Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
SOUVENIR DE FLORENCE
(Wolfgang Amadeus Mozart, Christopher Huber, Pjotr I. Tschaikowski)
Besuch am
10. April 2026
(Einmalige Aufführung)
Wie im Jazz sind hin und wieder auch Klassikkonzerte vor Überraschungen nicht gefeit. Lange im Vorfeld, bis zum Abend der Veranstaltung, war auf der Homepage, in Mails und auf Plakaten eins der beiden Ricercare aus Johann Sebastian Bachs Sammlung Musikalisches Opfer als erster Programmpunkt im Wuppertaler Zentrum Emmaus angekündigt. Doch auf dem Programmzettel steht stattdessen das Divertimento in D-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart. Werner Dickel, künstlerischer Leiter der Reihe Musik auf dem Cronenberg, begründet gleich zu Beginn die kurzfristige Änderung damit, dass das Stück besser zum Frühling passe. Gut, Bachs Musikalisches Opfer ist wie seine Kunst der Fuge zeitlos. Sie können zu jeder Jahreszeit gespielt werden wie auch Mozarts Divertimenti. Nur sind sie herzerfrischende Unterhaltungsstücke, die damals für die abendlichen Konzerte bei Hofe bestimmt waren. Und das Erwähnte gehört, salopp ausgedrückt, mit zu den Egerländer Welthits der Wiener Klassik.
Also ist es durchaus legitim, passend zum Frühlingserwachen, wenn es anfängt zu grünen und zu blühen, solch galante Musik aufzuführen. Und wenn das KV 136 dann auch noch schön phrasiert und differenziert zum Erklingen gebracht wird, steht guter Unterhaltung nichts mehr im Weg. Doch daran hapert es ein wenig. Die Mitglieder der Kammerphilharmonie Wuppertal mit Primgeiger Christopher Huber, Geigerin Katharina Scheer, den beiden Bratschisten Werner Dickel und Birthe Metzler, Cellist Mate Feher sowie Andrew Lee am Kontrabass präsentieren sich zwar als ausgezeichnete Instrumentalisten. Doch das Zusammenspiel kommt nicht immer wie aus einem Guss daher, ist bei schnellen Abschnitten nicht immer hundertprozentig synchron. Bei musikalischen Linien im Unisono sind Intonationsungenauigkeiten dann unüberhörbar, wenn etwa eine der beiden Geigen den gleichen Ton nicht lupenrein spielt.

Foto © Karl-Heinz Krauskopf
Mozart komponierte das Divertimento nach seiner zweiten Italienreise in Salzburg im reinen italienischen Stil. Pjotr Iljitsch Tschaikowski drückte dagegen seine Stimmungen – dramatisch aufgewühlte Emotionen im anfänglichen Allegro, seine in jeder Hinsicht schönen Erlebnisse und Erinnerungen – in seinem einzigen Streichsextett aus, das er nach seinem Florenz-Aufenthalt 1890 auf seinem Landsitz in Frolowskoje verfasste. In diesem Opus 70 in d-Moll demonstriert er seine hohe Meisterschaft der kontrapunktischen Behandlung der Themen in der Durchführung des Kopfsatzes und exzellente Beherrschung des Fugen-Stils im Finale, die an sein großes Vorbild Johannes Brahms gemahnen. Es ist ein brillantes polyphones viersätziges Werk, in dem die sechs Instrumente über weite Strecken selbstständig in Erscheinung treten und trotz italienischer Bezüge wie das idyllische Seitenthema des ersten Satzes und das sich anschließende Adagio Musik im Tenor seiner Heimat Russland dominiert. Auch hier legen sich die sechs Streicher schwungvoll in den drei Allegro-Sätzen ins Zeug, und gestalten das Adagio cantabile mit hochmusikalischen Spannungsbögen. Aber auch bei diesem Stück klingen gerade in den hohen Tongefilden manche schnellen Töne nicht genau. Außerdem können die polyphonen Strukturen wie die Ausarbeitung der changierenden Stimmführung differenzierter zu Gehör gebracht werden. Und die komplexe finale Fuge steht kurz davor auseinanderzudriften, als ein Instrument kurz den Faden verliert.
Die beiden Werke rahmen die viersätzige Old English Suite ein. Christopher Huber komponierte sie zur Zeit des Corona-Lockdowns, und nun wird sie erstmals aufgeführt. Die ersten beiden Teile mit den Bezeichnungen und Untertitel Acennan – gebären sowie Murnan – trauern sind stilistisch eindeutig Minimal Music nach Art des US-amerikanischen Komponisten John Adams, der bekannteste Vertreter dieser Musikströmung. Melodische Motive wiederholen sich ununterbrochen, wobei sich Klangdichte und -farbe wie Dynamiken und Tempi nur allmählich leicht verändern. Auch der dritte Abschnitt ähnelt dieser Form, ist dennoch anders. Er erinnert mit dem Dreiklangmotiv an den Tintinnabuli-Stil des estnischen Komponisten Arvo Pärt, den er angesichts seiner mythischen Erfahrung mit dem Kirchengesang entwickelte. Die Dreiklangstimme wiederholt sich wie eine Schleife in dem ebenfalls minimalistischen, langsamen, meditativ gehaltenen Gebidden – beten. Und im Finale Cyban – enthüllen geht es schrill, aufgewühlt richtig zur Sache. Die Uraufführung der Suite erklingt sehr homogen und nuanciert dank klarer Gestaltung der musikalischen Linien, feiner dynamischer Abstufungen und exakter Wiedergabe der musikalischen Gewichte ausgesprochen packend.
Das Publikum im bis auf den letzten Stuhl besetzten Sakralbau spendet frenetischen, nicht enden wollenden Schlussapplaus. Dafür bedanken sich die sechs Streicher mit der Wiederholung der finalen Fuge des Tschaikowski-Stücks. Dieses Mal gibt es keine Aussetzer, klingt aber immer noch genauso wenig durchhörbar.
Hartmut Sassenhausen