Kulturmagazin mit Charakter

Aktuelle Aufführungen
COSÌ
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
21. Juli 2026
(Premiere am 17. Juli 2026)
Für das Gartenbild im zweiten Akt von Mozarts und Da Pontes vermeintlicher Liebeskomödie geht die Spielleiterfigur zum am Bühnenrand stehenden Konzertflügel, in dem zwei bunte Leuchtstoffröhren versteckt liegen. Mit ihnen setzen Ferrando und Guglielmo zunächst wie zum Lichtschwertduell an, bevor sie die Spielgeräte dann quasi zum Ganzkörperscanner umfunktionieren und auf der Suche nach möglichen Liebespartnern die Seiten der quadratischen weißen Spielfläche ablaufen, wo das Publikum im Akademietheater Platz genommen hat. Zur Klavierbegleitung von Csinszka Rédai, Korrepetitorin und diesmal musikalische Leiterin im Kooperationsstudiengang Musiktheater/Operngesang der Bayerischen Theaterakademie August Everrding mit der Hochschule für Musik und Theater München, ist an dieser Stelle sogar das Duett mit Chor zu hören. Das stellt eine willkommene Auflockerung in der gekürzten Fassung von Così fan tutte dar, die hier gespielt wird und sich zum Ende der Saison und des Schuljahres vor allem an ein jugendliches Publikum richtet.
Denn das Grundkonzept von Così las sich in der Vorschau noch gefährlich wie das Heraufbeschwören eines Papiertigers. Angekündigt war eine Version der Oper als „Rezitativprojekt“, also ganz ohne die Arien und Ensembles, ohne die geschlossenen Nummern. Das wird vorab auch noch fachkundig, aber unkompliziert in der Einführung für Schulklassen von Adele Bernhard und Hannah Schwarz erklärt, die im Studiengang Dramaturgie der Theaterakademie für die Produktion verantwortlich zeichnen. Man wird auch von den beiden hilfreich darauf eingestimmt, dass diesmal nicht sechs Sänger, aufgeteilt und festgelegt auf drei weibliche und drei männliche Rollen, zu erleben sind. Stattdessen haben die zu fünft besetzten Frauenpartien ein Übergewicht, was wohl auch eher den üblichen geschlechterbezogenen Zahlenverhältnissen im Studium entspricht. Aber es wirkt in der knapp einstündigen Fassung von Mozarts Oper am Ende überhaupt nicht so, als ob jemand partout „beschäftigt“ werden musste, wiewohl der szenische Leiter des Studiengangs und Regisseur Balázs Kovalik ganz klar individuell auf die Studenten eingegangen ist. Ein paar geschlossene Teile, hier zumindest ein kurzes arioses Stück von Alfonso, dort eine Ensemble- und wie erwähnt eine Chorstelle, garantieren letztlich auch ein durchaus spritziges, wenngleich von Secco-Rezitativen dominiertes Kurzopernerlebnis.

Foto © Cordula Treml
Und es gelingt tatsächlich ein sehr schauspielnahes Erlebnis, was die Textgestaltung betrifft. Für die Grundfragen der Inszenierung, wer und wie geliebt wird und was passiert, wenn mit der Liebe gespielt wird, versammeln sich die Sänger wie eine Therapie- oder Seminargruppe zunächst in einem Stuhlkreis. Dann nimmt das Spiel im Raum Fahrt auf, und nur ein paar Momente, die überdeutlich den Charakter von Spielübungen tragen, bremsen den szenischen und musikalischen Fluss zum Ende hin leicht. Etwa wenn Laura Richter mit klar konturiertem Sopran Bedauern über die weibliche Untreue zum Ausdruck bringt, aber von den Mitstreiterinnen wie auf Knopfdruck kollektiv niedergelacht wird. Dass danach auch noch kurze Wiederholungsschleifen eingebaut sind, um dieselben Textstellen mit unterschiedlichem emotionalem Ausdruck darbieten zu können, ruft gerade bei den Schülern im Publikum eine erkennbare Erschöpfung hervor. Die unterscheidet sich wohlgemerkt von der putzigen Verlegenheit, mit der relativ zu Beginn der erste Wortwechsel zwischen Despina und Don Alfonso verfolgt worden ist. Madeleine Shari Wulff und Luis Weidlich machen daraus eine kurze erotische Kontaktaufnahme auf der Tischfläche. Was peinlich werden und in Verrenkungen ausarten könnte, geht dank der beiden darstellerisch locker und mit angenehm klingenden tiefen Tönen vonstatten. Einen überraschenden Rollentausch gibt es wenig später, wenn Tatsuki Sakamoto mit sehr gut verständlichem Bariton vom Guglielmo kurz zur Despina wechselt und die Frage in den Raum wirft, warum nicht auch ein Japaner zwei Verehrer haben könnte. Auch hier ist es amüsant zu beobachten, wie die Schüler sich umsehen, ob sie richtig gehört haben.

Foto © Cordula Treml
Die behutsam angepasste deutsche Textfassung von Werner Hintze bewährt sich an diesen Stellen ebenfalls. Auf in der Oper gewohntem, emotional eindeutigem Terrain ist man dagegen bei den Accompagnato-Rezitativen, in denen dank Rédai am Flügel zwar instrumentale Farben, nicht aber wichtige Begleitfiguren fehlen. Sie unterstützen Katja Maderer ebenso dabei, die zunächst unerschütterliche Position von Fiordiligi stark zum Ausdruck zu bringen, wie ihr Nachgeben von Viktoria Matt treffend als kurzes Lamento und Zusammensinken vorgeführt wird. Als Dorabella und Ferrando nutzen Julia Schneider und Haozhou Hu die ihren Verzweiflungsarien vorausgehenden Takte so gekonnt, dass man die anschließenden „Fehlstellen“ bedauert, aber angesichts des konsequenten szenischen Bogens gerne einmal so hinnimmt. Er endet denn auch nicht damit, dass Paare einander wiederfänden, die sich ursprünglich Treue geschworen hätten. Stattdessen stehen Alfonsos Worten gemäß grundsätzlich zum Heiraten bereite Frauen den Männern gegenüber. Bevor der dazu aus einer Korbflasche ausgeschenkte Wein allerdings zu viele rote Spuren auf dem Weiß der Spielfläche hinterlässt, geht gnädig das von Ramona Lehnert zuvor fein abgestufte Licht aus.
Der Applaus nach der Schulvorstellung, einer Matinee, ist freundlich, auch wenn er durch das abrupte Ende etwas zögerlich einsetzt. Wie es auch für studentische Aufführungen mittlerweile Usus ist, gibt es im Nachgang die Möglichkeit, an einem Nachgespräch teilzunehmen. Und so neugierig der Vormittag das junge Publikum auf die komplette Oper gemacht haben sollte, so wohltuend wirkt, dass er einen unverdünnten, kompakten Eindruck von ihrer Vielschichtigkeit vermittelt.
Sebastian Stauss