O-Ton

Kulturmagazin mit Charakter

WDR-Sinfonieorchester - Foto © WDR

Hintergründe

Rückbesinnung auf das Neue

Ganz zaghaft wagt sich der Westdeutsche Rundfunk an ein Thema, für das er einmal eine Kernkompetenz hatte: die neue Musik. Zwölf kleine Stücke hat der Hörfunksender jetzt bei Komponisten in Auftrag gegeben, die ab 28. Mai in monatlichen Abständen vorgestellt werden. Eingespielt werden die Kurzwerke vom WDR-Sinfonieorchester.

Harry Vogt – Foto © O-Ton

1951 war rückblickend ein historisches Jahr für den Westdeutschen Rundfunk. In diesem Jahr wurden die Weichen für die neue Musik der kommenden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gestellt. In Köln fiel der Beschluss, ein Studio für elektronische Musik einzurichten, das im wörtlichen Sinn verrückt war und für zahlreiche „Skandale“ sorgte. Beim Nordwestdeutschen Rundfunk wurde die Sendung Konzerte für neue Musik unter der Künstlerischen Leitung von Erich Winkler ins Leben gerufen, in der in der Folge über 500 Uraufführungen vorgestellt wurden. Igor Strawinsky, Karlheinz Stockhausen, Hans Werner Henze und Bernd Alois Zimmermann sind nur wenige der Komponisten, die hier ihre Werke vorstellten. Das Studio für elektronische Musik ist seit Jahren in einem Keller in Köln-Ossendorf eingemottet, und wenn sich Harry Vogt, der seit 1997 die Leitung der Sendung innehat, die seit 1954 Musik der Zeit heißt, in den Ruhestand verabschiedet, wird vermutlich auch diese Ära zu Ende gehen.

Bis dahin allerdings wird Vogt nicht müde, sich für die neue Musik einzusetzen. Im April noch hat er die Wittener Tage für neue Kammermusik als Radio- und Stream-Erlebnis ausgerichtet, entgegen aller Schwierigkeiten, die weit über die Corona-Beschränkungen hinausgingen. Ausgerechnet in Cristian Măcelaru hat er einen Mitstreiter gefunden, mit dem er nun auch ein neues Projekt auf die Schiene setzen konnte. Măcelaru ist seit zwei Jahren Chefdirigent des WDR-Sinfonieorchesters und steht eigentlich, so sollte man annehmen, für die Komponisten, die in Wien einst für Furore sorgten. Aber weit gefehlt. „Jede Generation braucht ihre Musik, sie entsteht im Hier und Jetzt. Musik spiegelt Sehnsüchte, Träume und Hoffnungen“, sagt er, als das Projekt Miniaturen der Zeit vorgestellt wird, eine Idee, die Vogt und Măcelaru gemeinsam entwickelt haben. Eine Welt ohne zeitgenössische Klänge sei für ihn nicht nur ärmer, sondern schlicht unvorstellbar. Hört, hört! Dabei ist der große Anspruch dann doch etwas kleinteiliger, als man nach den großen Worten vermuten möchte. Statt großer Sinfonien wird es zwölf Miniaturen geben, also Kleinstwerke, und die werden über ein ganzes Jahr verteilt. Dazu hat der WDR Komponisten aus Deutschland, Europa und Nordamerika gebeten, „ihren Gedanken in pointierten Orchesterminiaturen einen unverwechselbaren musikalischen Ausdruck zu verleihen“. Die Notenschreiber bekommen dabei keine weiteren Auflagen, auch wenn man sich wünscht, dass sie einen konkreten Gegenwartsbezug schaffen. Die Orchesterminiaturen werden vom WDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Măcelaru eingespielt und so wohldosiert an das Publikum weitergegeben, dass man als Hörer schon echtes Interesse zeigen muss, um all diese Mini-Stücke im Programm wiederzufinden. Trotzdem ist die Vorfreude im Funkhaus am Wallrafplatz groß.

Charlotte Bray – Foto © David Beercraft

Valerie Weber ist als Programmdirektorin unter anderem für das Kulturprogramm im Sender zuständig. „Seit Ausbruch der Pandemie im letzten Jahr engagieren sich die öffentlich-rechtlichen Kulturradios wie WDR 3 mit vielen Programmideen, um die kulturelle Arbeit und vor allem die Künstler zu unterstützen. Wir freuen uns sehr, dass wir nun zwölf von uns beauftragte aktuelle Werke im Radio uraufführen werden. Dazu begleiten wir den schöpferischen Prozess von der Entstehung bis zur Aufführung für das Publikum ganz transparent“, sagt sie. Ob ihre Einschätzung, was die Unterstützung von Künstlern angeht, einer Überprüfung standhält, sei dahingestellt. Gefühlt ist bei WDR 3 in den letzten anderthalb Jahren nicht ansatzweise irgendein Engagement für Künstler erkennbar gewesen. Eigenproduktionen und bekannte Namen standen auf den Programmlisten; von den Künstlern, die nicht ohnehin schon oben auf der Welle schwammen, war bei WDR 3 kaum etwas zu hören. Da hätte man mit ein wenig Fantasie eine Menge bewirken können.

Aber so ist die Freude über die Aufträge an Komponisten der Gegenwart umso größer. Und Vogt denkt vor allem an Abstrahleffekte für Musik der Zeit. „Ich freue mich auf dieses Experiment in zwölf Teilen oder besser: Werken. Wir wollen auch die Menschen auf zeitgenössische Musik neugierig machen, die sich bisher noch nicht in ein Konzert unserer WDR-3-Reihe Musik der Zeit getraut haben“, sagt er.

Den Reigen eröffnet am 28. Mai auf WDR 3 irgendwann in der Zeit zwischen 15 und 16 Uhr, das ist die Zeit, in der die meisten Menschen einer beruflichen Tätigkeit nachgehen und keine Zeit haben, Radio zu hören, Charlotte Bray mit Where Icebergs Dance Away. Es geht also um den Klimawandel. Erfreulich dabei ist, dass die gehörte Kostprobe nicht sehr nach politischer Korrektheit klingt, sondern durchaus eindrucksvolle Musik ist. Folgen wird am 11. Juni zur gleichen Tageszeit ein kleines Stück von Dai Fujikura mit dem Namen Entwine, also etwa Verflechtung. Des Weiteren kommen Themen wie Sehnsucht nach menschlicher Betreuung, die Erfahrung von Einsamkeit oder um vom Aussterben bedrohte Bienen vor. Das klingt eher wie eine Parodie auf Musik, aber davon soll man sich nicht täuschen lassen. Immerhin ist es dem WDR gelungen, auch Komponisten wie Vito Žuraj, Birke Bertelsmeier, Malika Kishino, Sarah Nemtsov und Nico Muhly zu beauftragen. Dass hier die Namen vieler Künstler aus Nordrhein-Westfalen fehlen, soll kein Grund zur Beunruhigung sein. Schließlich sind erst zehn der Aufträge vergeben. Da können sich also noch alle interessierten Komponisten aus dem Sendegebiet bewerben.

Michael S. Zerban