczyk verteilt Augenbinden vor seinen Konzerten, empfiehlt freiwillige Dunkelheit im Konzert.

Wie er dazu gekommen ist, hat einerseits mit seinem Weg als Komponist zu tun, seiner Begegnung mit der französischen Richtung der musique concrète um Pierre Schaeffer und François Bayle. Wobei letztere für ihre Konzerte das Orchester ja radikal abgeschafft hatten. Sie brauchten es nicht. Sie hatten Lautsprecher auf der Bühne. Das hat Stańczyk für sich korrigiert. Bei ihm gibt es wieder ausführende Musiker auf dem Podium. Manchmal lässt er sie sogar barfuß auf trockenem Laub herumgehen, lässt sie Tuchfühlung mit dem Publikum aufnehmen, so dass die Klänge auf einmal ganz nah am Ohr sind, bis sie sich im nächsten Moment wieder entfernen. Und vorausgesetzt, man hat den Vorschlag des Komponisten akzeptiert und sich auf Augenbinden eingelassen, hat man, daran glaubt Stańczyk fest, das perfekte Kino im Kopf.

Dazu muss man etwas ergänzen: Für die Idee eines solchen konsequenten Nur-Zuhörens hat der Komponist, der auch ein Faible für Philosophie entwickelt hat, in der Figur des altgriechischen Philosophen Pythagoras einen höchst prominenten Gewährsmann gefunden. Letzteren darf man sich getrost als einen Meisterdenker vorstellen, eine Autorität, die auf strengen Rahmenbedingungen bestand. Wer zu ihm kam, sollte Zuhörer sein und nichts sonst. Er selbst, derjenige, der die Vorlesungen gab, hielt sich, so wird überliefert, verborgen hinter einem Vorhang, was natürlich ein starkes Moment von Inszenierung hatte. Andererseits ist es genau das, worauf sich Stańczyk beruft: Augen schließen. Weniger sehen – besser hören.

Bliebe noch offen, wie die Musik dieses Marcin Stańczyk so klingt? – Eine Frage, die sich naturgemäß mit Worten nicht beschreiben, nicht beantworten lässt, andernfalls bräuchte es ja keine Musik. Was sich aber durchaus sagen lässt, ist, dass Stańczyk als Komponist einen langen Atem, die Fähigkeit hat, die Strecken zu weiten, ohne Spannung zu verlieren. Zeit geben, sich Zeit nehmen – das ist die Idee dahinter, weswegen auch die kurzen Stücke bei Stańczyk auf eigenartige Weise „lang“ klingen.

Und noch etwas sollte man in diesem Stańczyk-Kurzporträt nicht außen vor lassen. Anders als so manche Komponisten hierzulande, hat Stańczyk überhaupt keine Berührungsprobleme mit der sogenannten funktionalen oder angewandten Musik. Sprich: Stańczyk ist ein erfolgreicher, ein mehrfach ausgezeichneter, ein hervorragender Filmmusikkomponist.

Auch davon wird eine am 23. Juli von 22.05 bis 22.50 Uhr ausgestrahlte Deutschlandfunk-Sendung erzählen, Beispiele geben. Deren Titel ist passenderweise von einem Film entlehnt, der unter dem englischen Titel Dark, almost night auch in deutschen Kinos lief und zu dem Stańczyk die Musik geschrieben hat.

Georg Beck