Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
DIE WUTFLUT
(Studiengang Dramaturgie Bayerische Theaterakademie)
Besuch am
15. Juni 2026
(Premiere am 13. Juni 2026)
Nach vierzig Minuten hat die Flut auf der Bühne komplett Gestalt angenommen: Als Fünfergruppe mit roten Schuhen und Stiefeln stehen die fünf jungen Frauen dem Publikum stampfend, schnaufend und schreiend gegenüber und bringen die weibliche Wut in der Form eines gemeinsamen Manifestes zum Ausdruck, um sich gegen „patriarchalische Strukturen zur Wehr zu setzen“.
So steht es im Programmheft im Text von Adele Bernhard zu Die Wutflut – Ein feministisches Wutprojekt, der frühsommerlichen Münchner Produktion des Studiengangs Dramaturgie der Bayerischen Theaterakademie August Everding, in diesem Fall zum Abschluss des ersten Studienjahrs. Der Text bietet auch sonst einen sehr hilfreichen Leitfaden für den eine knappe Stunde kurzen, aber geballten Abend. Es liegt auf der Hand, dass in dieser kompakten Form feministische Positionen nicht im Detail vorgestellt oder diskutiert werden. Vielmehr handelt es sich um eine dichte und temporeiche Bestandsaufnahme dessen, was sich über lange Zeit an weiblicher Wut, nicht zuletzt hinter den Kulissen der Kultur- und Unterhaltungsbranche aufgestaut hat.

Foto © Alvise Predieri
Bedenken, dass das Thema bleischwer behandelt werden könnte, sind durch den atmosphärisch starken Rahmen schnell vergessen, sobald der Vorhang zur Seite geschoben wird. Die zuvor darauf zu sehenden Projektionen fließenden Wassers sind nun auf Wandschirmen zu sehen, die die Spielfläche abgrenzen und in deren Hintergrund das Instrumentaltrio Der gelbe Klang mit Oliver Klenk, Marco Riccelli und Claire Sirjacobs zu erleben ist – zunächst mit leicht irritierenden Geräuschen des präparierten Flügels und der Klangschale, dann auch einfühlsam begleitend in wechselnden Bläser- und Klavierarrangements. Im vorderen rechten Bühnenabschnitt steht ein gläsernes Wasserbassin, das schon gut gefüllt ist und in das Tropfen von einem darüber hängenden Eisblock fallen. Bald könnte es überlaufen. Nach aus dem Off gesprochenen Worten aus dem Essay Das Lachen der Medusa von Hélène Cisoux werden Bezüge zur antiken Mythologie in Flowers aus Hadestown von Anaïs Mitchell weitergesponnen. Der Song wird dort von Eurydike gesungen, bevor Orpheus sie vergeblich aus der Unterwelt zu befreien versucht, und in der Wutflut trägt ihn Anika Maria Wick, Akademie-Studentin im Fach Musical, mit gekonnter Steigerung vor.
Mit ihrer Jahrgangskollegin Katharina Windisch entspinnt sich im Folgenden ein Wechselspiel und ein Dialog um Erwartungen, vor allem männliche Erwartungen bezogen auf Weiblichkeit, gerade auch im Theaterbetrieb und beim Casting für Musicals. Es wird aber auch deutlich, dass keineswegs nur Kritik an Männern geübt wird, sondern auch an den Strukturen, denen sich junge Frauen selbst im Wettbewerb miteinander unterwerfen. Dazu hat Wick auch einen eigenen Text mit dem Titel Ich bin schön eingebaut. Das gemeinsame Duett mit Windisch Take me or leave me aus dem Erfolgsmusical Rent hat dabei noch auflockernden Charakter, bevor die beiden Darstellerinnen später zur dröhnenden Einspielung von Bikini grell der Deutsch-Rapperin Ikkimel einen virtuosen Stepptanz hinlegen und schließlich wie erschöpft zusammenbrechen.

Foto © Alvise Predieri
Mit dem Song 3 Sekunden von Céline und Paula Hartmann hat Windisch dann einen stimmstarken Auftritt, zu dem das Schmelzwasser im Bassin von der hier stummen Wick um blutrote Tropfen aus einer Pipette angereichert wird. Von den mythologischen Assoziationen des Anfangs ist der Bogen so schnell, aber durchaus einleuchtend zu heutigen Alltagserfahrungen junger Frauen geschlagen worden, die sich im Stadt- und Nachtleben nie sicher vor männlichen Übergriffen fühlen können. Nicht ganz so überzeugend in der Abfolge sind durch den pathetischen Stil der Komposition die Musical-Nummern Woman aus Pirate Queen und Beautiful Fool aus The Great Gatsby, die von Wick und Windisch aber ebenfalls überzeugend interpretiert werden.
Auch die roten Tropfen bringen am Ende das Fass gleichsam zum Überlaufen und den hier bereits erwähnten Auftritt von Adele Bernhard, Tolja Haß, Katharina Marie Lebmeier und Uma Tholen als Mitstreiterinnen des Gesangsduos, mit dem sie sich zum Bewegungs- und Sprechchor vereinigen. Das Plädoyer, dass die Wut die Seiten wechseln, also eine feministische Gegenkraft zur Aggression gegenüber Frauen angestrebt werden muss, bildet den Abschluss. Beim Applaus gesellt sich mit Hannah Schwarz noch die fünfte der Studentinnen im Kooperationsstudiengang Dramaturgie der Ludwig-Maximilians-Universität München hinzu, die für die Konzeption und Umsetzung der kollektiv verantworteten Produktion verantwortlich sind.
Danach gibt es heftigen Applaus im vollbesetzten Akademiestudio der Theaterakademie, sicherlich auch von vielen Kommilitonen. Beim Impuls, etwas zu verändern, konnte man sich aus männlicher Perspektive letztlich auch solidarisch fühlen, da zwar wie erwähnt bestimmte Verhaltensmuster, nicht aber Geschlechterverhältnisse grundsätzlich attackiert wurden. Ganz im Sinn gut konzipierter Performance-Kunst, zumal in Verbindung mit Gesang und Musik, konnte man sich tatsächlich ein wenig wie von einer kräftigen Welle erfasst und ein Stück weit mitgenommen fühlen, nachdem man zwischenzeitlich und nur kurz geglaubt hatte, in etwas seichterem Wasser zu stehen.
Sebastian Stauss