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Aktuelle Aufführungen
AUF UND AB
(Nino Rota, Darius Milhaud)
Besuch am
18. März 2026
(Premiere)
Prinzregententheater, Bayerische Theaterakademie August Everding, München
Schon hat sich die Gesellschaft an der langen Hochzeitstafel so gut wie aufgelöst; doch da setzt die Mutter der Braut noch zu einem philosophischem Wortbeitrag darüber an, wie ein Teilchen von einem Ort zum anderen gelangt. Oder geht es darum, wo Zeit hineingesteckt wird? Man wird im Publikum vom Text dadurch leicht abgelenkt, dass die Rednerin zur Verdeutlichung ihrer Betrachtungen die Hochzeitstorte heranzieht und davon nicht unbedingt manierlich isst. So erheiternd das für einen Moment anmutet, ist es aber doch nur ein Zwischenspiel, bevor zu den fetzigen Klängen der Orchesterfantasie Le bœuf sur le toit von Darius Milhaud die Tafel abgeräumt und damit wieder für das eigentliche Ereignis Platz geschaffen wird: zwei Opernraritäten des 20. Jahrhunderts mit hervorragenden Nachwuchskräften auf der Bühne.
An dieser Stelle ist von dem Abend mit dem Titel Auf und ab, der eben vor allem aus den beiden Operneinaktern I due timidi von Nino Rota und Le pauvret matelot von Darius Milhaud besteht, schon die erste Hälfte absolviert. Die Bayerische Theaterakademie August Everding begeht mit der Produktion mit Studierenden im Fach Gesang, meistenteils an der Hochschule für Musik und Theater München, auch gleich zwei Jubiläen: Zum einen wird das Prinzregententheater, in dem die Akademie zuhause ist, 125 Jahre alt. Zum anderen besteht seit 20 Jahren eine Kooperation mit dem Münchner Rundfunkorchester und erweist sich sowohl für Rota als auch für Milhaud als Glücksfall. Denn die Musiker im Graben sind insofern hörbar in ihrem Element, als von beiden Komponisten ein gekonnter Spagat zwischen Formen so genannter ernster und unterhaltender Musik gefordert ist.

Foto © Cordula Treml
Ingo Kerkhof dagegen, den Regisseur des Abends, interessiert an beiden Stücken vor allem die ernste Frage nach der menschlichen Vorbestimmtheit im Widerspruch zum vermeintlichen freien Willen. Die Dramaturginnen Adele Bernhard und Annabell Strobel, ebenfalls Studierende der Akademie, liefern dazu im Programmheft wie auch in der Einführung vor Beginn der Aufführung hilfreiche Hintergrundinformationen. Doch durch dieses Konzept geht in der Münchner Produktion ein wenig unter, dass im 1950 als Rundfunkoper uraufgeführten Stück I due timidi zwei Liebende auf komische oder zumindest tragikomische Weise nicht zusammenkommen und schließlich beide in einer anderen Partnerschaft enden. Die Musik von Rota, nach wie vor primär als Filmkomponist für Fellini oder Coppola bekannt, ist aber in ihrer stilistischen Vielfalt und im virtuosen Wechsel zwischen Ironie und Melancholie so brillant, dass sie nicht ins Hintertreffen gerät.
Dem Regiekonzept entsprechend hat Hana Ramujkić neben den Kostümen einen Bühnenraum geschaffen, der von einem zweigeteilten holzvertäfelten Quader beherrscht wird. Für die getrennten Wohnungen, in denen das Geschehen zwischen den Liebenden seinen Lauf nimmt, ist hier in abstrahierter Form ebenso Platz wie auf der Spielfläche davor. Dort steht am linken Bühnenrand ein Klavier, an dem Csinszka Rédai zum einen mit dem Part zu erleben ist, der in I due timidi etüdenhaft von einer Wohnung zur anderen herüberschallt. Zum anderen gibt es in Auf und ab Einfügungen und musikalische Überleitungen mit Klavier von Germaine Tailleferre, Eric Satie, Georges Auric und wiederum Darius Milhaud. Durch sie können neben dem Bassbariton Lovro Kotnik, der den Erzähler in Rotas Oper singt, auch Teodora Ateljević, Madeleine Shari Wulff und Viktoria Matt mehr von ihrem Können zeigen, als es die Partien der Zimmermädchen vorsehen. Gleiches gilt für Julia Schneider in der eingangs erwähnten Mutterrolle. Alle vier überzeugen über ihre Opernpartien hinaus so auch chansonhaft singend und rezitierend.

