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Hintergründe

Rassismus in der Hochkultur

Farbigkeit findet sich in der klassischen Musik oft, aber selten in Menschengestalt. Erst kürzlich hat Brandon Keith Brown den Rassismus in Konzertsälen und auf Opernbühnen angeprangert. Damit ist die Diskussion eröffnet, inwieweit der so genannten Hochkultur Rassismus vorzuwerfen ist. Oder ob die Gründe für das geringe Vorhandensein farbiger Musiker in der Klassik nicht doch tiefer liegen. Ein Essay.

Dean Dixon – Foto © N.N.

Schwarze Musikerinnen und Musiker sind im Konzertsaal immer noch keine Selbstverständlichkeit. Wir werden immer als etwas Unerwartetes bestaunt, wenn wir die Bühne eines klassischen Orchesters betreten. Wir gelten unbewusst als minderwertig – einfach, weil wir schwarz sind.“ Harte Vorwürfe, die der amerikanische Dirigent Brandon Keith Brown im Deutschlandfunk im Umfeld der jüngsten Rassenunruhen in Amerika äußerte. Noch heftiger klingt Browns These, im klassischen Musikbetrieb werde nicht die Musik verkauft, „sondern hier wird im Grunde nur die Überlegenheit der weißen Rasse verkauft. Das klingt jetzt sehr abstoßend und ekelhaft – weil es abstoßend und ekelhaft ist.“

Überlegenheit der weißen Rasse, Rassismus in der klassischen „Hochkultur“? Brown hat sicher Recht, wenn er beklagt, dass schwarze Musiker am Dirigentenpult und im Orchestergraben einen verschwindend kleinen Anteil einnehmen. Selbst und vor allem in Amerika, wo Schwarze keine Minderheit wie in Europa bilden, sind in den klassischen Orchestern weniger als zwei Prozent der Stellen mit Schwarzen besetzt. Bereits dieser Fakt schon lässt erkennen, dass Browns Rundumschlag einer differenzierteren Betrachtung bedarf. Denn in Europa spielt die schwarze Bevölkerung zahlenmäßig und soziokulturell ohnehin eine andere Rolle als in Amerika. Wobei Brown nicht vergessen sollte, dass die zugegeben wenigen schwarzen Dirigenten und Gesangsstars ihre Karriere Engagements in Europa zu verdanken haben. Erinnert sei nur an den unvergessenen Dean Dixon, den ersten schwarzen Dirigenten, der es zu Berühmtheit gebracht hat. Obwohl glänzend ausgebildet, konnte er erst in Amerika Fuß fassen, als er sich unter anderem als Chefdirigent des Radio-Symphonie-Orchesters Frankfurt von 1961 bis 1974 einen Namen gemacht hatte. Was auch für die meisten Sänger-Berühmtheiten gilt. Bis 1954 blieb die New Yorker Met schwarzen Sängern versperrt. Intendant Rudolf Bing hatte massive Widerstände zu überwinden, als er als erste farbige Sängerin die Altistin Marian Anderson verpflichten wollte. Leontyne Price durfte 1961 immerhin schon Verdi an der Met singen. Doch voll akzeptiert wurde sie in Amerika erst, wie auch Jessye Norman, Simon Estes, Grace Bumbry und viele andere, nachdem sie in Europa zu Ruhm und Ehren gekommen ist.

„Ein Neger, der Brahms kann? Unmöglich!“

Die Reaktionen auf die Auftritte schwarzer Künstler auf dem klassischen Parkett waren zwar auch in Europa mit Vorurteilen gespickt, aber immerhin konnten sie in Europa auftreten und sich entwickeln. Furtwänglers berüchtigtes Zitat „Ein Neger, der Brahms kann? Unmöglich!“ als Replik auf das Debüt Dean Dixons wird dadurch sicher nicht sympathischer. Dass Grace Bumbry in ihrem legendären Auftritt in Wieland Wagners Bayreuther Tannhäuser als „Schwarze Venus“ in die Annalen einging, drückt neben mancher Irritation mehr Bewunderung als rassistische Vorbehalte aus.

Browns provokativer Vorwurf, er habe „noch nie auf einer CD einen Schwarzen als Dirigenten“ gesehen, trifft insofern ins Leere, als sowohl Dean Dixon als auch Wayne Marschall, der Leiter des Kölner Rundfunkorchesters, mehrfach auf Covern abgebildet wurden. Dass so wenige Schwarze in Amerika die Chance haben, eine klassische Musikerkarriere erfolgreich zu starten, hat nach Meinung des ehemaligen Aachener Generalmusikdirektors Kazem Abdullah mit den sozialen Benachteiligungen im Bildungsbereich zu tun. Das betrifft prekäre Schichten der weißen Bevölkerung nicht minder. Auch in Europa. Ein strukturelles oder essenzielles Problem der klassischen Musik ist es nicht. Es ist einfach eine Tatsache, dass sich die großen klassisch-romantischen Traditionen in Europa gegründet und entwickelt haben und naturgemäß „weißen“ Wurzeln entstammen. Doch damit verschließen sie sich nicht zwangsläufig Menschen anderer kultureller Herkünfte.