Foto © Cordula Treml
Trotz der Erweiterungen und leichten konzeptionellen Überfrachtung ermöglichen der Gesang und das Spiel des übrigen Ensembles aber den unmittelbaren Zugang zu den beiden Opern. So wird das verhinderte Paar Mariuccia und Raimondo in I due timidi von Rusnė Tušlaitė und Mose Lee trotz biederer bis graumäusiger Kleidung und Maske farbenreich und mit der für das Stück titelgebenden Schüchternheit interpretiert – von ihr mit leichtem, im Vibrato angenehm flirrendem Sopran und von ihm mit Potenzial für kraftvolle Puccini-Phrasen. Für die Wirtin Signora Guidotti, die in Raimondos zwischenzeitlichem Delirium seine Partnerin wird, hat Alina Berit Göke die passend-zupackenden Töne und Blicke in petto. Den Doktor Sinisgalli, der sich Mariuccia „angelt“, gestaltet Haozhou Hu mit dem hellen Timbre und darstellerischer Abgebrühtheit eines bereits gestandenen Buffotenors.
In Milhauds Le pauvre matelot aus dem Jahr 1927 ist es mit der Verspieltheit gänzlich vorbei, für die der Komponist bei aller Dramatik des Textes von Jean Cocteau eine eher nüchterne und quasi balladenhaft kommentierende Musik komponiert hat. Anders als bei Rota ohne nennenswerte Brüche wird vom Regieteam die Handlung von dem Matrosen gezeigt, der nach fünfzehn Jahren unerkannt als reicher Mann zu seiner Frau zurückkehrt und von ihr nachts umgebracht wird. Denn aus Abenteuerlust macht er den, wie sich herausstellt, fatalen Fehler, der Frau eine kostbare Perlenkette zu zeigen und zu erzählen: Anders als er wäre ihr Mann in Not geraten. Statt der von ihm „aufgesparten“ Wiedererkennung folgt daher von ihr in der Absicht, mit der Perlenkette ihren Mann freikaufen zu können, der Mord an ihm im Schlaf mit einem Hammer.
Die Tragik der Frau des Matrosen bringt Beatriz Maia ideal zum Ausdruck, indem sie die Geradlinigkeit der Figur mit klarem Sopran und durchgehender Spannung ohne Verspanntheit verkörpert. Von der Übertreibung abgesehen, dass sie am Ende vollkommen blutüberströmt im Scheinwerferlicht steht, ist diese Charakterisierung auch eine Stärke der Inszenierung. Als Matrose ist Henrique Lencastre mit seinem gerade für Milhauds Parlando-Stil erfreulich flexiblen Tenor ebenso wie schauspielerisch eine hervorragende Besetzung. Szenisch weniger Profilierungsmöglichkeiten bieten die Partien des Freundes und des Schwiegervaters des Matrosen, in denen der Bariton Tatsuki Sakamoto und der Bass Aaron Selig stimmlich jedenfalls zeigen, warum sie neben der Oper auch schon die Weichen für eine erfolgreiche Konzert- und Liedkarriere gestellt haben.
Das vom Regieteam wiederum hinzugefügte Nachspiel der eindreiviertel Stunden dauernden, ohne Pause gespielten Produktion wäre einerseits nicht unbedingt nötig gewesen. Andererseits versammelt es zum Abschluss das komplette Ensemble auf der Bühne, dessen Gesamtleistung anschließend vom Publikum gebührend gefeiert wird. Großen Applaus erhalten nicht zuletzt das Orchester und Dirigent Peter Rundel, dessen große Erfahrung mit moderner Musik erheblich zum Gelingen des ambitionierten Abends beigetragen haben dürfte.
Sebastian Stauss