Beethoven hat sich nicht gescheut, die berühmte „Kreutzer-Sonate“ ursprünglich einem der ganz wenigen schwarzen Geiger seiner Zeit, George Bridgetower, widmen zu wollen. Dass es dazu nicht gekommen ist, ist lediglich persönlichen Streitigkeiten um eine Dame zu verdanken, so dass er die Sonate letztlich dem Franzosen Rodolphe Kreutzer widmete, der sie nicht ein einziges Mal gespielt hat. Und Antonín Dvořák ließ es sich nicht nehmen, als Direktor des New Yorker Konservatoriums schwarze Studenten aufzunehmen. Nicht ohne Widerstände.

Hochkultur ist keine Insel der Seligen

Jeder schwarze Künstler hat auch in Europa mit Vorteilen zu kämpfen, so wie jeder schwarze Bürger. Diese Erfahrung hat auch Kazem Abdullah machen müssen, wenn ihm schon einmal der Zugang zum Künstlereingang verwehrt wurde, weil sich der Pförtner einen Schwarzen nicht als Dirigent vorstellen konnte oder Leute verwundert blicken, wenn er als Schwarzer in der Business Class fliegt.

Das sind zwar keine offenen rassistischen Anfeindungen, dennoch verletzen solche Erlebnisse. Ebenso die latente Skepsis, ob Schwarze das klassisch-romantische Repertoire ebenso kompetent interpretieren können wie ihre weißen Kollegen. Veranstalter erwarten von ihnen oft einseitig amerikanisch zugeschnittene Programme. Und Sänger wie Simon Estes oder Leontyne Price haben sich lange dagegen wehren müssen, allenfalls als „Porgy and Bess“ in der nicht geradezu klischeefreien Oper von George Gershwin akzeptiert zu werden.

Offenen Rassismus wie in Amerika hat Kazem Abdullah in Aachen nicht erfahren müssen, auch wenn die Gründe für die überraschende Ablehnung seiner Vertragsverlängerung durch die Stadt bis heute im Verborgenen geblieben sind. „Ich habe in meiner beruflichen Arbeit in Aachen mit Musikern oder Mitarbeitern des Theaters nie Rassismus erlebt. Es war großartig, mit meinen ehemaligen Kollegen im Theater und im Orchester zusammenzuarbeiten und wir haben hervorragende Leistungen und ein sehr hohes Niveau erzielt. Ich fand auch herzliche und ermutigende Unterstützung beim Publikum und in vielen Teilen der Aachener Öffentlichkeit“, sagt der Dirigent.

Allerdings erinnert er sich auch einen Vorfall, den er als „(vielleicht) unbewussten, aber offensichtlichen Rassismus“ empfand. „Während der Diskussionen über meine Vertragsverlängerung sagte mir am Ende eine der Verantwortlichen, ich hätte kein Problem damit, einen neuen Job zu finden, weil Deutschland so ‚multikulti‘ sei. Dies war für mich die offenste rassistische Aussage, die ich in Aachen erlebt habe. Obwohl ich schwarz sei, hätte ich gute Chancen, einen anderen Job in Deutschland zu bekommen. Für mich ist dies die gefährlichste Art von Rassismus“, erzählt er.

Die „Hochkultur“ ist keine Insel der Seligen. Schillers und Beethovens Credo „Alle Menschen werden Brüder“ ist als Utopie zu verstehen, die in der Realität bis heute nicht angekommen ist. Auch die klassische Szene spiegelt die allgemeine gesellschaftliche Situation der Schwarzen und anderer Minderheiten wider. Mit allen Vorurteilen und auch Diskriminierungen. Die Kunst selbst ist klischeefrei, der Umgang mit ihr und die Zugangsvoraussetzungen zu ihr nicht. Und daran wird sich nichts ändern, wenn man sich nicht beherzt der einzigen wirklich sinnvollen Erkenntnis der PISA-Studien annimmt, der sozial bedingten Ungleichheit der Bildungschancen. Solange nicht jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft oder sozialen Stellung optimale Bildungschancen eingeräumt werden, wird die „Klassik“ den Geruch einer elitären Kaste nicht abstreifen können.

Pedro Obiera